musik sehen und bilder hören

Das österreichische Duo HVOB hat gemeinsam mit dem VJ- Duo Lichterloh und dem bildenden Künstler Clemens Wolf ein intermediales Konzeptalbum veröffentlicht. Wir haben die zwei sympathischen Wiener vor ihrem Konzert in München getroffen und mit ihnen...

von Moritz Gaudlitz
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27 April 2015, 10:40am

Zwei Jahre ist es her, dass die beiden Wiener Produzenten Anna Müller und Paul Wallner unter ihrem Künstlernamen HVOB ihr erstes, gleichnamiges Album veröffentlichten. HVOB ist das Akronym für Her Voice Over Boys. Zuvor wagten sie 2012 mit dem Song Dogs den Schritt in die Öffentlichkeit. Es ist der Track, der ihren einzigartigen Stil besiegelt hat: die einfach gehaltene, elektronische Komposition Paul Wallners und die außergewöhnliche Stimme von Anna Müller. Viervierteltakt und Klavierakkorde - mal A-Moll, mal D-Moll -, intelligentes Songwriting und einwandfreie Musikproduktionen verbinden sich bei ihnen zu einem Ganzen. Melancholie trifft auf Techno und House.

Vor zwei Wochen hat das Duo mit Trialog mehr als nur ein Album veröffentlicht - es ist ein Kunstprojekt. Die Band hat mit ihrem neuen Album eine neue musikalische Tiefe erreicht. Trialog ist ein intermediales und interdisziplinäres Kunstprojekt, das die Musiker gemeinsam mit dem österreichischen Visual-Duo Lichterloh und dem bildenden Künstler Clemens Wolf realisiert haben.

„Normalerweise macht ein Künstler die Musik fertig und sucht sich danach alles zusammen. Videos, Grafik, Design... Bei uns ist alles in einer Gruppe entstanden. Dank der Pratersauna in Wien", sagt das VJ-Duo Lichterloh. Der Club im Wiener Prater als Art Warhol'sche Factory, in der Künstler zueinander finden und gemeinsam arbeiten.

Und so entstand der Trialog mit seiner Vielzahl an gegensätzlichen Momenten, künstlerischem Austausch und als Inspirationsquelle für alle Beteiligten. Clemens Wolf inszenierte zehn physikalische Prozesse für die Kamera: Zerbrechen, Schmelzen, Biegen, Mischen, Zerplatzen, Implodieren, Verbrennen, Oxidieren, Ätzen und Zerreißen. „Wir haben beispielsweise das Zerreißen von Papier gefilmt und den Sound aufgenommen", erzählt Paul Wallner, der die Geräusche dann für seine Produktionen eingefangen und verwendet hat. Anna Müller schrieb ihre Texte auf Basis der einzelnen Inszenierungen. Ständig im interdisziplinären Austausch entstand nicht nur ein Album, das mit seinen zehn Titeln wesentlich technoider und düsterer ist als der Vorgänger, sondern auch Material für Musikvideos, Cover und Visuals. „Es war wichtig, dass ein großes Vertrauen da ist. Aber wir wissen, dass jeder in seinem Bereich ein Profi ist und deshalb hatte jeder freie Hand", betont Anna Müller.

Jeder der zehn Albumtitel hat sein eigenes Cover und Video. Bis jetzt wurden drei Videos veröffentlicht, die restlichen sieben folgen in den nächsten Wochen. Für HVOB war es von Anfang an wichtig, eine Ästhetik, die für sich selbst steht, zu etablieren. Ungern stehen sie im Vordergrund. In den Videos sind sie nie zu sehen und auch auf ihren Pressefotos werden sie verfremdet dargestellt. „Wenn jemand HVOB hört, soll er Bilder im Kopf haben und nicht uns. Wir wollten uns in den Hintergrund rücken, weil es um die Musik gehen soll. Es geht natürlich nicht, komplett anonym zu sein, da müsste man sich eine Maske aufsetzten. Was wiederum Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde". Es ist nicht heuchlerisch, wie das Duo mit fast schon moralischem Zeigefinger über die Distanz des Künstlers zum Werk spricht. Man nimmt es ihnen vollkommen ab. 

Wie klingt das neue Album? Oder ist es besser zu fragen, wie sieht der Sound des neuen Albums aus? „Wenn ich die Musik beschreiben müsste, würde ich sagen, schaut euch das Video an", rät die Sängerin. Treibende Percussions, Synthesizer, schwere Bässe, sanfte Pianochords, eine schöne Frauenstimme und das bewährte Kickdrum auf der eins - das klingt nicht revolutionär. Aber bei HVOB geht es nicht nur um die Musik, es geht um die Musik im Spannungsfeld mit dem Umfeld. Hypnotisch sind die hymnischen, ruhigen Piano-Parts, in denen Anna Müller über Geister und Blickkontakte singt, während mystische Synthie-Flächen langsam auf die technoiden Höhepunkte der Tracks vorbereiten.

Das Projekt HVOB ist durch Trialog zum Gesamtkunstwerk geworden. Musik, Video, Visuals, Cover und Installation - alles ist eins und nimmt aufeinander Bezug. Es geht ums kollektive Arbeiten, in einer Welt in der sich Individualität etabliert hat und Künstlergruppierungen zunehmend verschwinden. Die größte Spannung zwischen den einzelnen Teilen von Trialog lässt sich vor allem deutlich in den Liveshows erfahren, in der Lichterloh die Visuals projizieren.

Ohren auf, Ohren zu. Augen zu, Augen auf. Es ist egal, wie man es erlebt. Trialog kann man hören und sehen. Und fühlen.

Eindrücke vom Konzert in München kannst du bei Thump sehen.

Live kannst du HVOB am 9. Mai im Ritter Butzke in Berlin und am 16. Juni beim Stil vor Talent"-Festival in Hamburg erleben.

Credits


Text: Moritz Gaudlitz 
Foto: Lukas Gansterer 

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