wenn dogmen digital werden: die neue form der onlinespiritualität

Kristalle, Schamanen und Traumfänger sind nicht mehr aus unseren Instagram-Feeds wegzudenken. Doch wie ernst meinen es die Leute mit ihrer Spiritualität, wenn sie beim Yoga an Likes denken?

von Naomi Melati Bishop
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17 August 2016, 10:15am

Weil mein Vater gemeinsam mit einem Navajo-Häuptling und Freunden in unserem Wohnzimmer Peyote nehmen wollte, habe ich vor zehn Jahren die Uni geschwänzt.

„Ihr seid solche Hippies", sagte er damals mit einem Augenzwinkern. Die Zeiten haben sich geändert. Heute sind die Leute viel entspannter. Alles, was man heutzutage für ein spirituelles Erlebnis tun muss, ist, durch seinen eigenen Instagram-Newsfeed zu scrollen. Instagram-Stars wie @goddess_rising und Audrey Kitching haben mit ihren verträumten Fotos von Kristallen, Blumen und Elixieren eine Schar an Follower. Von Heilsteinen bis zu religiösen Psalmen: Spiritualität ist heutzutage digital.

Einige halten mich für einen typischen Vertreter der Gattung Millennial Hippie: Ich habe mehrere Lotus-Mandala-Tattoos, ich habe Temazcal im Dschungel von Tulum genommen, ich bin mehrere Tausende Kilometer gereist, um mich in der Schule der Kejawen einweisen zu lassen und trage verschiedene Heilmittel und Amulette mit mir herum. Ich bin sogar mit meinem Schamanen auf Facebook befreundet. Ich bin damit aufgewachsen, viele Tempel, Moscheen, Kirchen, Schreinen und Heiligtümern zu besuchen. Die Freiheit, mir meinen Glauben selbst auszuwählen, hat meine eigene Spiritualität geprägt. Ich habe mir meinen eigenen Glauben aus verschiedenen Bräuchen und Religionen zusammengestellt. Ich glaube nicht an die eine Religion, sondern an Vieles.

Durch die moderne, säkulare Gesellschaft können wir uns aus unterschiedlichsten Bräuchen und Weltanschauungen unseren individuellen Glauben zusammenstellen. Social Media hat es leichter gemacht, diese flexible Spiritualität öffentlich zu machen—und zu kommerzialisieren. Man muss einfach nur auf die getaggten Accounts in einem Instagram-Foto klicken, dann wird einem relativ schnell klar, dass die Freundin, die einen Poncho trägt und vor Traumfängern sitzt, nicht nur ihren spirituellen Lifestyle zeigen will, sondern auch Werbung für die Firmen macht, die für diesen Post bezahlen.

Sind wir die Generation Witchcraft? Genau das haben wir eine Hexe gefragt.

Zwar sorgen die sozialen Netzwerke dafür, dass haltgebende Bräuche in einer immer weniger haltgebenden Welt sichtbar sind, aber sie versagen dabei, wenn es darum geht, ein authentisches Bild von einem Leben zu zeichnen, in dem es um Selbsterkenntnis geht. Ein Meister in Meditation zu werden, dauert Jahre, Jahrzehnte, ja sogar ein ganzes Leben. Man muss täglich üben, damit sich etwas im Kopf ändert. Aber die heutige Instagram-Spiritualität ist genauso verdünnt und zersplittert wie die Seelen, die wir versuchen zu heilen. Wie können wir heute authentisch leben, wenn #liveauthentic ein Trend in den sozialen Netzwerken ist? Und welche Rolle spielen die Netzwerke in dieser Spiritualitätswelle?

Heute leben viele nach Ayurveda, sie besuchen Naturheiler, Krankenkassen zahlen Yogakurse, viele nehmen Ayahuasca, machen den Mondverlauf für ihre Stimmungsschwankungen verantwortlich, beten Totems an oder drehen einfach nackt beim Burning Man-Festival durch. Wenn coole Leute, die viele Follower haben, über bestimmte Rituale schreiben, kann man sich dessen kaum entziehen. Wenn Instagram-Muse Nat Kelley ein Foto von sich mit Heilsteinen auf ihrem nackten Rücken postet, dann googeln die Leute nach Chakras und landen bei Angeboten wie das bei Groupon: über 50 Prozent Rabatt aufs Kartenlegen.

Während wir früher spirituelle Führung bei Thích Nhát Hanh oder Jaggi Vasudev, aka Sadhguru, gesucht haben, sind unsere neuen Gurus heutzutage die Social-Media-Stars. Sie sind unsere modernen, metaphysischen Cheerleader, die ihre Lehren per Livestream unters Volk bringen—für Unternehmen gegen ein gewisses Entgelt.

Dank moderner Technologien ist es heutzutage relativ einfach, Guru zu werden. Du kannst online ein zertifizierter Yogalehrer werden. Statt das Geld für einen Flug nach Indien zu bezahlen, kannst du ein virtuelles Ashram besuchen—natürlich in 3D. Viele Leute besuchen die Kirche lieber im Second Life, als eine Kirche aus Holz und Stein zu betreten. Seit jeder über Nacht zum Experten in Sachen Spiritualität werden kann, regiert spiritueller Dilettantismus und alles ist snackable, anstatt global für eine bessere Zukunft zu sorgen.

Man fragt sich, was die Leute dazu bewegt, ihre privaten Bräuche und ihren privaten Glauben mit der Öffentlichkeit zu teilen. Die meisten von uns würden zwar nicht ihre Sexfotos veröffentlichen, aber wir sind schnell dabei, unsere spirituellen Ansichten mit anderen zu teilen. Eine Antwort darauf könnte sein, dass die Leute mit ihrem neu erworbenen spirituellen Wissen zeigen wollen, wie #blessed sie sind. Mit anderen Worten: „Seht mich an, seht mich an, ich bin eine Trendsetterin!"

Yogis, die Posen für Fortgeschrittene auf Instagram posten, werden einwenden: „Aber das Feedback gibt mir Kraft". Aber sollte die Motivation nicht aus einem selbst kommen, und nicht vom Drang, von anderen Bestätigung zu erhalten, geleitet sein? Meditieren und das eigene Ego zurückstellen, harmoniert wohl kaum damit, an die Likes zu denken, die man auf Instagram für eine Pose bekommen kann. Würden immer noch so viele Menschen meditieren und Yoga machen, wenn sie damit nicht im Internet angeben könnten?

Es gibt natürlich viele Menschen, die aus tieferen Beweggründen, ein spirituelles Leben führen. „Auf meinem Instagram-Account präsentiere ich oft spirituelle Elemente, weil das Teil meines Lebens ist", erklärt die Schauspielerin Nat Kelley. „Ich glaube nicht daran, dass man eine Stunde meditiert, und dann den Rest des Tages wieder zur Normalität übergeht. Ich strebe eine ganzheitliche Spiritualität an, die mein ganzes Leben umfasst." Kelley trinkt Zen-Tee, nutzt Naturheilkunde und schert sich beim rituellen Tanzen nicht darum, wie ihre Haare aussehen. Auf speziellen Meetings lernt sie Kulturtechniken, die längst vergessen sind: Wie man mit den eigenen Händen ein Feuer macht, wie man Lebensmittel haltbar macht und wie man webt.

Sollte man auf Instagram ein Foto von einer spirituellen Zeremonie posten? Oder anders gefragt: Gehört Instagram zum „geheiligten Raum" einer spirituellen Erfahrung? Es kommt darauf an. „Durch die ästhetische Qualität von Instagram ist es relativ leicht, darüber zu entscheiden, ob das Profil einer Person mit den eigenen Anschauungen und Werten übereinstimmt. Im Gegensatz zu festgelegten Dogmen kann ein Foto eines schönen Mandala-Tattoos die eigene spirituelle Reise inspirieren", erklärt Kelly. „Social Media verbindet Gleichgesinnte, die sich sonst nie gefunden hätten." Einige spirituelle Führer vergleichen Social Media mit in den sozialen Netzwerken der Aborigines. 

Dass Bräuche, die die Seele bereichern sollen, ebenso als Trend behandelt werden wie Overknee-Stiefel, die vor vier Saisons in waren, ist ein trauriger Befund. Schamane Jon Rasmussen rät mir trotzdem, dass ich mich damit arrangieren soll und verstehen muss, dass Social Media ein Teil unserer menschlichen Natur ist: „Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen der Geburt einer neuen Spezies im Amazonas und der Geburt einer Technologie im Silicon Valley. Das ist alles Natur. Sie ist wild, unbezähmbar und gefährlich wie der Dschungel, die Vulkane, die Meere und die Tiere. Geben wir der Angst nicht nach, sondern zeigen Mut angesichts der immer größer werdenden, unbezähmbaren Kreatur, zu der Social Media als Ausdruck unserer spirituellen Kapazitäten, die wir alle in uns tragen, gehört."

Mit der Vorstellung, dass Social Media diese unaufhaltsame Kraft ist, die unser kollektives Bewusstsein erweitert, kann ich mich arrangieren. Aber Social Media kann auch anders genutzt werden: als Waffe, um andere zu beeinflussen—oder um damit Geld zu machen. Deepak Chopra hat einmal gesagt: „Social-Media-Trends spiegeln das Menschsein wider. Durch teuflischen Einsatz kann man damit schlimmere Verwüstungen anrichten als durch Kriege. Oder wir bringen die Welt enger zusammen und schaffen damit Frieden, Harmonie, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit." Wie können wir diese Technologie auf positive Art und Weise nutzen, um für gute Laune zu sorgen und andere zu inspirieren? Ich möchte immer eine authentischste Version von mir präsentieren, ob nun auf Social Media oder nicht. Bevor du also das nächste Mal ein Foto von deinem Zauberstab postest oder den Hashtag #blessed benutzt, hinterfrage, warum du das Bedürfnis verspürst, dieses Foto überhaupt hochzuladen. 

Credits


Text: Naomi Melati Bishop
Lede-Foto: Janusz Sobolewski via FlickrCC BY 2.0

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