ein abend mit thomas köner

​Nach seinem Auftritt bei „The Long Now“, einer 30-Stunden-Performance, die am Wochenende in Berlin stattfand und bei der die Gäste eingeladen wurden, über Nacht zu bleiben, haben wir gemeinsam mit dem Soundkünstler Thomas Köner das Kraftwerk erkundet...

von Alexandra Bondi de Antoni
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01 April 2015, 9:00am

„Es tut mir leid, wenn ich schwafle. Ich komme immer von Einem ins Andere und verrenne mich leicht in meinen Gedanken", entschuldigt sich Thomas Köner für seine sehr ausführlichen Antworten, als ich ihn einen Tag nach unserem Interview im Kraftwerk in Berlin treffe. Er hat gerade drei Stunden im Zuge von „The Long Now" gemeinsam mit seiner Frau das Stück „Tiento De Las Nieves" uraufgeführt, hat etwas Rückenschmerzen, wirkt jedoch ganz zufrieden und bereit, das Kraftwerk zu erkunden.

„The Long Now" war eine 30 Stunden andauernde Performance, die letztes Wochenende im Berliner Kraftwerk stattfand. Die Besucher wurden aufgefordert, über Nacht zu bleiben, zu schlafen, zu essen und die Musik zu genießen. Was sich nach keinem besonders neuen Konzept für Leute, die das Berliner Nachtleben kennen, anhört, war jedoch wirklich anders. Es erwartete einen keine harte Elektro - und Ravestimmung (außer bei der letzten und großartigen Performance von Actress am Sonntagabend), sondern experimentelle Musik und Soundperformances, wie zum Beispiel von dem Soundkünstler Erich Holm oder einem 7-Stunden-Auftritt von dem schon achtzigjährigen Phill Niblock. Außerdem gab es durchgehende Livemusik im ehemaligen Schaltraum, in dem Betten aufgestellt wurden. Leute schliefen, lasen, lauschten und bauten sich ihre kleinen eigenen Welten, in denen die Zeit vollkommen vergessen wurde. Man lag unter riesigen Heizstrahlern und wurde von den Soundexperimenten in eine andere Sphäre getragen (oder schlief ein, was mal vorkommen konnte).

Auch von der Bühne aus war es ein Erlebnis, erzählt Köner, als wir die Treppen hinaufkletterten und in einem geheimen Raum, der früher einmal wahrscheinlich Turbinen beheimatete und in dem nun ein Schrein aufgebaut war, ankamen. Das Kraftwerk wird einmal im Jahr von Tibetischen Mönchen gereinigt, damit die Stimmung auch immer gut bleibt. Von oben sieht man die Menschen, wie sie vor der Bühne liegen und sie sehen ganz klein aus. 

Köner ist ein Soundkünstler, der in den 80ern begonnen hat, mit Geräuschen zu experimentieren. Seitdem ist er als Künstler tätig, vertont Stummfilme live und ist aus der experimentellen Musikszene nicht wegzudenken. Wir haben ihn am Tag vor unserem gemeinsamen Spaziergang durchs Kraftwerk zum Kaffee getroffen und mit ihm über die Existenz oder das Nicht-vorhanden-sein von Musik diskutiert. 

Was hat dich zu dem Punkt gebracht, an dem du heute stehst? Kannst du, wenn du auf deine Karriere zurückblickst, Momente ausmachen, die deinen Weg maßgeblich beeinflusst haben?
Der wichtigste Moment für mich war der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass das, was ich für mich erforsche oder entwickle, auch für andere relevant ist. Das ändert alles und man verliert seine Unschuld. Sobald man merkt, dass sein Schaffen angenommen wird, hat man eine gewisse Verantwortung seinem Publikum gegenüber. Man will es unterhalten. Es entsteht eine Bereitschaft bzw. der Wunsch sich mit dem Interesse der Hörer auseinanderzusetzen. Der Übergang eines Monologs in einen Dialog. Man hat die Rolle eines Dienstleisters, nicht mehr die eines Künstlers.

Kunst ist eine Dienstleistung?
Ja, Kunst muss entweder Wert schaffen oder ist eine Dienstleistung, die Unterhaltung impliziert. In meinem Fall und vor allem in meinen visuellen Arbeiten bewege ich mich in einem Grenzgebiet zwischen diesem Kunstsystem, das auf eine Wertmaximierung abzielt, und einem Kunstsystem, wie es bei „The Long Now" der Fall ist, das unterhalten soll.

Wann hast du begonnen, Musik zu machen?
Mit vier Jahren habe ich begonnen, Geige zu spielen. Das war damals so in Mode und meine Mutter hielt es für das Richtige. Diese Geige war mir immer sehr fremd. Sogar unsere Katze verstand nicht ganz, was es mit diesem Ding auf sich hatte, sie lief immer davon, wenn sie die Geige sah. Ich war ein wirklich guter Spieler und kam schnell in ein Jugendorchester. Je mehr ich spielte, desto mehr wurde sie mir fremd. Es ging um das Instrument, nicht um mich, den Geigenbediener. Auch die Noten, die wir bekamen, waren nicht meine. Sie existierten nur, weil sie für das Instrument geschaffen wurden. Das Instrument nimmt nichts von dem Menschen an, der es spielt. Es benützt den Menschen so zu sagen, um zu klingen.

Ich kam zu dem Punkt, an dem ich Musikinstrumente als hinderlich ansah. Ich wollte eine Sprache finden, die jenseits von der Harmonielehre, dem klassischen System von Tonerzeugung und Tonrezeption liegt.

Das Endprodukt ist doch eine Mischung aus dem Spieler und dem Instrument, da ganz grob ausgedrückt keiner ohne den anderen existieren würde.
Künstler versuchen sich das einzureden, in dem sie Stücken ihren eigenen Touch geben. Einer hat mehr Vibrato, der andere weniger. Aber das ist nur eine Einbildung. Die Art, wie das Instrument Töne produziert und wie sie klingen, ist vorgesetzt. Das kannst du nicht beeinflussen. Deshalb war für mich klar, dass ich Instrumente nicht mehr angreifen werde. Ich hatte die Verbindung zu ihnen verloren. Danach habe ich begonnen, mit anderen Geräuschen zu arbeiten.

Wie findest du diese Geräusche?
Anfangs war das sehr schwierig. In den 80ern hatte man keine Sampler und keine Computer. Man nahm mühsam mit Mikrofonen und Tonbändern auf. Ganz schrecklich. Der ganze Prozess hatte eine selbst vernichtenden Geste. Heutzutage ist es leicht, Geräusche aufzunehmen und mit diesen zu arbeiten.

Wie ging es dann mit deiner Entwicklung weiter?
Eine weitere Erkenntnis war, dass man mit der Fixierung auf Musik alle anderen Sinnesorgane außen vor lässt. Ich wollte Musik nicht aufgeben, aber nur Musik war mir auch zu wenig. Deshalb habe ich begonnen, sie in einen Kontext mit anderen Sinnenwahrnehmungen zu stellen. Für mich macht kein künstlerischer Ausdruck viel Sinn, der eine Exklusivität beansprucht. Ich begann meine Arbeit auszuweiten und es war mir wichtig, mit diesen Verbindungen zu spielen. Ich habe am Anfang mit verschiedenen Künstlern zusammengearbeitet und bin zu dem Punkt gekommen, an dem ich festgestellt habe, dass ich alles selber machen muss, damit es in sich schlüssig ist. Vielleicht ist das Endprodukt nicht so raffiniert, wie das Ergebnis von Teamarbeit, aber es ist wichtiger, etwas ganzheitlich zu schaffen, als wieder nur zum Instrument in einer großen Maschine zu werden, wie bei dem Problem mit dem Instrument.

Wie sieht dein Arbeitsprozess aus?
Es ist immer anders. Bei dem jetzigen Projekt habe ich bewusst Lücken eingebaut. Ich will dem Zuhörer Raum für eigene Gedanken und eigene Interpretationen lassen. Tendenziell kann man sagen, dass meine Arbeiten etwas langweilig sind, um den Hörer dazu einzuladen, den Faden zu verlieren und sich mit seiner eigenen Welt und der Wiedergabe dieses Tonwerks zu einer größeren Einheit zu verbinden.

Ist langweilig nicht ein sehr negatives Wort?
Vielleicht sollten wir das einfach aus dem Protokoll streichen. Es gibt kein Wort, um diesen Umstand zu beschreiben. Ich würde vor allem von einem Hohlraum sprechen, der nicht komplett ausgefüllt ist. Das ist für mich wichtig. Ich gebe dem Hören eine Einladung, diesen mit Erinnerungen und Gedanken anzufüllen. Man muss nicht konzentriert zuhören, sondern seine Gedanken treiben lassen. Die Wiedergabe eines Tonwerks passiert immer in einem n Rahmen. Dieser Rahmen fordert genauso viel Aufmerksamkeit wie das Stück selber und beeinflusst das Stück. Ich möchte vermitteln, dass die Kunst nichts Abgeschlossenes ist. Es gibt immer Raum, in dem du noch weiter denken und schaffen kannst.

Welche Musik hörst du privat?
Also Musik existiert nicht wirklich. Musik bedeutet, jemand hat eine Komposition gemacht und hat diese für sich abgeschlossen. Das ist dann das Musikstück. Wenn jemand anderer nun sagt, dass das so nicht stimmt, kannst du ihn nicht falsifizieren. Deshalb kann es keine Musik geben. Warum ist die Tonleiter Musik und das Brummen des Kühlschranks nicht? Wer bestimmt das? Aber ja im Auto hören wir immer die Hayden Symphonien. 

Credits


Text und Fotos: Alexandra Bondi de Antoni 
Foto Location via Berlin Atonal 

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