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diese website zeigt dir, wo liebe auf der welt illegal ist

Weder Bundespräsident Gauck noch Sängerin Ciara haben auf ihren jüngsten Besuchen in Nigeria auf die Situation und Verfolgung Homosexueller in dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas aufmerksam gemacht. Das möchte „Where Love is Illegal“ ändern. Auf der...

von Alice Newell-Hanson
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04 März 2016, 12:00pm

Nigeria. Mitte Februar war Bundespräsident Gauck in dem Land, Ciara tanzte vor Kurzem durch die Straßen der Hauptstadt Lagos, doch beide ließen bei ihren Besuchen in dem vom Kampf mit der islamistischen Terrormiliz Boko Haram gezeichneten Land eines unerwähnt: die steigende Homophobie und Verfolgung Homosexueller in dem bevölkerungsreichten Land Afrikas. Das will „Where Love is Illegal" nicht nur in Nigeria ändern. Die Plattform gibt Opfern brutaler homophober und transphober Gewalt ein Gesicht und eine Stimme. Wir haben den Mann dahinter zum Gespräch getroffen.

Während er für einen Auftrag 2014 in Nigeria unterwegs war, traf der preisgekrönte Fotojournalist Robin Hammond, der schon seit über 15 Jahren in Afrika arbeitet, fünf junge, schwule Männer, die aufgrund ihrer Sexualität im Gefängnis landeten, ausgepeitscht wurden und denen mit der Todesstrafe gedroht wurde. Zwar wurden die Anklagen fallengelassen, aber die Männer waren trotzdem eingeschüchtert. Robin Hammond sagte ihnen, dass er ihre Geschichte erzählen möchte. „Wir haben uns in einem Hotelzimmer getroffen, weil sie so viel Angst hatten. Sie haben mit mir über ihre Folter- und Missbrauchserlebnisse gesprochen. Körperliche Narben verheilen, aber die vollständige Ausgrenzung durch ihre Familien hinterlässt die viel tieferen Narben. Das hat mich schockiert."

Die Männer erklärten Robin Hammond, dass Fotos von ihnen sie in noch größere Gefahren bringen könnten und sie so noch mehr größerer Verfolgung ausgesetzt wären. „Sie sollten ihre Geschichten nach ihren Bedingungen erzählen können", so Hammond. „Zu diesen Bedingungen gehörte, dass weder ihre Gesichter erkennbar sind noch dass ich ihre Namen verwende." Diese Fotos waren der Anfang der Plattform „Where Love is Illegal". Damit soll Überlebenden von Diskriminierung und Verfolgung von homophober Gewalt die Chance gegeben werden, ihre Geschichte zu erzählen und sichtbar zu sein. Statt über sie soll direkt mit den Betroffenen gesprochen werden. Bis jetzt wurden Geschichten und Fotos von Leuten aus Malaysia, Kamerun, Israel, den USA, China, Uganda und Indien veröffentlicht. Die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung gibt es überall auf der Welt. Erst im Februar hat die indonesische Regierung Emojis, die gleichgeschlechtliche Paare zeigen, verboten.

„Die Statistiken über die Lage von Schwulen und Lesben auf der Welt sind schockierend", sagt Hammond. „Mehr als 2,8 Milliarden Menschen leben in Ländern, in denen einvernehmlicher Sex zwischen Personen des gleichen Geschlechts eine Straftat darstellt", so der Fotograf. „Wenn man die persönliche Geschichte hört und Fotos sieht, dann entsteht eine emotionale Verbindung. Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich möchte wenigstens versuchen, ihre Lage ein bisschen zu verbessern."

Wir wollten mehr über das Projekt wissen und haben Robin Hammond deswegen ein paar Fragen gestellt.

Wie kam es zu diesem Projekt?
Während meiner Zeit in Afrika ist mir dort die steigende Homophobie und Transphobie aufgefallen. Je mehr ich recherchiert und je mehr ich gelernt habe, desto mehr habe ich begriffen, dass der Fokus der Debatte um LGBT-Rechte hauptsächlich auf den abstoßenden Tätern liegt, die sich artikulieren und die schwulenfeindliche Gesetze verabschieden. Nur ganz selten hören wir von den Leuten, die Verfolgung überlebt haben.

Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, diesem Kampf für Menschenrechte ein Gesicht zu geben. Ansonsten bleibt es immer ziemlich abstrakt. Ich wollte Leute treffen, von denen ich gehört hatte, und einen Weg finden, damit sie eine Stimme erhalten.

Ich habe diese Leute fotografiert und sie gebeten, ihre Geschichten so zu erzählen, wie sie es für richtig halten. Je länger es dauerte, desto mehr habe ich auch die Kontrolle darüber abgelegt. Der Fotografieprozess wurde immer mehr zu Teamwork und wir haben darüber gesprochen, wie sie fotografiert werden wollen. Ich bat jede Person darum, ihre Geschichte für die Website aufzuschreiben, damit es Worte von und nicht über sie sind. Für viele ist es das erste Mal überhaupt, dass sie Kontrolle darüber haben, wie sie gesehen und gehört werden.

Wie wurde es dann zu einem globalen Projekt?
Ich bin der Meinung, dass Diskriminierung dort floriert, wo die Überlebenden von der Doppelmoral zum Schweigen gebracht werden sollen. Denn in diesen Ländern herrscht die Vorstellung vor, dass Leute aus der LGBT-Community unnatürlich sind oder keine Moral haben. Doch das Traurigste dabei ist, dass viele aus der LGBT-Community in diesen Ländern diese Vorstellung selbst übernommen haben und daran glauben, weil das alles ist, was sie kennen. Dieses Projekt ist deshalb die Chance, ihre Geschichte zu erzählen. Mit Social Media erreicht man das größtmögliche Publikum.

Wie hast du Leute davon überzeugt, überhaupt mit dir zu sprechen?
Ich habe meistens mit NGOs vor Ort zusammengearbeitet. Auch in Ländern, in denen es sehr gefährlich ist, offen schwul oder Transgender zu sein. Dort gibt es LGBT-Organisationen—öfter als man glaubt, auch wenn sie sich selbst so nicht bezeichnen. Es war mir sehr wichtig, dass ich mit diesen Organisationen sehr eng zusammenarbeite. Durch sie hatte ich Zugang. Außerdem brauchte ich auch selbst jemanden, der sich auskennt. 

Gibt es Leute, mit denen du gesprochen hast, und die lieber nicht involviert werden wollten?
Ja, aber der Großteil wollte mitarbeiten. Jede Person hatte unterschiedliche Bedingungen. Interessant dabei war, dass die Überlebenden aus Ländern, in denen es besonders schwierig ist—wie Uganda—, besonders offen waren. Denn sie leben in Ländern, in denen sie bereits sowieso geoutet wurden.

In ugandischen Zeitungen gab es eine Kampagne, die dazu aufrief, junge [schwule] Männer in sozialen Netzwerken aufzuspüren und ihre Bilder der Zeitung zu schicken, wo sie dann abgedruckt werden würden. Dadurch breitete sich dann bei vielen die Einstellung aus „Ach, eigentlich ist es auch egal. Ich bin offen schwul. Ich wurde zwangsgeoutet und das ist jetzt meine Chance, meine Geschichte zu erzählen."

Leute können auch für das Projekt spenden. Wohin gehen diese Gelder?
Ich bin seit 15 Jahren Fotojournalist und mich frustriert, dass es manchmal eben nicht ausreicht, auf Missstände aufmerksam zu machen, um Veränderungen zu bewirken. Deshalb habe ich die Organisation „Witness Change" gegründet, die im Zuge der Arbeit an dem Projekt entstand. Es gibt drei Organisationen—eine in Uganda, eine in Nigeria und eine in Südafrika—, für die wir Geld sammeln. Die sind sehr engagiert. Aber sie verfügen einfach nicht über die Mittel, um so effektiv zu sein, wie sie sein könnten.

Wie können Menschen helfen?
Teilt einfach ihre Geschichten. Es ist unglaublich mutig, was diese Leute machen—sie brauchen Unterstützung. Außerdem wünschen wir uns, dass Leute LGBT-Organisationen unterstützen. Die International Lesbian Gay Association (ILGA) ist das weltweit größte LGBT-Netzwerk. Auf deren Website findet man lokale Vereine, die vor Ort tätig sind, oder Organisationen, mit denen die ILGA kooperiert. Geld, das die Leute über unsere Website spenden, geht an die Organisationen, denen wir helfen. 

Hat sich seit dem Start des Projekts etwas positiv verändert?
Vor ein paar Monaten erreichte uns ein Notruf von einer Gruppe aus Nigeria, die wir unterstützen. Sie sagten uns, dass vier junge Männer festgenommen wurden und sie sich die Kaution nicht leisten können. Ich wusste, was mit ihnen im Gefängnis passieren würde. Sie würden gefoltert werden. Wir haben dann schnell auf Instagram einen Hilfsaufruf gestartet und die Leute haben uns unterstützt. Innerhalb von 24 Stunden hatten wir das Geld zusammen, um die Kaution zu stellen und die Anklage wurde fallengelassen. Die Summe war nicht groß, aber allein schon die Tatsache, dass es Leute aus der ganzen Welt gesehen haben, dass es da dringenden Handlungsbedarf gibt und dass wir helfen konnten, war sehr erfüllend. So was sollte sich öfter wiederholen.

Mehr Informationen findest du der Website des Projekts.

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Credits


Einleitung: Michael Sader
Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: Robin Hammond