Diese Gemälde von nackten Frauen unter Wasser sind schöner als die Realität

Die Malerin Reisha Perlmutter erkundet die Verbindung zwischen Körper und Wasser. Im Interview erklärt sie, warum du dein Verhältnis zu Wasser überdenken solltest.

von Hannah Ongley; illustrationen von Reisha Perlmutter
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01 August 2017, 11:35am

Reisha Perlmutter hat über 158.000 Follower auf Instagram. Der Post eines ihrer Ölgemälde einer schwimmenden nackten Frau im sonnendurchfluteten smaragdgrünen Wasser schafft es locker auf 6000 Likes. Man muss zweimal hinschauen, um es nicht mit einer Fotografie zu verwechseln. Ihre Arbeiten könnte man als biologische Studien beschreiben. Für ihren Abschluss hat sie Kuhherzen und Blutbahnen auf die Haut von älteren Menschen gemalt; in ihrem neusten Werk erkundet sie die Verbindung zwischen nackter Haut und Wasser und hat dafür von Long Island bis nach Griechenland Frauen mit unterschiedlichen Figuren und Hautfarben gemalt.


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"Ich glaube schon, dass es die Leute überrascht, dass ich mich selbst nicht als fotorealistische Malerin sehe", sagt Reisha. Wenn man sich ihre Gemälde aus nächster Nähe anschaut, stellt man fest, wie anders die Bilder aus dieser Perspektive wirken. "Das hängt vor allem damit zusammen, dass meine Kunstwerke hauptsächlich über Social-Media-Plattformen geteilt werden, bei denen die Qualität der Fotos heruntergerechnet wird und bestimmte Details verloren gehen. Das Bild wird kleiner, das Haptische und das Physische überleben diesen Transformationsprozess nicht."

Erst in der Realität sieht man die Pinselstriche, das verzerrte Licht, die Farben und die Frau, wie es die Künstlerin zeigen wollte. Das Wasser abstrahiert bestimmte Körperteile wie ausgestreckte Gliedmaßen, den Bauch oder von Tätowierungen kaschierte Narben von Brustamputationen. Der Grad ihrer Abstraktion zeigt den Körper als Ganze. "Die Idee, dass alle Aspekte eines Körpers akzeptiert werden, weil sie zu unserer Biologie, zu unserer Identität und einfach zum Leben gehören, ist etwas, was mich sehr fasziniert."

Wir wollten mehr darüber wissen und haben ihr kurz vor ihrer Ausstellungseröffnung in East Hampton ein paar Fragen gestellt. Im Gespräch erklärt sie uns, warum Wasser eine emanzipatorische Qualität hat, wieso Instagram ihre Kunstwerke zensiert und weshalb wir alle letztlich nur aus Haut und Knochen bestehen.

Wie überzeugst du Frauen, dass sie sich für dich ausziehen?
Die Frauen, die für mich Modell stehen, kennen meine Kunstwerke aus ganz unterschiedlichen Gründen. Ich lerne sie auf meinen Reisen oder im Alltag kennen. Indem ich ihnen meine Werke und meinen Arbeitsprozess erkläre, werde ich für sie menschlicher und kann mich von dem Klischee des kritischen Fotografen lösen. Ich versuche stattdessen, nicht zu urteilen, keine Ängste aufzubauen, sodass sich die Frauen ganz vom Druck, dem sie sonst ausgeliefert sind, befreien können.

Warum ist es wichtig, sich eins mit dem Wasser zu fühlen?
Das Wasser beseitigt die Vorstellung eines kritischen Auges. Dadurch können wir uns geborgen fühlen. Wir verlieren die Fixierung auf bestimmte Körperteile, denen wir uns sonst sehr bewusst sind. So können wir uns wieder eins mit unserem Körper fühlen. Außerdem gibt es diese sinnliche Verbindung zum Wasser: Wir sind Säugetiere, bestehen hauptsächlich aus Wasser, haben uns aus dem Wasser entwickelt und waschen uns damit. Wenn es uns umgibt, können wir uns von den psychischen Unzulänglichkeiten freimachen — und von den Vorstellungen, was wir sein sollten und was nicht.

Zensiert Instagram deine Kunstwerke, weil du Brustwarzen zeigst?
Leider ja. Das hat mich am Anfang extrem frustriert. Diese Zensur durch Instagram hat mich aber auch dazu gezwungen, mich genauer mit unserer Fixierung auf einzelne Körperteile auseinanderzusetzen und die darunterliegende gesellschaftliche Angst zu verstehen. Letztlich bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass alle Aspekte unseres Körpers stark, makelbehaftet und gleichzeitig perfekt sind.

Ich glaube, dass unsere westliche Kultur Angst vor Sexualität hat und sie als Belastung sieht. Es existiert keine Balance. Für mich ist Sexualität ein Aspekt unserer Biologie, aber keine bestimmende Macht, die uns antreibt. Sie ist ein Teil unserer Menschlichkeit und wir sollten sie nicht so verdammen.

Inwiefern kann Kunst dabei helfen, den weiblichen Körper von seiner Sexualisierung zu befreien?
Das ist eine komplizierte Frage, weil sie das Fundament unseres Menschseins berührt: Was haben wir Menschen — als biologische Wesen — für eine Beziehung zur Sexualität? Und wie interpretiert das die Gesellschaft? Grundsätzlich sind wir Menschen sexuelle Wesen, Frauen wie Männer. Aber es muss sich etwas fundamental in den Machtbeziehungen ändern. Damit meine ich, wie Medien Macht darstellen, der Sex innewohnt. Frauen müssen ihre Sexualität nicht verstecken, wenn sie nicht sexualisiert werden wollen. Es ist auch Emanzipation, wenn man seine eigene Sexualität akzeptiert und dazu steht. Indem wir ohne Scham zu unserer Sexualität stehen, werden wir in die Lage versetzt, andere Emanzipationsformen zu akzeptieren, die nicht durch eine männliche Perspektive oder durch männliche Ideale diktiert werden.

Du malst nach Fotos, aber du lehnst den Begriff fotorealistisch ab. Erzähl uns mehr über deinen künstlerischen Prozess.
Meinen Malprozess gehe ich immer sehr offen an. Am Anfang herrscht Chaos und dann kommt irgendwann ein System. Deswegen liebe ich Malerei so sehr. Sie ist für mich eine Metapher fürs Leben. Du kannst nicht jeden Aspekt im Leben kontrollieren, genauso wenig wie jeden Aspekt in einem Gemälde. Wir können stattdessen nur unser Bestes geben und das Medium so weit manipulieren, wie es eben geht. Diese emanzipatorische Kraft, die hinter dem Malen steckt, erweckt jedes Werk zum Leben.

Du bist oft selbst in deiner Wasser-Serie zu sehen. Wie fühlt es sich an, so intime Selbstporträts zu malen?
Ich kann mich so von meinem oberflächlichen Aussehen lösen und mich so wahrnehmen, wie ich wirklich bin — eine Kombination aus Haut und Knochen. Die DNA schreibt den Zellen vor, wie sie sich verändern, das übersteigt alles Oberflächliche. Wenn ich mich male, dann nehme ich mich als biologisches Phänomen wahr und nicht als 27-jährige Frau mit Makeln. Für mich ist das eine Art Selbsttherapie.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.