marcus leatherdale teilt mit uns bisher noch nie gezeigte aufnahmen von robert mapplethorpe

Wir haben mit ihm über seine Zeit mit dem provokativen Fotografen und das New York der 70er und 80er gesprochen und zeigen dir außerdem seine unveröffentlichten Mapplethorpe-Porträts aus dem Jahr 1979.

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05 April 2017, 11:15am

marcus and robert at studio 54, 1979. photography anton parish.

In den späten 70ern und 80ern war New York für viele eine Stadt kurz vor dem Abgrund, das Büro für die öffentliche Sicherheit warnte damals sogar in einem umstrittenen Schreiben mit Verhaltensmaßnahmen für Touristen vor dem Betreten bestimmter Stadtteile. Und dennoch war diese Zeit für einige von New Yorks bekanntesten Künstlern eine sehr fruchtbare. In der Bronx entstand HipHop, in Downtown verschmolz die aufkommende Punkbewegung mit der Avantgardeszene. In dieser Zeit, nach den Stonewall-Protesten, hat New Yorks queere Community nicht nur Bahnbrechendes in der Kunst geschaffen, sondern auch alternative Lebensformen ausprobiert. Die Arbeiten und Ideen haben nicht nur auf die Kunstszene New Yorks einen bleibenden Einfluss ausgeübt.

Der kanadische Fotograf Marcus Leatherdale hat viel von dieser kreativen Energie eingefangen. Seine ersten Ausstellungen hatte er im Club 57 und in der Danceteria. Keith Haring und Leigh Bowerg hat er für seine Hidden Identities-Fotoserie abgelichtet, die in der originalen Ausgabe des Details Magazine veröffentlicht wurden. Leatherdales Schwarz-weiß-Fotografien zeigen seine Motive mit verdeckten Gesichtern, die durch ihren Style und Haltung ihre Identität verraten. In der New Yorker Galerie Roman Zangief werden nun erstmals Aufnahmen von Robert Mapplethorpe aus dem Jahr 1979 öffentlich gezeigt, die vorher noch nie zu sehen waren.

Nachdem Marcus Leatherdale nach einer langen Nacht zurück ins Studio seines damaligen Freunds Robert Mapplethorpe kam, hat er ihn fotografiert. Der bekannte Fotograf sieht so aus so, wie man ihn kennt: selbstbewusst und mit perfekt sitzenden Lederklamotten. Leatherdale schafft es aber, eine weniger bekannte Seite Mapplethorpes zu zeigen. Einen entspannten und natürlich wirkenden Mann, eine Seite, die man so in Mapplethorpes eigenen Selbstporträts nicht oft findet. Die Fotografien wirken durch die Intimität und Vertrautheit so besonders. Wir haben mit Marcus Leatherdale über Robert Mapplethorpe und die vergessenen Porträts gesprochen.

Wie war das erste Mal, als du Robert getroffen hast? Was waren deine ersten Eindrücke?
Ich habe Robert das erste Mal in San Francisco getroffen, als ich Fotografie am San Francisco Art Institute studiert habe. Er hatte zwei Ausstellungen in der Stadt: eine über seine Porträts und eine über seine Sexfotos. Mehrere Leute, darunter auch Dozenten, haben mir vorgeschlagen, dass ich mir seine Fotos anschauen soll, weil sie dachten, dass unsere Arbeiten sich ähnlich seien. Ich hatte da noch keine Idee, wer er war. Damals war ich nur ein großer Fan von Patti Smith. Als ich gehört habe, dass er das Albumcover für Horses fotografiert hat, war ich überzeugt und bin alleine in die Ausstellung gegangen, um mir seine Porträtausstellung anzuschauen — auch wenn ich anfangs die Fotos nicht verstanden habe. Unser gemeinsamer Freund in San Francisco, Peter Berlin, hat mich eingeladen, mit auf die Eröffnung der Ausstellung mit den Sexfotos zu kommen. Peter hat mich dort Robert vorgestellt. Gerade als ich gehen wollte, hat mich Robert festgehalten und zum Abendessen eingeladen.

Ich habe ihn am nächsten Abend in meinem MGA Roadster abgeholt. Er war während der Fahrt still und reserviert und wir haben viel über Fotografie gesprochen. Nach dem Abendessen ist Peter dazu gestoßen. Sie wollten noch in Bars gehen, ich bin aber nicht mit, weil ich am nächsten Morgen mit meiner guten Freundin Gail nach Arizona fahren wollte. Sie fuhr einen babyblauen Cutlass Supreme. Wir wollten unsere neuen SX70 Polaroid-Kameras ausprobieren und alle Minigolfanlagen in der Wüste abklappern. Robert fand es nicht so gut, dass ich andere Pläne hatte. Ich habe ihm gesagt, dass ich im gleichen Sommer nach meinem Abschluss nach New York ziehen will. Er hat mir freundlicherweise angeboten, dass ich bei ihm wohnen kann.

Die Einladung habe ich nicht so ernst genommen, wir kannten uns ja kaum. Als ich nach dem Roadtrip wieder nach Hause gekommen bin, hatte ich eine Postkarte von Robert mit seiner Telefonnummer und seiner Adresse in New York im Briefkasten. Er hat mich wieder eingeladen und mir angeboten, dass ich in seinem Loft wohnen kann. Als ich einen Monat später schließlich nach New York gegangen bin, habe ich ihn angerufen und bin bei ihm eingezogen, bis ich eine eigene Wohnung finden konnte. Er hat mir sehr vertraut, ist für einen Monat nach Amsterdam geflogen und hat mir die Schlüssel zu seinem Loft gegeben.

Du hast Roberts Studio auch für einige Monate gemanagt. Wie war das?
Ich habe dafür gesorgt, dass alles organisiert wurde; dass seine Prints für Ausstellungen angefertigt werden. Dann haben wir uns meistens mit Sam Wagstaff zum Mittag getroffen, sind ins Studio zurück und haben weitergearbeitet. Damals war es nicht so hektisch.

Robert wollte unbedingt ein Star werden, koste es, was es wolle. Als ich bekannter wurde, wuchsen die Spannungen zwischen uns. Wir haben beide zur gleichen Zeit in New York fotografiert, oftmals auch die gleichen Leute. Es gab also Vergleichsmöglichkeiten; damit ist er nicht zurechtgekommen. Natürlich war Robert der etabliertere Künstler. Wir haben viel parallel gearbeitet, was viele gar nicht wissen, und haben zum Beispiel beide die Bodybuilderin Lisa Lyon fotografiert, die ich Robert durch unsere gemeinsame Freundin Marcia Resnick vorgestellt habe. Als ich Robert kennengelernt habe, hat er noch nicht mit Rundumleuchten gearbeitet, nur mit Wolframlampen und Tageslicht. Er hatte gutes Equipment, aber Angst davor, Elektroschocks abzubekommen. Ich habe ihn daran gewöhnt, ausgeglichenes Rundumlicht zu benutzen, das ich an der School for Visual Arts gelernt habe. Wir waren Künstlerkollegen, solange bis ich Anerkennung für meine Arbeiten bekam. Aber in aller Fairness muss man sagen, dass New York ein Ort ist, an dem die Leute sehr karriereorientiert sind. Ich war auch sehr ehrgeizig, aber nicht wirklich im Konkurrenzdenken verhaftet.

Neben Robert hast du auch viele wichtige Leute des Nachtlebens und der Kreativszene in den 80ern fotografiert.
Ich habe die Schickeria der Downtown-Szene fotografiert. Ohne es zu der Zeit zu wissen, habe ich eine Ära festgehalten, die es 20 Jahre später nicht mehr geben sollte. Wir dachten, dass wir für immer 20 Jahre alt sein würden. Ich bin umgezogen, nach Indien, und habe dort eine neue Szene gefunden, die auch vor dem Aussterben steht. Der Unterschied ist, dass ich mir dieses Mal dessen bewusst bin.

Das Interesse an Roberts Leben und Arbeiten ist wieder gestiegen: die HBO-Dokumentation, die Raf-Simons-Kollektion und Just Kids wird gerade fürs Fernsehen adaptiert. Warum passiert das gerade jetzt?
Die Menschen interessieren sich wieder mehr für Roberts Leben und Arbeit, ich freue mich sehr für ihn. Die Dokumentation finde ich aber überhaupt nicht gut. Sie ist eine schreckliche Verzerrung von Roberts Leben. Aber Geschichte wird immer von den Menschen umgeschrieben, die nicht dabei waren und die echten Dynamiken von Roberts Sehnsüchten und Zielen nicht kannten. Ja, Robert wollte berühmt werden und, ja, er war Perfektionist, bei allem, was er tat. Er war sehr intensiv und hatte großen Ehrgeiz, aber er war auch großzügig und ein netter Mensch, der gerne Witze gemacht und getratscht hat. Manchmal hat er sich auch wie in Kind benommen. Wir sind mal zusammen zu meinen Eltern nach Kanada zu unserem Haus am See gefahren. Er hat den ganzen Tag nichts weitergemacht, als zu fischen, wie ein kleiner Junge.

Was siehst du in diesen Fotos, das andere nicht sehen?
Diese Porträts von Robert sind besonders und einzigartig, weil das die einzigen Farbaufnahmen sind, die ich jemals gemacht habe. Ich arbeite immer nur schwarz-weiß. Ich hoffe, dass sie einen Eindruck von meinem besten Freund — „Bone Face", dieser Junge, der einfach nur am Steg fischen wollte — geben.

Noch bis zum 7. April kannst du dir Never Before Seen Portraits of Robert Mapplethorpe kannst du dir in der New Yorker Galerie Roman Zangief Photos anschauen.

Credits


Text: Emily Manning
Fotos: Marcus Leatherdale