hinter den kulissen von googles cultural institute

Auf Entdeckungsreise durch das Kreativlabor des Internetgiganten für Entwickler und Künstler mitten in Paris - und was ein paar junge Künstler und ein Kurator aus München damit zu tun haben.

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Aug. 5 2015, 7:10pm

Man stelle sich mal vor: Jeder Computer, jedes Smartphone und jedes Tablet mit Internetanschluss verwandelt sich in ein virtuell begehbares Mini-Museum - etwa ins New Yorker Museum Of Modern Art, in den Louvre oder ins Münchner Lenbachhaus. Einfach auf dem Sofa sitzend oder in der U-Bahn stehend durch die virtuellen Gänge der unterschiedlichen Museen flanieren. Mal hier nach rechts, dort nach links wischen, auf ein Bild zoomen und sehen, wie unglaublich präzise Albrecht Dürer die Haare seines Feldhasen im Jahr 1502 gemalt hat. Was vielleicht vor ein paar Jahren noch unmöglich erschien, ist heute Realität. 

Diese Realität beginnt in Paris, unweit des Bahnhofs Saint Lazare, im 9. Arrondissement. Dort liegt ziemlich unscheinbar das französische Google Headquarter. Anders als andere internationale Zentralen des Internetriesen birgt die Pariser Zentrale noch eine andere Institution: Das Cultural Institute und das dazugehörige LAB. Das Cultural Institute begann 2011 als Onlineprojekt für die Digitalisierung und Archivierung von Kunstwerken und Kulturgütern. Seit Dezember 2013 gibt es das LAB, einen physischen Ort, an dem Entwickler und deren Technologien aus dem Hause Google die Projekte und Ideen von Künstlern, Kuratoren oder Museumsdirektoren unterstützen sollen. Pierre Caessa, Anfang 30, arbeitet als Program Manager im LAB und ist immer im Kontakt mit seinen Partnern, also Museen und anderen Kulturinstitutionen.

„Es ist sehr wichtig zu verstehen, wie das Produkt funktioniert", sagt der Franzose. Enthusiastisch erzählt er dann weiter: „Das Cultural Institute selbst ist nur eine Plattform, auf der man Zugriff auf Kunst und Kulturinhalte von 800 Museen weltweit hat. Wenn man auf die Webseite des CI geht, kann man beispielsweise das Chateau de Versailles, das MoMA und weitere 800 Museen virtuell begehen und sich die Sammlungen ansehen - sowie auch Geschichten von hinter den Kulissen erfahren." Man kann jetzt zum Beispiel auch richtig nah an die Deckenmalerei in der Pariser Oper heranzoomen - dank eines ziemlich guten HD-Bildes in Gigapixel-Auflösung. Dadurch kann man neue Szenen erkennen. 

Im LAB sorgen Pierre und seine Mitarbeiter dafür, dass Entwickler und Künstler zusammenkommen. An den Wänden im Untergeschoss sind fast überall große LED-Bildschirme, auf denen Bilder der digitalisierten Kunstwerke laufen. In einem großen Nebenraum ist seit Kurzem ein Prototyp eines ca. 50qm großen Screens installiert, dem man mithilfe eines Tablets Bilder zuschickt, steuert und diese dann bis ins kleinste Detail vergrößern kann. Ab und zu kommen junge Programmierer die Treppe herunter und bedienen sich gelassen an der Cafétheke. Es wird viel und begeistert über den Zusammenhang von Kunst und Technologie gesprochen, über den Austausch zwischen technisch erfahrenen Entwicklern und kulturell versierten Künstlern.

Die unmittelbare, ständige Verfügbarkeit von Informationen ist Googles Auftrag, der jetzt auch ein Kulturauftrag geworden ist. Sie haben eine eigene Art Camera entwickelt, eine Kamera mit Gigapixel-Auflösung, die vor ein großformatiges Bild in einem Museum platziert wird und die dann automatisch unzählige Fotos schießt, während sie sich selbst, immer in Bewegung, die passenden Einstellungen sucht. So ist auch die Aufnahme von Marc Chagalls Deckenmalerei in der Pariser Nationaloper entstanden. Man kann so tief in das Bild hineinzoomen, dass man auf Details stößt, die man selbst von den oberen Reihen in der Oper nicht erkennen kann. Aber werden diese Orte dann überhaupt noch besucht? Caessa meint ja: „Als wir dieses Projekt gestartet haben, haben uns viele Museen und anderen Institutionen Fragen gestellt. Sie haben gesagt: „Wenn ich all meine Inhalte, meine Archive online stelle, was ist dann mit den Menschen? Möchten die dann überhaupt noch meinen Ort besuchen?" Seiner Meinung nach steigert genau dieses online zu findende Hintergundwissen das Interesse, ein Museum auch wirklich zu besuchen.

Seit gut einem Jahr arbeiten die rund 25 Entwickler des LABs mit Künstlern des Programms 89+ zusammen, einer Plattform, die vor 3 Jahren von den beiden Kuratoren Hans Ulrich Obrist und Simon Castets auf der DLD-Konferenz in München ins Leben gerufen wurde. Außerdem gibt es ein Stipendium, bei dem Künstler die Möglichkeit bekommen sollen, ihre künstlerischen Visionen mit den Technologien wie 3D-Druck, Lasercut, Virtual Reality oder auch der Art-Kamera umzusetzen.

Das aktuelle Stipendiatsprogramm ist vor zwei Wochen zu Ende gegangen. Eine kleine Ausstellung mit dem Namen „Ratatouille (Teaser)" gab es an einem Wochenende in der Künstlerwohnung, in der zwei Künstler und ein Kurator für vier Monate gelebt haben. Der junge Kurator Felix Gaudlitz hat für seine Ausstellung auch Künstler der Münchner Akademie der Bildenden Künste ausgewählt. Simon Lässig hat Austernmuscheln 3-D gedruckt, Philipp Reitsam Mal-Schablonen mit dem Laser gecuttet. Anna Fehr und Vera Lutz haben nicht mit den Entwicklern des Internetriesen zusammengearbeitet. Wird auch nicht verlangt. Denn das LAB scheint zwar wie ein Ort der Abhängigkeit, es ist aber vielmehr ein symbiotischer Begegnungsraum der beiden Sektoren Kunst und Technologie.

Der zweite Teil der Ausstellung wird ab dem 18. September im Pariser Off-Space Shanaynay zu sehen sein. 

@googlelab

Credits


Text: Moritz Gaudlitz
Bilder via Google