voguelesque ist der neueste trend der schwulen subkultur in japan

Die Mischung aus Striptease, Poledance und Voguing ist die Antwort der schwulen japanischen Subkultur auf japanischen Autoritarismus, Patriarchat, Frauenfeindlichkeit und Homophobie.

von i-D Team
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04 März 2015, 1:40pm

Voguing, die Kunst über jemanden auf hohem Niveau zu lästern, fabelhaft zu sein und sich zu verrenken, war öfter en vogue als das kleine Schwarze. Entstanden ist Voguing ursprünglich in der Szene der schwulen, schwarzen Teenager aus Harlem in den 70ern, die opulente Balls, die die Debütantenbälle der weißen, reichen Oberschicht imitierten, veranstalteten. Für diese Teenager war und ist die Kultur vielleicht immer noch unerreichbar. 40 Jahre später hat Japan diese Kunstform für sich entdeckt. 

Freitagnacht in Toganocho, Downtown Osaka, inmitten von billigen Hotels und Spielautomaten existiert ein verstecktes Lokal, das Do With Cafe. Ich werde von Drag Queen-Kellnerinnen mit den üblichen Formalitäten begrüßt und die glamouröse Besitzerin Foxy betritt die Bühne. Sie ist natürlich unglaublich aufgedonnert und wedelt mit einer Flasche Moët und einer Wurstplatte rum. Offensichtlich sind das meine Begrüßungsgeschenke - japanische Gastfreundlichkeit kann nicht hoch genug gelobt werden.

Ich bin hier, um VSensation zu sehen. Das Zuhause einer wachsenden Club-Subkultur, die auf den Namen Voguelesque getauft wurde, eine Mischung aus Cabaret, Burlesque, Vogue und Waacking (Googeln!). Kurz ausgedrückt: Voguing, während man die Hüllen fallen lässt.

Gegründet wurde VSensation von Monica Mizrahi und Chycca Tatsumi. Tagsüber ist Monica Facharzt für Diabetes, der über Madonna zu Vogue kam. Nach vier Aufenthalten in New York und Auftritten im japanischen Fernsehen wusste Monica, dass sie einen Ort zum Voguen für Japaner schaffen muss. „Wenn du kein Streetdancer in Japan bist", erklärt er, „kannst du als Voguer kein Geld verdienen oder an Tanzwettbewerben teilnehmen." Chycca verdient sich als Burlesque-Tänzerin in einer lokalen Showbar nachts etwas dazu. Plötzlich wird klar, wie die beiden Kunstformen zueinandergefunden haben.

Die Kids trudeln ein und bereiten sich auf ihre drei Minuten Ruhm vor. Showto aka Showta Ninja, der vielversprechendste VSensations-Newcomer, verrät mir, wie er zu Vogue kam: „Meiner Mutter gehörte eine Showbar, in der viele Newhalfs (Transgender) abhangen. Ich war jung und kannte das Wort schwul damals noch nicht. "

Die Acts betreten die Bühne und Chyca stellte sie in Japanisch-Englisch vor - Ausländer zu sein ist exotisch, New-York- und London-Coolness ist hier tatsächlich noch hip. Poledancer voguen an Stangen, Voguer tanzen, viel Haut ist zu sehen und Showta und seine Tanzpartnerin zeigen uns nach der coolsten Vogue-Routine, die ich seit langer Zeit gesehen habe, ihre Mittelfinger. Jetzt sind die Gründerinnen und Housemother von VSensation an der Reihe. Chycca und Dr Monica performen provokative, übertrieben sexuelle Vogue-Routinen mit Handschuhen, Schleiern und durch die Luft fliegen falsche Geldscheine. Es geht um Sex, Geld und die öffentliche Darstellung der Persönlichkeit. In der japanischen Kultur sind es schwierige Themen, die für diese Gruppe japanischer Kids in Boy-London-Jogginghosen aufgearbeitet werden müssen.

Nach der Show kommt Chycca draußen zu mir und will, dass ich in meinem Artikel ein paar Sachen klarstelle: „Ich bin nicht mit Monica zusammen, du musst das schreiben. Zweitens, das japanische Strip-Gesetz hat sich geändert. Die wollen keine Striplokale mehr, die müssen jetzt schließen. Strippen bedeutet, dass wir unsere Geschichte zeigen können", ich schaue verwirrt, vielleicht liegt es am Schampus, also holt sie weiter aus, „ … es erlaubt uns, schön zu sein und wir selbst zu sein - dasselbe wie beim Voguing. VSensation hält diese Einstellungen am Leben. Nachdem ich Zeit in London verbracht habe, merke ich, dass Leute in Nachtclubs gehen, um ihre Persönlichkeiten auszuleben. Ich möchte das einfach auch hier haben."

Der Familienstolz ist hier nachweislich genauso leidenschaftlich wie bei den Houses aus Harlem. Kids kommen aus der Umkleide und tragen die angemessenen House-Utensilien, um ihre Verbundenheit zu zeigen.

Die Show ist vorbei und DJ Koppi übernimmt die Regler und fängt an, über den House-Beat zu rappen. Ich kann keine Queens mehr ertragen, die hunty, yessss, oder werk ins Mikro brüllen, ich erwarte mir nicht viel vom Abend. Sie fängt an, über ihre Vagina und ihre Identität zu reden. Außerdem erfahren wir, warum sie die Größe der Genitalien ihres Partners nicht interessiert - feministisches Gegröle auf höchstem Niveau.

Nicht nur die Nacht nähert sich ihrem Ende, sondern auch ich. Und ich bin überzeugt, dass Voguelesque die nächste große asiatische Subkultur ist. Sie macht Spaß, ist frech und kennt keine Grenzen, aber im Gegensatz zu anderen japanischen Clubtrends ist sie nicht sehr japanisch.

Zu Beginn des Abends war ich skeptisch, ob sich VSensation der kulturellen Aneignung schuldig gemacht hat oder nicht. Schließlich entstand die Vogue-Kultur aus der Diskriminierung der Schwarzen, und nur weil Madonna sie ausgebeutet hat, ist es nicht OK, sich diese Bewegung anzueignen. Ich hatte ein bisschen Angst davor, dass es so langweilig wird wie ein Besuch in einem britischen Pub in Tokio. In Asien sind alle davon besessen, ‚westlicher' zu sein. In jedem japanischen Rossmann kriegt man Augenfalter-Macher und Fotoautomaten für Teenager weiten automatisch deren Augen, aber VSensation ist nicht dasselbe wie jede x-beliebige Paris is Burning-Adaption in einem Londoner Pub. Es ist eine Reaktion auf japanischen Autoritarismus, Patriarchat, Frauenfeindlichkeit und Homophobie. Es ist feministisch, queer und wunderbar politisch.

Als ich provokativerweise einen der Performer danach gefragt habe, was ihn an einer Kunstrichtung interessiert, die von schwulen, schwarzen Kids aus Amerika und zwielichtigen Pariser Hinterhof-Cabaret-Clubs geprägt wurde, antwortete er: „die Freiheit der Meinungsäußerung". Und das ist ganz bestimmt etwas Universelles.

@scotteescottee

Credits


Text: Scottee
Fotos: Shohei Satoh & Kyouhei Mori