Der i-D-Guide zu Fashion-Week-Partys

Die Partys bei einer Fashion Week können schwindelerregend und glamourös sein, aber auch schrecklich und absurd. So oder so machen sie meistens mehr Spaß als ein Abend allein vor dem Fernseher. Um sich im Partydschungel zurechtzufinden, braucht es...

von James Anderson
|
27 Oktober 2014, 11:58am

Vorbereitung

Für viele gleicht es einem Alptraum, sich fürs Outfit zu einer Fashion-Week-Party entscheiden zu müssen. Wir haben euch vier Stil-Typen aufgelistet, die ihr auf den Partys antreffen werdet:

Typ 1: Trägt ein aufsehenerheischendes Ensemble, um absichtlich lächerlich zu wirken, denn fotografiert zu werden macht diese Leute seelig (und außer Instagram haben sie keine Freunde).

Typ 2: Trägt tolle Designerkleidung, die ihm oder ihr von einem vertrauensseligen Bekannten geliehen wurde, der bei einer PR-Firma in der Modebranche arbeitet. Zum Dank für das Vertrauen wird erst mal Rotwein über die Klamotten gegossen.

Typ 3: Trägt irgendwelche alten Klamotten und schert sich nicht drum, weil er oder sie supertalentiert ist und die Branche ihm oder ihr ohnehin huldigt und es nie wagen würde, über den unscheinbaren Aufzug herzuziehen.

Typ 4: Trägt den angesagtesten Look der letzten Saison und versteht nicht, warum niemand mit ihm/ihr spricht (und wird wegen dieses Faux Pas in dieser Stadt wahrscheinlich nie wieder Arbeit finden).

i-Ds Ratschlag für euch ist, ein Outfit auszusuchen, das euch hervorragend steht und in dem ihr euch von eurer besten Seite zeigen könnt. Unabhängig davon, was die anderen tragen.

Einlass

Sofern ihr nicht gerade ein bekanntes Gesicht in der Modebranche seid, müsst ihr euch darauf einstellen, dass ein arroganter Türsteher es euch schwer machen wird, egal ob ihr auf der Gästeliste steht oder nicht. Das ist schließlich eine Fashion Party—potentielle Erniedrigung vor dem Eingang zu den geheiligten Hallen gehört einfach dazu. Erinnert ihr euch noch an dieses altertümliche Konzept namens Würde? Bleibt ruhig, macht keine Szene und fangt auch nicht an zu heulen. Höflichkeit und Geduld werden euch früher oder später weiterbringen. (Wir können uns noch zu gut an eine recht bekannte Dame erinnern (Model und Redakteurin) erinnern, die betrunken auf einem Londoner Bürgersteig lag. Sie weinte, zeterte und zitterte regelrecht vor Wut, weil sie nicht auf die Fashion Week Party eines bekannten Kaufhauses gelassen wurde.)

Schikane

Dem Sicherheitspersonal ist es schnuppe, dass ihr ein erfolgreiches Blog betreibt. Dem Sicherheitspersonal ist es egal, dass ihr in der Redaktion einer international erfolgreichen Zeitschrift arbeitet. Dem Sicherheitspersonal ist es auch völlig Latte, dass euer Schmuck (der aus den Eingeweiden eines toten Hamsters gefertigt wurde) total avantgardistisch ist. Dem Sicherheitspersonal geht es am Arsch vorbei, dass ihr jedes Jahr mit Kate Moss in den Urlaub fahrt. Das Sicherheitspersonal wird es nicht erlauben, dass ihr euch mit euren besten Freunden in der Toilette einschließt. Oder neben der Treppe steht. Oder neben der Bühne. Oder überhaupt irgendwo. Das Sicherheitsleute werden ihren Freunden nachher erzählen, was für einen Haufen Freaks sie während der Fashion Week gesehen haben.

Ignoriert werden

Wenn ihr unbedingt auf eine Fashion Party gehen wollt, müsst ihr damit rechnen, ignoriert zu werden. Niemand ist so blöd, das noch „Netzwerken" zu nennen, aber in dieser Umgebung legen sich alle bei der Eigenwerbung permanent gewaltig ins Zeug. Egal, ob ihr euch gerade mit jemandem unterhaltet, den ihr seit Jahren kennt und verehrt, oder mit jemandem, den ihr gerade erst kennen gelernt habt, von Zeit zu Zeit werden sie aufhören, euch zu zuhören, und abgelenkt in die Luft starren. Selbst, wenn ihr ihnen gerade erzählt habt, dass ihr an einer tödlichen Krankheit leidet und nur noch drei Monate zu leben habt. Und das deshalb, weil sie jemanden gesichtet haben, der viel wichtiger und für die eigene Karriere viel nützlicher ist als ihr. 

Tanzen?

Auf einer superprotzigen Fashion Party gibt es professionelle DJs, die sich um die Musik kümmern. Auf einer Party mit etwas kleinerem Budget wird ein Kumpel des Designers eingespannt, der einen iPod besitzt und auf Beyoncé steht, um 'die Party in Gang zu kriegen'. So oder so wird die Tanzfläche häufig verwaist sein—der Großteil der Modeleute ist nämlich viel zu cool, um auf einer Party—aufgepasst—zu tanzen. Aber auch nicht immer. Normalerweise kann man damit rechnen, dass sorglose junge Praktikanten von Modezeitschriften oder ein oder zwei richtig genervte PR-Leute die Party mit gespielt-lesbischen Moves, übertriebenen Verbiegungen und komödiantischem Hinfallen beleben. Der Rest wird vorsichtig einen Fuß im Takt bewegen und kaum wahrnehmbar mit dem Kopf wippen oder—besonders wenn es sich um eine Party in Mailand handelt—einfach nur gelangweilt dastehen.

Essen

Ein hartnäckiges Gerücht besagt, dass Menschen, die sich beruflich mit Mode beschäftigen, nicht essen. Das stimmt nicht ganz. Sie essen winzige Kanapees, die auf Fashion Partys von überaus gut aussehenden Kellnern serviert werden, die sich damit neben ihrer Hauptbeschäftigung als arbeitslose Schauspieler noch etwas dazu verdienen. Die winzigen Burger und das Gebäck mit undefinierbarer Füllung erfüllen einen wichtigen Zweck—sie kleiden den Magen aus, um die Aufnahme der Freigetränke zu erleichtern. Was uns auch schon zum nächsten Punkt bringt.

Trinken

Macht euch auf Freigetränke en masse gefasst, denn Getränkehersteller lieben es, solch glamourösen Blödsinn zu sponsern. Und der Modezirkus liebt es, sich für lau volllaufen zu lassen. Tatsächlich ist ein Kater auf der Fashion Week so eine Art Ehrenabzeichen, ein zeitloses Accessoire, das sich allen Trends widersetzt. Auf den Partys mit Riesenbudget wird es unbegrenzt Champagner, Bier, Spirituosen und Wein geben, und zwar solange, bis sich die Heiterkeit ihrem unschönen Ende zuneigt. Die kleineren Events warten mit einem beschränkten Vorrat an seltsam schmeckenden Cocktails, fragwürdigen Energy-Drinks und lauwarmen Bier auf—was zu Gedrängel an der Bar und den damit zusammenhängenden Wutanfällen führt, ganz zu schweigen vom Massenexodus, sobald der Alkohol ausgeht.

Sich daneben benehmen und überleben

Ein Ergebnis des modeuntermalten Alkoholkonsums kann sein: ein normalerweise total unterkühlter Stylist, der sich in aller ?-ffentlichkeit auf eine Eisskulptur übergibt (Mailand), ein bekannter, schwuler Moderedakteur, der unverhohlen an der Bar einem männlichen Model einen bläst (Paris), eine PR-Managerin, die ihren Lanvin-Rock versehentlich mit ihrer Zigarette anzündet (New York), und ein It Girl, das von einem Balkon fällt und sich den Knöchel bricht (London). All das hat i-D über die Jahre beobachten können. Neulinge werden vielleicht etwas perplex sein. Erfahrene Partygänger werden vielleicht stutzen und kurz hinsehen, aber eigentlich haben sie das alles schon gesehen und bestellen sich einfach den nächsten Drink. Wenn sich die Fashion Week dann ihrem Ende neigt, werden die hartgesottensten Nachtschwärmer aschfahl und ausgelaugt sein, möglicherweise Verbrennungen haben, Spermaflecken auf ihrer Kleidung, blaue Flecken auf ihrem Körper, auf Krücken gehen, gedemütigt sein, in einem Krankenwagen liegen, mehr Schwachsinn von sich geben als sonst und eine sechsmonatige Entgiftung nötig haben, um sich zu erholen. Wonach sie wieder bereit sein werden für die nächste Runde der Fashion-Week-Partys.

Credits


Text: James Anderson
Fotos: Martin Zähringer

Tagged:
Fashion
FASHION WEEK
fashion-week-guide