“glitterboy” hinterfragt die vorstellung von maskulinität in der black community

Mit seiner Fotoserie stellt der junge Fotograf Quil Lemons schwarze Boys mit viel Glitzer in den Mittelpunkt.

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Juni 30 2017, 3:10pm

Quil Lemons war gerade mal 17 Jahre alt, als Frank Ocean seine Fans über Tumblr wissen hat lassen, dass er jetzt unter dem Namen AREALGLITTERBOY auf Snapchat zu finden ist. Dieser Moment, zusammen mit seinem "Nikes"-Video im darauffolgenden Jahr, hat alles ins Wanken gebracht, was der junge Fotograf bis dahin geglaubt hatte, über schwarze Maskulinität zu wissen. Was ist ein "Glitterboy"? Hat er ein Geschlecht? Und welche Herkunft hat er? Das mit Mascara und Glitzer versehene Gesicht von Frank Ocean in dem Musikvideo zu "Nikes" hatte Quil im Hinterkopf, als er sein eigenes Gesicht mit Puder, Lidschatten und silberfarbenen Sternchen verziert, anschließend fotografiert und mit der Beschreibung "A real n****a wears makeup" in den sozialen Netzwerken geteilt hatte.

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"Das hat eine Debatte ausgelöst", sagt uns der mittlerweile 19-jährige Fotograf und Student. Diese hat ihn zu Glitterboy, einer fortlaufenden Porträt- und Interviewserie mit schwarzen Boys und Männern, deren Gesichter mit Glitzer geschminkt wurden, inspiriert. Sie werden im Studio vor einem rosafarbenen Hintergrund oberkörperfrei abgelichtet. Die Fotos stellen die Vorurteile, die in den Mainstreammedien herrschen, über ihre Identitäten und darüber, wie die Black Community Maskulinität definiert, infrage. Bevor er seine Models fotografiert, fragt er sie: "Findest du es als männlicher Schwarzer schwer, deine Weiblichkeit auszudrücken?" Die Antworten darauf sind genauso stark und erhellend wie die Porträts selbst. Der junge Jourdan sagt: "Ich verstecke meine Haare, trage tiefhängende Hosen, achte darauf, dass die wenigen Haare auf meinem Kinn zu sehen sind, versuche nicht zu Beyoncé mitzusingen und poste auf Social Media bestimmte Fotos absichtlich nicht, weil ich sonst zu soft erscheinen könnte." Wir haben dem jungen Fotografen hinter dem Projekt ein paar Fragen gestellt, weil wir mehr darüber wissen wollten, wie er seine Perspektive nutzt, um über Black Identity zu sprechen.

Was inspiriert dich an Frank Ocean?
2015 galt es immer noch als Tabu, dass Musiker wie Frank über ihre Sexualität sprechen. Seine Zeile "will shine and shine and shine" hat mich angesprochen, weil jungen, schwarzen Männer kaum Raum zum Strahlen gegeben wird. Ich hatte einfach das Gefühl, dass es ein Hinweis ist. Schwarze Männer sollten strahlen können und das wird uns nicht oft genug gesagt. Ich habe mich dazu entschieden, eine Serie mit jungen, schwarzen Männern zu shooten, die Glitzer-Make-up tragen, weil die Medien selten welche zeigen, die mit ihrer femininen Seite experimentieren.

Wie sorgt das Projekt dafür, dass wir uns dem Thema schwarze Maskulinität anders nähern?
Bei schwarzer Maskulinität wird immer das Klischee "Gangster" bemüht. Das Projekt zeigt, dass wir mehr als das sind. Du kannst feminin sein und dabei immer noch maskulin. Egal mit was du dich wohl fühlst, es ist Ausdruck deiner Persönlichkeit.

Manchmal verschmelzen unsere Vorstellungen von Männlichkeit mit denen von Sexualität. Bei diesen Porträts geht es aber nicht unbedingt um Sexualität. Deine Motive sind hetero- und homosexuelle, sowie queere Männer unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Statur, die durch diese Bilder ihre eigene Definition von Männlichkeit kommunizieren.
Ich versuche ich zu zeigen, dass man nicht schwul sein muss, um Glitzer oder Make-up tragen zu können. Es gibt nicht diese eine bestimmte Art von Männlichkeit. Und ich glaube, dass dieser Freiraum schwarzen Männern nur bedingt gewährt wird. Viele meiner Models sind meine Freunde, und selbst bei ihnen war es nicht so leicht, sie dazu zu bringen, sich vor mir zu öffnen. Das mit dem Make-up war für einige eine ziemliche Herausforderung. Sie waren zuerst sehr zögerlich und meinten nur "Oh Gott, ich bin ein Kerl, ich kann doch nicht ernsthaft Make-up tragen." Als ich aber damit angefangen habe, die Fotos zu schießen, hat man gesehen, dass sie sich wohler gefühlt haben und wahrscheinlich gedacht haben "OK, obwohl ich ein Kerl bin, kann ich Glitzer tragen und dennoch ein schwarzer, maskuliner Mann sein." Es ist ein so veraltetes Konzept. Wir haben das Jahr 2017. Wir können tun, was auch immer wir wollen.  

Hat dieses Projekt deine Wahrnehmungen von Männlichkeit verändert?
Ja, ich war ernsthaft aufgeregt, als es darum ging, Männer zu fragen, dafür zu modeln. Es überrascht mich, dass wir im Jahr 2017 immer noch so tief verwurzelte Vorstellungen darüber haben, was männlich ist und was nicht. Sie halten uns davon ab, so zu sein, wie wir wirklich sind. Durch das Projekt ist mir klar geworden, dass Männlichkeit allumfassend sein sollte. Es ist nicht nur eine einzige Sache, es ist ein breites Spektrum. Wir sind nicht mehr in den frühen 2000er Jahren, wo man Baggypants tragen oder sich aggressiv verhalten muss, um als männlich zu gelten. Heute tragen Leute wie Jaden Smith oder Thugger Kleider. Diese tief sitzenden Stigmata und Konzepte werden langsam abgebaut.

Was möchtest du mit Glitterboy erreichen?
Ich habe das Gefühl, dass Männlichkeit für viele eine Art Gefängnis ist. Uns wird eingetrichtert, dass nur bestimmte Verhaltensweisen als männlich durchgehen, und sobald wir auch nur ansatzweise etwas tun, das eigentlich als weiblich gilt, werden wir automatisch als schwul abgestempelt. Es ist zwar nicht schlimm, wenn jemand denkt, man sei schwul, aber man kann männlich und schwul sein oder auch weiblich und heterosexuell. Heute gibt es mehr Freiheiten und Möglichkeiten, mit der Gender-Fluidität zu spielen. Es hat sich vieles verändert, und dieses Projekt ist eine Hommage daran, immer man selbst zu sein.

Wen würdest du gerne in Zukunft fotografieren?
Ashton Sanders aus Moonlight. Seine Darstellung von Chiron war unglaublich und hat sich wirklich authentisch angefühlt. Er ist auf gewisse Weise zum Gesicht des heutigen schwarzen Jungens geworden — er trotzt all den falschen Vorstellungen von schwarzer Männlichkeit. Und zeigt, dass schwarze Männer einen größeren Spielraum dabei haben, ihre Sexualität auszudrücken. Ansonsten würde ich auch gerne Young Thug fotografieren, weil er Kleider trägt, Frauen datet, und zur Zeit einfach einer der besten Rapper ist. Und natürlich würde ich auch Frank Ocean gerne vor der Linse haben.  

Credits


Text: Antwaun Sargent
Fotos: Quil Lemons