american apparel ist pleite: was jetzt?

Reicht die Zeit noch für eine Kehrtwende? Wir loten die Überlebenschancen von American Apparel aus.

von i-D Staff
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06 Oktober 2015, 10:30am

American Apparel hat offiziell Insolvenz angemeldet, aber es mitnichten so, dass das eine Überraschung war. Bereits im Juli präsentierte die amerikanische Modemarke in einer Mitteilung an die Investoren einen Plan, wie die massiven Verluste der Kette reduziert und wieder Gewinn eingefahren werden soll - ein letzter Versuch, die nun eingetretene Situation zu vermeiden. Das Unternehmen hatte seine Zweifel, ob die Maßnahmen ausreichen würden: „Auch wenn American Apparel den Umsatz erhöht und Kosten senkt, stellt dies noch keine Garantie dafür dar, dass das Unternehmen über ausreichende finanzielle Mittel verfügen wird, um den Finanzbedarf für die nächsten zwölf Monate ohne zusätzliche Kapitalerhöhungen decken zu können. Es gibt auch keine Garantie, dass das Unternehmen in der Lage sein wird, diese zusätzlichen Kapitalerhöhungen zu realisieren." Letztlich sahen sie sich dem Untergang geweiht und so kam es auch. Die Zukunft der amerikanischen Bekleidungskette ist ziemlich unsicher. Wir haben uns Fragen zur aktuellen Lage des Unternehmens gestellt. 

Wieso hat American Apparel kein Geld mehr?
Dafür gibt es hauptsächlich zwei Gründe. Die Firma muss viel Geld für die gerichtlichen Auseinandersetzungen mit ihrem Gründer Dov Charney ausgeben. Er wurde rausgeschmissen, nachdem Beweise auftauchten, dass er Angestellte rassistisch beleidigt, sexuell belästigt und sexuell missbraucht hat. Diese Anschuldigungen reichen bis ins Jahr 2004 zurück. Damals soll er vor einer Reporterin masturbiert haben. 2011 reichten fünf Angestellte Klage wegen sexueller Belästigung gegen Dov Charney ein. Jetzt ist er weg und es scheint, als würde er das Unternehmen vernichten wollen, das er gegründet hat. Die finanziellen Ressourcen von American Apparel sind durch „ungefähr 20 Gerichtsverfahren und behördliche Vorgänge", die Dov Charney selbst angestrengt hat, gebunden.

Ein weiterer Grund für das finanzielle Ausbluten ist die rapide Expansionspolitik. Das Unternehmen ist zu schnell, zu groß gewachsen und hat es nicht geschafft, die steigenden Kosten wieder einzuspielen. Ähnliches ist Starbucks in Australien oder Abercrombie & Fitch passiert: Es wurden unzählige neue Stores eröffnet, die nicht rentabel waren.

Das ist nicht gut.
Ja, durchaus. Das Unternehmen hat jede Menge Schulden angehäuft, was bedeutet, dass es kein Geld hat, um Mode zu machen, was ja die eigentliche Aufgabe eines Modeunternehmens ist. Die aktuelle Vorstandschefin Paula Schneider hat verlauten lassen, dass das Unternehmen weniger als ein Viertel der geplanten Herbstlinie produzieren konnte, weil es einfach nicht genug Geld hatte, um das Komplettangebot erstellen zu lassen. Das Unternehmen stand mit dem Rücken zur Wand: Kein Geld, um die Mode zu produzieren, mit der sie wieder Geld hätten verdienen können. Der Insolvenzantrag scheint in dieser Situation unausweichlich gewesen zu sein.

Wie geht es weiter?
Ehrlicherweise hat das Unternehmen bisher schon sehr viel getan, um sich selbst zu retten. Letztes Jahr bekam es eine neue Chefin, die Einzelhandelsveteranin Paula Schneider, die bereits andere Unternehmen vor dem Untergang gerettet hat. Allerdings mussten sich diese Unternehmen nicht mit ihrem Gründer vor diversen Gerichten herumschlagen.

Wenn der Plan von American Apparel genehmigt wird, dann geht die vollständige Kontrolle in die Hände der Gläubiger über. Wie das Unternehmen ausführt: „Die Schulden von American Apparel werden von 300 Millionen Dollar auf weniger als 135 Millionen Dollar reduziert [und] das Unternehmen erhält Zugang zu frischem Kapital in Höhe von 70 Millionen Dollar." Mit anderen Worten, das Unternehmen hätte genug Geld, um neue Mode produzieren zu können und neue Projekte zu starten.

Wie viele Stores werden dicht gemacht?
Momentan kein einziger. Der aktuelle Plan sieht keine Filialschließungen vor und Paula Schneider betont, dass sie „auch weiterhin in Amerika produzieren werden". Durch den Plan werden auch alle Anteilseigner entmachtet, wodurch auch die letzten Verbindungen von Dov Charney zur Marke endgültig gekappt werden.

Kann es das Unternehmen schaffen?
Vielleicht. Die Chefin fasst es so zusammen: „Die wichtigsten Vorraussetzungen sind, keine gerichtlichen Auseinandersetzungen und nicht diesen massiven Schuldenberg zu haben. Wenn das eintritt, dann kann AA wieder florieren." Wenn sich Dov Charney beruhigt und wenn das Unternehmen irgendeinen Weg aus der Schuldenfalle herausfindet, dann könnte American Apparel wieder auferstehen.

Credits


Foto via Pressearchiv American Apparel

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