Die nackte Ekstase der Neo-Hippies

Was ist eigentlich aus den Hippies geworden? Der Fotograf Steve Schapiro hat genau diese Frage in seinem neuen Buch beantwortet.

von Zio Baritaux; Fotos von Steve Schapiro
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23 Juli 2014, 9:15am

Im neuen Bildband Bliss des Fotografen Steve Schapiro meditieren und tanzen nackte, langhaarige Hippies: Auf einem der Fotos ist ein nackter Rothaariger zu sehen, sein Körper ist voll mit angetrocknetem Matsch, er lacht in den Himmel und gibt sich dem Groove hin. Ein anderes Bild zeigt eine Gruppe im Gebetskreis, die mit ihrem Sitznachbarn ihre Hände zu Herzsymbolen formen.


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Solche Zusammenkünfte und Happenings erwartet man auf Fotos aus den 60ern, aber das Besondere an diesen Fotos ist, dass sie erst 2014 entstanden sind. "Viele denken, dass die Hippies ein Phänomen der 60er und frühen 70er waren", schreibt Schapiros Sohn Theophilus Donoghue in der Einleitung. "Aber die Bewegung hat nie aufgehört zu existierten. Sie hat sich lediglich aus den Städten zurückgezogen, um in Ökodörfern zu leben und sich dort zu ihre alljährlichen Festen zu treffen."

Für Bliss sind der Fotograf und sein Sohn durch die USA gefahren und haben mehrere Festivals besucht, darunter Mystic Garden, sogenannte Rainbow Gatherings und Electric Forest, wo sie intime Momente von Neo-Hippies bei ekstatischen Tänzen, visionärer Kunst, Sound Healing, Meditieren und Yoga festgehalten haben. Das war nicht das erste Mal, dass er die Subkultur fotografiert hat. Sein erster Auftrag für das Life Magazin führte ihn 1967 zu den Hippies in den Haight-Asbury District in San Francisco, auch wenn sich seitdem viel verändert hat, wie er uns im Interview weiter unten verraten hat. Schapiro hat historische Momente wie die Märsche mit Martin Luther King, Jr. von Selma nach Montgomery dokumentiert; außerdem Prominente wie Steve McQueen, Sophia Loren, Andy Warhol, Michael Jackson und David Bowie und auch die Fotos für die bekannten Filmposter von Taxi Driver und Der Pate III stammen von ihm. Der mittlerweile 82-Jährige ist immer noch auf der Suche nach dem perfekten Foto: "Ich habe bisher noch nicht das beste Foto geschossen. Ich weiß noch nicht, was es sein wird."

Wie bist du zur Neo-Hippie-Bewegung gekommen? Und warum wolltest du die Szene fotografieren?
Am amerikanischem Unabhängigkeitstag im Jahr 2001 bin ich zusammen mit meinem Sohn Theophilus zu einem Rainbow Gathering in Michigan gegangen. Die Gruppen-Vibes waren fantastisch. Auf den Rainbow Gatherings gibt es das Sprichwort: Alles, was du brauchst, ist eine Schüssel, einen Löffel und einen Bauchnabel. Wenn du eine Trommel spielen kannst, ist es noch besser. 2008 hat mir Theophilus zum Vatertag ein Ticket für das Burning-Man-Festival geschenkt. Das war eine großartige künstlerische Erfahrung. Ich hatte meine Kamera eingepackt – und damit hat alles angefangen.

Du hast die bereits die vergangene Hippie-Bewegung miterlebt. Hat es dich überrascht oder warst du vielleicht sogar besorgt darüber, dass dein Sohn ein Neo-Hippie geworden ist?
Theophilus war schon immer spirituell und liebt es zu tanzen. Er inspiriert seine Umwelt und zeigt mir, wie ich spiritueller sein kann. Neo-Hippies haben eine andere Einstellung zum Leben und sich selbst und anderen gegenüber als die Hippies, die ich damals in Haight getroffen habe.

Kannst du das genauer erklären? Wie unterscheiden sich die Hippies von damals von den Hippies von heute?
1967 habe ich die Szene in Haight-Ashbury für einen Essay über "Hippies und Indianer" für Life fotografiert. San Francisco war damals Psychedelic City. Alles, woran die Menschen dachten waren Drogen und eine schnelle Nummer. Die Bands, die im Fillmore West gespielt haben (Grateful Dead, Jefferson Airplane, the Doors and Janis) sind Kult und ihre großartige Musik hat überlebt. Aber im Gegensatz zu den Hippies von damals sind die Mittel der jetzigen Generation Meditation, Gebete und ekstatisches Tanzen, um in andere Bewusstseinszustände zu gelangen – und nicht psychedelische Drogen. Außerdem wird auch sehr stark auf den Körper geachtet und die Leute ernähren sich vegan oder essen ausschließlich Rohkost.

Was passiert auf diesen Festivals? Wie verläuft ein typischer Tag für einen Hippie beim Mystic Garden oder Electric Forest?
Im Sommer gibt es überall Musikfestivals, nicht nur in Oregon oder im Norden Kaliforniens, wo man sie erwarten würde, sondern überall in den USA und Europa. Die Festivals selbst sind so etwas wie Familienfeste, zu denen die Hippies jedes Jahr kommen, um alte Freunde wiederzusehen. Sie leben für eine Woche in Autos oder Zelten. Bei richtigen Familienfestivals wie Mystic Garden gibt es auch keinen Alkohol. Dort bringen die Leute ihre Kinder mit. Normalerweise gibt es Auftritte von beliebten Musikern wie Nahko und Medicine for the People. Stände verkaufen Essen: von Rohkost bis zu Thai-Gerichten. Es gibt viele Angebote wie Yoga und Meditations-Workshops. Am wichtigsten aber ist das extrem spirituelle Tanzen. Damals in Haight waren es die Musiker, die am wichtigsten waren und die sich jeder angeschaut hat. Heutzutage bei den Festivals geht es viel mehr den Spirit der Leute beim Tanzen. Das sorgt für ein einzigartiges Gruppenerlebnis.

Hast du selbst bei einigen Sachen mitgemacht?
Ich habe viele Freunde dort kennengelernt, mich viel unterhalten, ein wenig getanzt und viele Fotos gemacht. Jeder mag es, fotografiert zu werden. Das Bild auf der vorletzten Seite im Buch fängt den ganzen Geist der Veranstaltung ein und bringt einen immer wieder zum Lachen.

Welches Gefühl sollen die Leute von deinen Fotos im Kopf behalten?
Hoffentlich einen Sinn für den Wert des Lebens.

Bliss: Transformational Festivals & the Neo Hippie ist bei powerHouse Books erschienen.

Credits


Alle Fotos: © Steve Schapiro aus dem Buch Bliss: Transformational Festivals & the Neo Hippie

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