der nachwuchsdesigner mario keine findet harmonie langweilig

Er entwirft Herrenmode, in der er das Spiel mit Silhouetten und den eklektischen Stoffgebrauch perfektioniert hat. Trotzdem legt er auf Perfektion bewusst keinen Wert. Ein Atelierbesuch bei dem Nachwuchsdesigner Mario Keine.

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06 Januar 2016, 11:05am

Mario Keine verpasst seinen Kollektionen gerade den letzten Feinschliff, als wir ihn an einem Freitagmorgen im Atelier der Düsseldorfer Modeakademie Design Department besuchen. Es wird seine Abschlusskollektion sein. Düsseldorf, dabei denkt man erst mal an die reichen Damen, die sich ihren Stil auf der Kö kaufen. Nach Modetalenten und frischen Ideen sucht man in Deutschland meist lieber in Berlin. Alles richtig und alles Klischees. Denn: Dass es für das Modestudium nun wirklich nicht immer London, Antwerpen oder Paris, nicht mal Berlin, sein muss, dafür ist Mario ein ziemlich gutes Beispiel.

Er trägt futuristische Schuhe von Raf Simons für Adidas und eine weiße Lederjacke mit gespenstischer Kritzelei auf dem Rücken von Comme des Garçons. In seinem Kleiderschrank findet man viel von Rei Kawakubo. Comme des Garçons und Christophe Lemaire gehören zu seinen Lieblingsdesignern. „Ich bin der personifizierte Heimat-Kunde." Er lacht. Heimat gehört zu den modischen Juwelen der Stadt Köln. Hier gibt es Walter van Beirendonck, Christophe Lemaire, Issey Miyake und eben ganz viel Comme des Garçons. „Das sind exakt die Designer, die es immer wieder schaffen, mich mit ihren Schauen zu bewegen." Wenn wir über Mode reden, spricht Mario mit Bedacht. Über die überraschenden Designerwechsel 2015: „Der Weggang von Raf Simons hat bei mir keine große Verwunderung ausgelöst. Meine Abschlusskollektion behandelt die Geschwindigkeit der Branche." Über seine Entscheidung, Männermode zu machen: „In der Damenmode hat man schon so viel gesehen, dass man sich hier oft in experimentellen Absurditäten verliert." Oder über die Selbstständigkeit als Modedesigner: „Während des Studiums ist man schon mal so großschnäuzig, zu glauben, man habe genügend Erfahrung, aber spätestens im Praktikum kommt man wieder in der Realität an."

Lies hier unser Interview mit dem Berliner Tim Labenda.

Auf die Frage nach dem Standort Düsseldorf schmunzelt Mario Keine so liebevoll wie deutlich. Düsseldorf ist die Stadt, in der er lebt, studiert und, im Moment, Mode macht. Dennoch schließt er sich der Meinung seiner Dozentin und Schulleiterin, Gabriele Orsech, an. Die sagt: „Eine erfolgreiche Kollektion funktioniert selten von Düsseldorf aus." Vielleicht wird dieser Nachwuchsdesigner eines ihrer besten Gegenbeispiele sein. Vielleicht wird er aber auch in seine Sehnsuchtsstadt Paris ziehen.

Seine Liebe zur französischen Hauptstadt wurde durch ein Praktikum beim Pariser Kreativstudio des koreanischen Männermodelabels Wooyoungmi entfacht. Vor dem Studium war er auch mal bei Marc Cain, modisch geprägt hat ihn das nicht. Und seine Leidenschaft für den kommerziellen Modemarkt hat es auch nicht entfacht. Zum Glück, möchte man ihm sagen. Nachdem er bei den Koreanern in Paris war, hat sich vielmehr der Bezug zu seinem eigenen modischen Schaffen verändert. „Ich habe mich danach getraut, mein ganzes kreatives Potenzial auszuschöpfen. Das macht man im Studium manchmal weniger, als man denkt", erklärt Mario. „Mit der ersten Kollektion im dritten Semester besteht immer die Gefahr, dass man versucht, übereifrig professionell und international konkurrenzfähig zu sein, anstatt den eigenen Geschmack voll auszuschöpfen." 

Drei Kollektionen hat Mario während seines Studiums entworfen. Drei Möglichkeiten, in drei unterschiedliche Richtungen zu gehen und herauszufinden, wer der Designer Mario Keine eigentlich ist. Als wir ihn auf die Abschlusskollektion, an der er gerade noch letzte Hand anlegt, ansprechen, meint er: „Ich habe mich an Harmonie sattgesehen."

Die Unvollkommenheit hat er tatsächlich perfektioniert. Dafür ist seine aktuelle Winterkollektion, die er in wenigen Tagen präsentieren wird, ein Paradebeispiel. Ihre Schnitte führen den Betrachter kunstvoll an der Nase herum. Von Raffinesse, dem Begriff der unter Modejournalisten gerne inflationär gebraucht wird und der hier wirklich angebracht ist, zeugen die Einzelteile von Mario Keine. Für eine Weste aus bewusst unregelmäßigen Plissees hat er knapp 10 Meter Stoff in akribischer Handarbeit in Falten gelegt. Vatermörderkrägen und Plastrons verraten viktorianische Inspirationen, ein kariertes Jackett eröffnet sich seinem Träger und seinem Bewunderer erst auf den zweiten Blick als Cape mit unterlegter, rosafarbener Spitze. Kein einziger Stoff findet in dieser Kollektion zweimal Verwendung. 

42 verschiedene Stoffe hat Mario dafür zusammengetragen. Jeder einzelne ist texturiert, strukturiert oder gemustert. Manche haben bereits internationale Modegeschichte geschrieben, Mario erklärt: Das karierte Cape besteht aus Restware einer Kollektion von Walter van Beirendonck, einen Cordstoff aus verblasstem Rosa hat er ebenfalls in Antwerpen gekauft. Die rosafarbene Spitze ist von Prada, die geblümte Weste aus einem Polsterstoff gefertigt. Ein anderer Stoff ist von Loro Piana und damit von höchster Wollqualität, der karamellfarbene Cord und der blasig texturierte Stoff in Senfgelb, ursprünglich für Accessoires entwickelt, hat er im Overstock bei Louis Vuitton erstanden. „Zu Schleuderpreisen", grinst Mario. 

Seit dem dritten Semester entwirft Mario ausschließlich Menswear-Kollektionen, nachdem er im zweiten Semester jeweils eine Silhouette für Frauen und eine für Männer entworfen hat. „Danach kamen nur noch Herrenideen, die mich gereizt haben. Und so ist das geblieben." Die Abschlusskollektion, für die er hier im Atelier gerade den letzten Kragen mit verdeckter Knopfleiste näht, sollte eigentlich noch einmal einige Looks für Damen enthalten, aber auch das hat der Jungdesigner dann wieder verworfen. Mario Keine folgt eben keinen modischen Regeln. Eigene möchte er mit seinen Kollektionen aber auch nicht schaffen. „Es ist mein Ansatz von Mode, keine Regeln aufzustellen", konstatiert er. Dazu gehört auch, von welchem Geschlecht seine Kollektion und ihre einzelnen Teile am Ende getragen werden. „Für mich ist Mode Spaß und darin sollte man sich nicht einschränken müssen." Mario Keines Schnittführung zeigt sich in der gesamten Kollektion als äußerst präzise und entsprechend: äußerst präzise für männliche Proportionen konstruiert. Trotzdem ist die klare Meinung des charmanten Jungdesigners aus Düsseldorf kein trendiges Zeitgeistgerede. Die Hose, die er heute Morgen im Atelier trägt, ist von Comme des Garçons. Aus der Damenkollektion.

@mariokeine

Credits


Text: Lisa Riehl
Bilder: Ruslan Varabyou