grime-legende skepta über erfolg, neid und darüber, warum er eine pause braucht

Dieses magische Gespräch ist eines der seltenen Interviews mit dem Mann, der Grime weltweit bekannt gemacht hat.

von Frankie Dunn
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12 April 2017, 1:55pm

Es ist schon eine Weile her, seit wir uns das letzte Mal mit unserem Kumpel Skepta zusammengesetzt haben. Im vergangenen Jahr ist er richtig durchgestartet; sein Album Konnichiwa wurde in Großbritannien mit Gold ausgezeichnet, zusammen mit seiner Schwester Julie Adenuga hat er für Apple Music den Dokumentarfilm Skepta: Greatness Only gedreht, er hat den Mercury Prize gewonnen, auf Drakes Mixtape sein eigenes Interlude bekommen, und im Alexandra Palace eine epische Party geschmissen, auf der alle, die in der Grime-Szene und darüber hinaus Rang und Namen haben, zusammen mit ihm abgefeiert haben. Skepta hat die britische Musik neu definiert und seine Karriere ordentlich vorangetrieben und hat dazwischen verständlicherweise nur wenig Zeit für Interviews. Doch backstage vor seinem Wohltätigkeitskonzert in der Londoner Islington Assembly Hall (bei dem £30.000 für die Organisation Shelter gespendet wurden, die obdachlosen Menschen hilft) hatten wir so einiges mit ihm zu besprechen. Skepta, der eine große Sonnenbrille und goldene Grills trägt, hat uns erzählt, warum die Gesellschaft mit dem Starkult aufhören sollte, wie es ist, sich seine Kindheitsträume zu erfüllen, und warum er unbedingt Urlaub braucht.  

Hi Skepta! Das ist ein tolles Event. Warum hast du entschlossen, dich mit Shelter zusammen zu tun?
Ich habe gehört, dass sie Shows veranstalten und habe meinen Manager darum gebeten, sich mit Shelter in Verbindung zu setzen. 

Und was sind deine persönlichen Erfahrungen mit Obdachlosigkeit?
Naja, ich lebe in London, und da gibt es sehr viele Obdachlose. Wenn man manchmal in Selbstmitleid verfällt und sich beschwert, dass das eigene Leben so schwer ist, sollte man sich lieber mal vor Augen führen, wie viel Glück wir alle eigentlich haben. Und ich glaube auch nicht, dass es nur die Aufgabe von Leuten wie mir ist, etwas zu verändern — das geht uns alle etwas an. 

Freust du dich auf deinen Auftritt?
Ja, ich liebe es. Egal wie ich gerade drauf bin, durch meine Musik ist für diesen Augenblick alles wieder in Ordnung. Die Leute hier, sie alle kommen um zu sehen, wie ich performe, und das gibt mir Kraft. Ich habe großes Glück, dass ich die Musik machen kann, die ich liebe.

Ist es für dich also eine Art Flucht?
Ich würde es jetzt nicht als Flucht beschreiben, weil gerade alles einfach super gut läuft. Alles ist in Ordnung. Es ist also keine Flucht, sondern eher wie eine Party, und zwar meine ganz eigene. Egal, was in meinem Leben passiert, ich kann diese Party schmeißen und die Leute kommen und feiern mit mir und das genieße ich total. Es ist echt verrückt, alle, die hier arbeiten, haben mir gesagt, wie aufgeregt sie sind. Wegen Sachen wie diesen weiß ich, warum ich das alles eigentlich mache. 

Conor H und Aaron Ferrucci machen heute den Anfang.
Ich hab' mit den Jungs schon das Levi's Music Project gemacht, bei dem wir dann im V&A aufgetreten sind. Ich kann mich daran erinnern, wie sie mich angestarrt haben, als wir uns das erste Mal getroffen haben, und wie ich ihnen gesagt hab' „Nein Jungs, lasst das, wir sind auf derselben Ebene. Wir werden diesen Kurs geben und Musik machen und dann zusammen auftreten." Zu sehen, wie das alles dann auch passiert ist, war total abgedreht. Es war unglaublich. Auf jeden Fall habe ich ihnen dann von dieser Veranstaltung erzählt und sie haben gesagt, dass sie total gerne als Opening Act mit dabei wären. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass es ein Kurs sein würde, bei dem typische Rapper ankommen würden, weil ich es bin, aber es waren Klavierspieler, Gitarristen, Bassisten, Rapper, Sänger, DJs und Produzenten dabei, einfach alle möglichen Leute.  

Sehr cool. Gibt es Musik, die du hörst, die Leute überraschen würde?
Ich höre so gut wie alles. Früher als ich jung war, habe ich Lieder gehört und sie sofort bewertet. Ich habe gedacht OK, so sehe ich nicht aus, so kleide ich mich nicht oder so rede ich nicht, also gefällt mir diese Musik nicht. Aber mit dem Alter bin ich zu einem wandelnden Fragezeichen geworden. Ich höre echt alles.

Idris eröffnet den Abend mit einer kurzen Rede. Hast du ihn eingeladen?
Nein, aber es ist super. Irgendwann erreicht man diesen Punkt, an dem alles so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe: alles passt einfach; meine Freunde, mein Manager, mein Leben, wo ich lebe, einfach alles. Wenn ich früher etwas wollte, habe ich das nicht so raushängen lassen, weil ich Angst hatte, die Leute zu kränken. Aber jetzt bin ich glücklich darüber, dass die Dinge so sind, wie sie sind, denn Schauspieler kommen in den gleichen Raum wie Künstler, um Hallo zu sagen. Wozu hat es früher überhaupt diese Trennung gegeben, diesen ganzen falschen Schwachsinn. In meinem neuen Song No Security geht es genau darum. Ich will diese Grenzen wegwischen, ich finde das echt nervig. Die Leute sprechen mich draußen nicht mal mehr an, um zusammen ein Foto zu machen. Wir haben das Jahr 2017. Es ist toll, dass Idris hier ist. Ich hoffe, dass wir alle eine ... 

... glückliche Familie werden?
Es wird nie eine große, glückliche Familie geben, weil Neid immer existieren wird, was eine wirklich schlechte Eigenschaft der Menschen ist. Aber was es geben wird, ist eine gewisse Gleichheit. Eine Ebene, auf der die Menschen, die erfolgreich sein wollen, Erfolg nicht als etwas Unerreichbares sehen werden. Ich habe immer gedacht, dass ich zu einem bestimmten Radiosender gehen müsste, damit meine Musik gespielt wird, und mich mit bestimmten Leuten treffen und mich auf eine gewisse Art verhalten müsste, um Erfolg zu haben — ich dachte, dass der Erfolg genau dort wartete, aber er steckt in mir drin und hat sich nur gezeigt, wenn gewisse berühmte Leute sich in meiner Gegenwart nicht so verhalten haben, als wären sie berühmt. Je mehr die Leute wissen, dass sie alle auf einer Ebene sind, desto mehr werden sie sich der Idee, erfolgreich zu werden, von innen heraus öffnen, und desto mehr Selbstvertrauen werden sie haben, aufzustehen und zu singen, zu rappen oder zu breakdancen. Es gibt so viel Talent, aber es verschließt sich vor der Berühmtheit. Und leider auch vor mir, weil ich hier bin und verstehe, was ich bin.

Wie meinst du das?
Ich habe mit Freunden gesprochen, mit denen ich früher abgehangen bin, und sehe, wie sie jetzt über mich sprechen. Ich erzähle ihnen, was sie für Möglichkeiten hätten, und sie entgegnen mir: „Du kannst das sagen, du bist ja auch Skepta." Ich bin dann immer total baff und sage „Ich bin doch mit dir aufgewachsen. Siehst du mich echt so? Du weißt doch genau, was ich mache." Es gibt immer diese sinnlosen Hierarchiestrukturen, wenn man berühmt ist, und genau das versuche ich mit meiner Musik zu verändern. Ich versuche immer, sicherzustellen, dass jeder sagt, was er denkt und fühlt. 

In deinem Leben verändert sich gerade sehr viel, oder?
Das Leben rast so schnell. Zu schnell. Ich habe gerade Pause gemacht und mir Zeit genommen, um auf das, was ich erreicht habe, zurückzuschauen. Es zu betrachten, ohne selbst dabei zu sein.

Und gefällt dir, was du rückblickend siehst? 
Ja, ich bin sehr, sehr, sehr glücklich. Aber es ist gleichzeitig auch ein sehr merkwürdiges Gefühl, alles, was man sich als Kind erträumt hatte, erreicht zu haben. Es geht nicht mal um materielle Sachen, sondern vielmehr um die Dinge, die ich als Musiker für meine Stadt machen wollte. Es gefällt mir, wie die Dinge jetzt stehen; Künstler teilen sich die Bühne und machen coole Kooperationen.

Jetzt wo du all das erreicht hast, wovon du geträumt hast, was steht da als nächstes für dich an?
Ich denke, ich werde versuchen, etwas Urlaub zu machen. Obwohl ich in letzter Zeit nichts bestimmtes gemacht habe, habe ich die ganze Zeit gearbeitet. Wenn ich mich abends ins Bett lege und meine Kopfhörer aufsetze, fällt mir manchmal ein, dass ich den ganzen Tag nichts gegessen, aber höchstwahrscheinlich Alkohol getrunken habe. Ich muss wirklich mal wegfahren und von der Gesellschaft, die ich kenne, Abstand nehmen. Ich möchte das alles immer noch, aber zuerst brauche ich etwas Urlaub. 

Vielleicht kann dir Jamie etwas leckeres Veganes kochen ...
Das ist gar nicht so einfach. Ich habe zwar aufgehört, Fleisch zu essen, aber diese ganze vegane Geschichte kann man nicht durchziehen, wenn man nicht voll dahinter steht. Jamie lässt sich sein Essen nach Hause liefern. Ich esse immer nur Käse-Toasts. Es fühlt sich aber gut an. Falls ich dadurch krank werden sollte, wird es schade sein, aber ich habe viele Freunde, die etwa zur gleichen Zeit wie ich aufgehört haben, Fleisch zu essen, und sie alle sind wieder dabei.

Letzte Frage: Was ist der letzte Traum, an den du dich erinnerst?
Ich war in irgendeinem Gebäude und sollte auf die Bühne, aber wir mussten warten, weil Soldaten reingekommen sind und alle Zuschauer durchsucht haben. Ich erinnere mich noch, wie ich aus dem Fenster geschaut und draußen all die Militär-Fahrzeuge gesehen habe.

Credits


Text: Frankie Dunn

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