wie instagram und popstars uns gelehrt haben, über angstzustände zu sprechen

Von Selena Gomez bis Zayn Malik: Immer mehr Prominente sprechen offen über ihre Angststörungen. Wir haben uns gefragt, wie Social Media zu unserer neuen Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen geführt hat.

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Sep. 13 2016, 2:35pm

Collage: Ashley Goodall

Letzte Woche hat Selena Gomez, eine der meist gefolgten Prominenten auf Social Media, bekannt gegeben, dass sie sich eine Auszeit nimmt. Ihre Depression, ihre Angstzustände und die Diagnose Lupus waren dann doch zu viel und sie braucht einfach eine Auszeit. Ihre 98 Millionen Follower haben ihr alles Gute und Liebe gewünscht. 

Ein paar Monate zuvor haben Zayn Malik und Justin Bieber jeweils Konzerte abgesagt. Der Grund: Angstzustände. Offen haben sie in den Sozialen Netzwerken ihren Fans erklärt, wie es so weit gekommen ist: Justin war zunehmend von Meet-and-Greets mit Fans überfordert und hat sie als Trigger für seine Depressionen ausgemacht. Zayn wurde von der wachsenden Anzahl seiner Konzerte übermannt, was letztlich dazu geführt hat, dass er gar nicht mehr auf die Bühne gehen konnte und wollte.

Die Promis waren die Gladiatoren der Neuzeit, die im Kolosseum für unsere Unterhaltung durchgedreht sind.

Die Sängerinnen Kehlani und Demi Lovato gehen so offenherzig mit ihren psychischen Erkrankungen um, dass sie Teil ihrer Markenidentität geworden sind. Kehlani hat ein Bild von sich nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus gepostet und chattet oft mit Leuten darüber, was sie überhaupt an diesen Punkt gebracht hat. Auf ihrer aktuellen Tour mit Nick Jonas hat Demi Lovato vor ihren Konzerten Mental-Health-Workshops für ihre Fans organisiert.

Bei der Art und Weise, wie eloquent und offen die jungen Popstars heutzutage über ihre psychischen Probleme reden, vergisst man oft, dass es vor nicht einmal 10 Jahren noch ganz anders ausgehen hat. In den 2000ern herrschte eine tiefsitzende Gleichgültigkeit gegenüber den Angstzuständen anderer, besonders wenn diese Leute richtig reich waren. Wir waren live dabei, als Britney Spears, Mischa Barton und Amanda Bynes von ihren eigenen Dämonen zerstört wurden. Die Promis waren die Gladiatoren der Neuzeit, die im Kolosseum für unsere Unterhaltung durchgedreht sind. 

Neun Jahre nach ihrem berühmt-berüchtigten Zusammenbruch ziert Britney Spears das Cover von Marie Claire. In dem Begleittext dazu wird auf sensible Weise ein Profil von einer jungen Frau gezeichnet, die schon als Kind und Teenager unter enormen Druck stand. Nach fast zehn Jahren wird ihr Verständnis entgegengebracht, was damals vollkommen gefehlt hat.

Was hat sich also geändert? Angststörungen sind schon länger die psychische Erkrankung gewesen, über die sowieso schon relativ offen gesprochen wurde. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass es die häufigste Form von offiziell anerkannter psychischer Störung ist. Laut einer Studie des Robert Koch Instituts gehören Angststörungen zu den häufigsten psychischen Störungen in Deutschland, wobei sie bei Frauen auf dem ersten Platz stehen und bei Männer auf Platz 2, nach Alkoholsucht. 

Ältere mediale Darstellungen haben sich gerne an abgegriffenen Klischees orientiert und Menschen, die an chronischen Angststörungen leiden, als nervige Neurotiker dargestellt. Bestes Beispiel dafür ist so ziemlich jeder Charakter von Woody Allen, den er selbst gespielt oder erfunden hat. Oder die Leute wurden so porträtiert, als wären sie in einem Zustand von Terror und Chaos gefangen. Neben Allen gehören Roman Polanski und Alfred Hitchcock zu den Regisseuren, die das Thema am häufigsten angesprochen haben. In Filmen wie Ekel, Rosemaries Baby, Der Mieter oder Vertigo waren die unentdeckten und tiefsitzenden Ängste immer die auslösenden Mächte hinter der Dekonstruktion. Die Charaktere, die diese Ängste hatten, waren unzuverlässige Erzähler, die meistens geisteskrank waren. 

Früher war es so, dass die Informationen über psychische Erkrankungen das Sprechzimmer des Arztes nicht verlassen haben.

Das steht im krassen Gegensatz zu der Art und Weise, wie Angststörungen heutzutage im Film oder Fernsehen gezeigt werden. Im Jahr 2016 fällt es schwer, einen Charakter zu finden, der nicht von chronischen Selbstzweifel oder irrationalen Gedanken geplagt ist. Doch der Unterschied ist, dass sie in Serien wie Girls, Love, Master of None, BoJack Horseman, Broad City, Catastrophe und You're the Worst als normale Leute dargestellt werden. Die Botschaft dahinter: Wir fühlen uns manchmal eben alle so.

Wenn sich etwas in der Gesellschaft ändern soll, dann landen wir zwangsläufig beim Thema Sichtbarkeit. Je mehr wir über etwas sprechen und je mehr wir davon sehen, desto mehr wird es auch in die (Mainstream-)Medien gelangen. Je mehr Leute das dann wiederum sehen, desto mehr werden sie eine Solidarität spüren, sich öffnen und über ihre eigenen Erfahrungen sprechen. Unser wachsendes Verständnis und die bessere Repräsentation von Angststörungen ist ein wunderbares Beispiel für diese Spirale.

Die schiere Revolution auf dem Gebiet psychischer Gesundheit im Fernsehen ist nur eine Reaktion auf eine Debatte, die Leute zum großen Teil online führen. Seitdem es Social Media gibt, wurde das Internet zu einem großen Katalysator für diese Veränderung. In den späten 90ern haben Leute angefangen, offen im Internet Tagebuch zu führen. Andere haben die Einträge kommentiert und so entstand ein reger Austausch. Das sollte später dazu führen, dass Tumblr zu einem Mekka für all jene geworden ist, die sich über psychische Erkrankungen mit anderen austauschen wollten. Diese Welt stand Pate dafür, wie viel Social Media im Kontext psychischer Erkrankungen genutzt werden sollte: Das Internet bietet einen sicheren, privaten Ort und den Zugang zu Informationen und Ressourcen, damit wir über unsere Gefühle sprechen können und uns von anderen unterstützt fühlen. Etwas, das so vorher nicht existierte.

Früher war es so, dass die Informationen über psychische Erkrankungen das Sprechzimmer des Arztes nicht verlassen haben. Die Leute konnten ihre Erfahrungen nicht mit anderen vergleichen, ohne dass sie ihre eigenen Störungen öffentlich machen mussten. Heute hat diese Offenheit sogar ihre eigenen Online-Berühmtheiten hervorgebracht. Bloggerinnen wie Jana Seelig, deren Tweet über ihre Depression viral gegangen ist und über Nacht zur Geburt des Hashtag #notjustsad beigetragen hat, gehen mit ihren psychischen Erkrankungen sehr öffentlich um. Vlogger wie Laura Lejeune und Beckie0 haben viele, sehr viele, Follower, nicht zuletzt, weil sie sie offen mit ihren Leben und ihren psychischen Erkrankungen umgehen. Auf Instagram ist eine keine Recovery-Kultur entstanden. User wie @balancenotclean, @believerecovery und @livetoflourish präsentieren detailliert ihre Erfahrungen mit Essstörungen und psychischen Erkrankungen vor Tausenden Followern.

Jana Seelig hat hier für uns ein Tagebuch ihrer Depression für uns geführt.

Millenials dürfen sich viel für ihre angebliche Kultur des Oversharings anhören. Aber zwischen den ständigen App-Updates und vielen Selfies hat sich eine Form von Intimität entwickelt, die so in der vordigitalen Welt nicht existiert hat. Jeder mit einem Twitter-Account wird wissen, dass es manchmal einfacher ist, zu einem Monitor zu sprechen als zu einer anderen Person. Durch die Informationen und Einblicke, die jetzt auf Instagram stehen statt im Tagebuch, fühlen sich die Leute mit ihren eigenen Gedanken weniger isoliert. Leute haben sich schon immer in ihrer Haut unwohl gefühlt, der Unterschied heutzutage ist nur, dass wir jetzt wissen, dass wir nicht alleine sind.

Oberflächlich betrachtet scheint unser Verhältnis zu Promis widersprüchlich zu sein. Aber wenn man sich ansieht, wie viel Unterstützung Selena Gomez im Vergleich zu Britney erhalten hat—beide zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs junge und sehr berühmte Frauen—, dann zeigt sich doch, dass heutzutage Vieles besser ist. Ja, vielleicht hat uns das Internet zu ichbezogenen Wesen gemacht. Ja, vielleicht hat es uns zu emotionalen Exhibitionisten und Voyeuren gemacht. Vielleicht hat uns das Internet auch ängstlicher gemacht. Aber wenn man sich die Kommentare auf Selena Gomez' Instagram-Account anschaut, dann scheint es aber auch so zu sein, dass uns das Internet freundlicher gemacht hat.

Wenn du selbst in einer seelischen Krisensituation stecken solltest: Es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die örtlichen Kinder- und Jugendnotdienste oder dieNummer gegen Kummer. Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Credits


Text: Wendy Syfret
Collage: Ashley Goodall