Ellen Allien über das Berlin der 90er und Frauen in der Musikindustrie

„Ich selbst arbeite gerne mit Frauen und Männern zusammen. Ich finde die Mischung ganz wichtig. Dann wird's interessant. Wenn es zu viele Frauen sind, ist es auch nicht gut! Und wenn es zu viele Männer sind, ist es überhaupt nicht gut.“ – Wir haben die...

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März 11 2016, 2:00pm

Ellen Allien könnte man als die musikalische Godmother of all Godmothers beschreiben. In den Neunzigern legte sie zum ersten Mal auf, heute ist sie eine der weltweit bekanntesten Djanes, lebt zwischen Berlin und Ibiza und leitet das Label Bpitch Control. Im Interview lehnt sie lässig im Stuhl und beantwortet die Fragen, wie aus der Pistole geschossen, ohne auch nur den kleinsten Moment zu zögern. Jeder, der schon einmal bei einem ihrer Sets dabei war, weiß, wie viel Energie die gebürtige Berlinern bei ihren Auftritten versprüht.

Redet man von anderen Techno-Institutionen in Berlin, muss man auch den Tresor erwähnen, der dieses Wochenende seinen 25. Geburtstag feiert. Aus diesem Anlass haben wir Ellen zum Interview getroffen. Ein Gespräch über Techno im Berlin der Neunziger, Frauen in der Musikbranche und warum es so toll ist, als DJ Menschen zum Tanzen zu bringen.

Wie hast du mit der Musik begonnen?
Ich habe schon immer Musik gemacht. Ganz am Anfang habe ich einfach in Übungsräumen von Freunden gespielt. Ich habe damals in einer Bar gearbeitet, in der verschiedene DJs aufgelegt haben, so bin ich damit in Berührung gekommen.

Wie war die Stimmung dort?
Es ging nur um die Musik. Es war ein echter Musiktreffpunkt. Man hat sich dort unterhalten und sich ausgetauscht. Mit dem Mauerfall ist die Elektromusik dann immer größer geworden, das war alles sehr emotional. Elektro war die Musik in den Clubs.

Gab es damals schon andere Frauen, die aufgelegt haben?
Es gab Marusha, die auch eine Radioshow produziert hat und viel Ravemusik gespielt hat. Für die damalige Zeit war das ganz gut, aber eigentlich—von einem heutigem Standpunkt aus betrachtet—war das ganz schreckliche Musik, die aber irgendwie den Osten mit dem Westen verbunden hat. Die Kids fanden das geil, ich fand das sehr schwierig.

Was hattet ihr damals an?
Die Mode war sehr sportlich rave-ig. Kurze Haare, T-Shirts, bunte Jeans, Sneakers, alles ziemlich androgyn—das mochten wir. Bunte Haare haben uns auch ziemlich gut gefallen. Das Magazin der damaligen Zeit war die Frontpage, die hat die Clubszene, wie sie damals war, dargestellt. Manchmal hat das E-Werk Partys veranstaltet, bei denen sie Lichtinstallation und Mode zusammengebracht haben.

Das war auch die Zeit, in der die Loveparade groß geworden ist, oder?
Ja, damals fing das an. Die Loveparade hat die Musik für die Masse gepusht. Die Massen haben sie mit dem Undergound vermischt. Vor allem weil die Loveparade auch im Fernsehen übertragen wurde. Die Moderatoren, die nichts mit der Kultur zu tun hatten, interviewten die Raver, machten sich einen Spaß daraus und stellten denen dumme Fragen. Die Konservativen haben das einfach nicht gerafft! Die haben gar nicht kapiert, was gerade mit den Jugendlichen stattfindet, die gerade das erste Mal damit klarkommen müssten, dass der Osten und der Westen zusammenwächst. Es war ganz schön schwierig. Die Loveparade hat mir aber auch Kraft gegeben und es hat Spaß gemacht, zu sehen und zu spüren, wie viel Menschen diese Musik liebten, auch wenn die musikalischen Darbietungen teilweise voll daneben waren. Die Melodien waren so dumpf. Die Underground-Szene war etwas geschockt, während die Masse das gefeiert hat.

Foto: Hannes Bieger

Auch weil es so groß geworden ist und es nicht mehr so exklusiv war?
Nein, weil schlimme Musiker Musik gemacht haben. Und es nicht mehr darum ging, was in den Clubs eigentlich lief, sondern um massenfreundliche Tunes, die so gar nichts Radikales hatten.

Also weil es Mainstream geworden ist?
Ja, weil es nur darum ging, etwas zu verkaufen.

Hat sich das Publikum in den Clubs auch geändert?
Es gab viele Kids und Events in den Clubs selbst. Damals hatten wir auch nicht so viele Touristen wie jetzt. Um die Clubs vollzukriegen, musste man verschiedene Konzepte entwickeln. Einmal Techno, einmal House. Es wurden viele Leute aus UK oder aus Detroit eingeladen. Durch das Kommerzialisierte haben sich auch einige zurückgezogen, die damals die Musik gehört haben, weil es eben anders war. Die Neuen, die dazu gekommen sind, waren superjung und dadurch war es ein komplett neuer Markt. 1997 haben besonders viele Clubs zugemacht, weil sie zum Beispiel ihre Location verloren haben. Dann gab es erst einmal nichts.

Habt ihr dagegen rebelliert oder habt ihr euch noch mehr zurückgezogen?
Es gab halt Nebenpols, die sich davon distanziert haben, beziehungsweise ihre Sachen weiter so gemacht haben. Die gibt es ja bis heute. Ich habe begonnen, selbst Partys zu veranstalten. Manche haben angefangen, Labels zu gründen. Es war eine ständige Entwicklung. Irgendwann kam dann auch Ostgut dazu und so weiter. Die Neuen war sehr gut und auch stark vernetzt. Was die ganze Szene am Leben erhalten hat, ist auf jeden Fall der Tourismus in Berlin. Techno war uncool. Es war nicht mehr Underground, durch die Loveparade und Low Spirit. Dadurch, dass die coolen Leute es aber weiterentwickelt haben und weitergemacht haben, war es dann später doch wieder mehr akzeptiert. Es macht Spaß, weil es heutzutage so gute Leute machen, denen man viel zutraut und die es auch drauf haben. Die machen das nicht primär, um Geld zu machen, sondern um sich weiterzuentwickeln.

Aber das ist doch immer so, nicht nur bei Musik, sondern bei allen Trenderscheinungen. Irgendwann haben alle keine Lust mehr und eine Gegenbewegung entsteht. Das ist doch genau das, was das Leben so spannend macht.
Für mich als DJ oder für uns als Label ist es natürlich super. Ich sehe auch gerne Sachen wachsen und wieder kleiner werden. So wie das Wetter ändert, ändert sich auch die Szene. Es kommt immer drauf an, wie gut die Leute, die arbeiten, sind. Wenn du kreativ und gut bist und langfristige Visionen hast, kannst du Ewigkeiten gute Sachen machen. Man muss genial sein.

Ich glaube, man muss auch verstehen, was gerade passiert. Dann kann das Label sich auch ein bisschen anpassen, beziehungsweise den Ton angeben.
Als Label ist es schon einfacher. Wir kriegen immer so viele Demos zugeschickt und wir können dann entscheiden, was uns gefällt. Als Clubbesitzer ist das, glaube ich, nochmal alles schwieriger.

Wer wäre denn im Moment so jemand, den du musikalisch echt gut findest? Leute, die man sich merken sollte, die können auch ganz klein sein.
Monokle macht großartige Musik. Er hat bei uns ein Remix für Dillon gemacht. Und Jesse Perez aus Miami. Das kickt richtig. Von Garry Todd sind wir große Fans, ein absoluter talentierter DJ und Produzent. Er macht auch Underground-Fashion. Und er ist einfach ein Typ. Ich kann aber gar nicht sagen, wer noch, denn es gibt so viele. Ich kann dir momentan aber gar nicht sagen, bei wem wirklich Passion dahinter ist, also wer wirklich DJ sein will.

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Weil das auch so cool geworden ist?
Es ist cool geworden, du kannst Geld verdienen, du kannst reich werden … Was bedeutet das schon? Wir bekommen immer mehr Demos, die so klingen, wie Künstler, die wir schon betreuen. Ich denke mir dann immer, wie krass es ist, dass die so sein wollen, wie die sind. Aber das geht natürlich nicht.

Aber freut man sich dann da auch, wenn man merkt „OK, die wollen so klingen wie wir" oder denkt man sich „Warum können die nicht kreativer sein?"
Also ich freue mich einfach darüber, dass die Leute ein Hobby gefunden haben und dass sie Musik machen. Das ist doch toll. Also es ist heutzutage so, dass du mittlerweile leichter Musik machen kannst. Du setzt dich ins Zimmer und machst alleine was. Das ist ein kreativer Prozess mit dir selbst und das finde ich super! Auch zu sagen „Ich schick das jetzt zum Label" ist ein riesiger Schritt.

Auch wenn dann die Qualität darunter leidet?
Das ist dann die Aufgabe vom Plattenlabel, vom Club, von den Vertrieben und von den Plattenläden. Wir sind die, die dann auswählen und Entscheidungen treffen müssen. Da gibt es eben Bessere und Schlechtere.

Wie ist es als Frau in der Branche?
Es gibt natürlich immer noch weniger Frauen, aber die, die es gibt, bekommen viel Aufmerksamkeit. Einige haben es faustdick hinter den Ohren und wissen, wie man sich gut verkauft. Das gefällt mir sehr gut! Da hat sich viel entwickelt. Ich habe fast das Gefühl, dass Frauen viel lieber gehört oder gesehen werden. Die großen Events jedoch organisieren nur Männer. Die werden auch teilweise von großen Firmen aufgekauft, die mit Bookingagenturen zusammenarbeiten, die auch wieder nur von Männern geleitet werden. Dann werden natürlich die ganzen DJs, die in der Agentur sind, gebucht. Nicht nur einer, sondern alle. Das heißt, dass es schwierig ist, für Leute—die auch wirklich talentiert sind—reinzukommen. Die Männer schieben sich untereinander die Jobs zu.

Denkst du, dass, wenn es mehr Frauen in Führungspositionen gäbe, das anders wäre?
Auf jeden Fall! Frauen arbeiten ganz anders. Ich selbst arbeite gerne mit Frauen und Männern zusammen. Ich finde die Mischung ganz wichtig. Dann wird's interessant. Wenn es zu viele Frauen sind, ist es nicht gut! Und wenn es zu viele Männer sind, ist es auch überhaupt nicht gut. Diese Mischung aus verschiedenen Perspektiven ist für die Kunstszene allgemein sehr gut.

Was ist das Beste am Musikmachen?
Ich kann zu Musik heulen, ich kann zu Musik lachen, ich kann alles machen! Was viele nicht verstehen: Gute Musik geht auch ohne Drogen. Ich nehme nicht viele Drogen. Wenn ich spiele oder Musik höre, geht die durch meinen Körper und in meinen Geist. Wenn ich jetzt zum Beispiel hier rumlaufe oder mit dir hier sitze, dann hab ich einen Track im Kopf und fliege so für mich. Wenn sich die Jahreszeiten ändern, verbinde ich das immer mit gewissen Songs. Oder Liebesgeschichten und Gerüchen. Wenn man sensibel ist, kann man diese Lieder immer wieder abrufen. Das ist großartig! Die Vergangenheit verfolgt einen in der Musik. Das ist das Schönste.

Ich finde auch. Es gibt kaum etwas Besseres, als zu tanzen und dann einfach die Musik im Körper zu spüren, ohne Drogen oder irgendwas.
Ich wohne im Sommer auf Ibiza. Letztens war ich mit meinem besten Freund sonntags in einem Club. Nichts getrunken, gar nichts getrunken. Der DJ hat aufgelegt, nur gute Leute um uns herum und nur gute Musik. Es war so toll. Wir haben so richtig geschwitzt und alle Leute um uns herum auch. Ich habe es genossen, an diesem schönen Ort die Musik zu hören und den Körper so stark zu spüren. In diesen Momenten muss man loslassen. Deswegen bin ich auch so gerne DJ, um den Leuten eine gute Zeit zu geben. Den ganzen Alltagsscheiß, die Rechnung zahlen, was mache ich morgen, was esse ich—den ganzen Scheiß, den man von außen aufgedrückt kriegt—einfach vergessen. Dafür liebe ich meinen Job!

@EllenAllien

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Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Fotos: via Ellen Allien / BPitch Control, drittes Foto: Lisa Wassmann Hannes Bieger