Seth Price: "Ich nehme die Modewelt zwar ernst, aber sie interessiert mich nicht besonders"

Im Zuge seiner aktuellen Ausstellung "Social Synthetic" in München hat uns der New Yorker Künstler erklärt, warum das Spiel mit Materialien so wichtig ist – egal in welcher Kunstrichtung.

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Dez. 11 2017, 2:10pm

links: Seth Price / rechts: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München

Seth Price steht für eine Künstlergeneration, die sich stark mit Digitalisierung und Materialität beschäftigt. Neben seinen Kollegen Wade Guyton oder Kelley Walker gehört der in Ost-Jerusalem geborene Price zu einer Künstlerbewegung, die seit den 90ern technologische Möglichkeiten und digitale Innovationen für ihre Kunst nutzen. Seine aktuelle Ausstellung Social Synthetic Im Münchner Museum Brandhorst zeigt aber nicht nur Medienkunst, sondern auch Installationen und Wandarbeiten, in denen Price Werbeanzeigen und Elemente aus der Mode und Computerindustrie verarbeitet. Wir haben ihn getroffen, um zu erfahren, warum das Internet für seine von den digitalen Medien beeinflussten Kunstwerke lediglich als Werkzeug spannend war.


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Bevor du als Künstler erfolgreich wurdest, hast du Musik gemacht. Wie kam es dazu?
Alles hat in den 80er Jahren mit einem Aufnahmegerät begonnen. Ich habe während meiner Schulzeit und auf dem College elektronische Musik gemacht – damals hatte ich noch keinen Computer und nahm alles mit Keyboard, Synthesizer und Drum-Maschine auf. Bis zum Anfang der 2000er Jahre habe ich Musik gemacht und ein paar Alben veröffentlicht, bis ich meine erste Einzelausstellung hatte und auf einmal meine ganze Zeit in die Kunst gesteckt hatte. Erst später kam ich wieder dazu, Musik zu machen.

Deine Arbeiten sind stark von digitalen Medien beeinflusst. Welche Rolle spielt das Internet darin?
Das Internet hatte keinen wirklich großen Einfluss auf mich, sondern eher die digitalen Werkzeuge. Es gab ja bereits in den 90er-Jahren Bezeichnungen wie "New Media" oder "Media Art". Ich war begeistert von Dingen, wie dem "Desktop Publishing", das Mitte der 80er kam – und später auch Photoshop. Trotzdem ging es mir immer nur um die digitale Manipulation durch Software, das Internet war für mich allein als soziales Phänomen interessant.

Neben deinen Installationen machst du auch Musikvideos und Experimentalfilme. Ist das Medium Film auch ein soziales Phänomen für dich?
Ich mag Film, aber ich bin weder cinephil noch ist es mein Spezialgebiet. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich so etwas überhaupt habe. Meiner Ansicht nach ist Musik noch immer die beste aller Kunstformen, weil sie am ausdrucksstärksten ist. Film, Video, Musik und das Schreiben üben großen Einflüsse für mich aus. Es sind alles zeitbasierte Medien, die von der Bearbeitung, der Collage und der Montage leben. Gerade Collagen sind ein wichtiger Bestandteil meiner Kunstwerke. Es geht mir um das Schichten von Fragmenten. Und das kann man von anderen Kunstformen übernehmen und sie bei einer anderen anwenden.

Seth Price

Bei deiner berühmten Serie "Vintage Bomber" machst du die Geschichte der Bomberjacke zum Thema und lässt das Relief einer Fliegerjacke auf einer Polystyrol-Leinwand erkennen. Wie wichtig ist Material für deine Kunst?
Essentiell! Durch das Spiel mit Material kann ich mich selbst ausdrücken. Ich sehe mich selbst nicht als Konzeptkünstler. Natürlich liebe ich es, über Ideen zu reden, aber diese machen eine Arbeit nicht aus – es ist vielmehr das Spielen mit Materialien. Es gibt mir die Möglichkeit, neue Ideen auszuprobieren, ohne dass diese zu stark thematisiert oder zum Problem werden.

In der Mode geht es neben der Idee und dem Design auch um Material.
Das Seltsame ist, dass in der Modewelt zu viel über die Ideen und Konzepte gesprochen wird. Diese Kollektion ist inspiriert hiervon, die nächste davon und so weiter. Sie setzen einfach eine Geschichte obendrauf. Aber eigentlich geht es doch am Ende darum, was echt und greifbar ist: das Material. Ich nehme die Modewelt zwar ernst, aber sie interessiert mich nicht besonders.

Und trotzdem stehen deine Werke oft in einem texturalen Kontext: Für deine "Envelope"-Serie hast du mit Stoffen, Reißverschlüssen und Knöpfen gearbeitet und für die Documenta 13 mit Tim Hamilton eine ganze Kollektion entworfen.
Mein Studio in Manhattan liegt nicht weit vom Garment District. Da sind all diese Läden, die sich auf etwas Bestimmtes aus der Textilindustrie spezialisieren. Die einen machen Knöpfe, die anderen Reißverschlüsse. Diese Geschäfte sterben immer mehr aus, deshalb wollte ich mit ihnen zusammenarbeiten und für meine Arbeiten die verschiedenen Fabrikate verwenden.

@SethPrice

"Seth Price - Social Synthetic" kannst du bis zum 08. April 2018 im Museum Brandhorst in München anschauen.