„ich habe es gehasst, den film erklären zu müssen."

Heute kommt „Wild“, der neue Film von Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz, ins Kino. Darin baut eine junge Frau eine besondere Beziehung zu einem Wolf auf. Wir haben mit ihr über beängstigende Traumsequenzen, die Schönheit der weiblichen...

von Lisa Leinen
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14 April 2016, 10:25am

Es gibt Filme, die schaut man bei Liebeskummer, oder weil man sich mal wieder so richtig gruseln möchte. Oder weil der eigene Humor mal wieder so banal ist, dass nur eine flache Komödie mit dem eigenen Scharfsinn mithalten kann. Oder weil man sich vor lauter Alltagsfrust mal wieder mit dem Film noir beschäftigen möchte. Denkt man in solchen Kategorien, wird man bei Wild nicht weit kommen. Denn Wild ist keiner dieser Filme. Sitzt man im Kino, weiß man gar nicht, wie es um einen geschieht. Eine gute Situation, um diesen Film anzuschauen, gibt es nicht. Trotzdem, oder genau deswegen, ist er absolut sehenswert und lässt einen mit einem unbeschreiblichen Gefühl zurück.

Provokant, interessant, charmant—der neue Film von Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz ist all dies und noch viel mehr. Wir wollten mehr wissen und haben sie vorab zum Gespräch getroffen. 

Erinnerst du dich an den ersten Moment, als du die Idee zu Wild hattest?
Ja, sehr genau! Das war ein Traum, der immer wiederkam: Ich bin durch einen Wald gejoggt und habe hinter mir Schritte und ein lautes Schnaufen oder Atmen gehört. Das war ein unangenehmer Traum, ich bin mehrmals davon aufgewacht. Aber irgendwie wurde ich auch neugierig, ich wollte wissen, was das da hinter mir war. Dann hat mir eine Freundin geraten: „Versuch dich doch mal umzudrehen, wenn du das wieder träumst." Und irgendwann habe ich das dann geschafft, hab' über die Schulter zurückgeschaut und da stand ein Wolf. Ich wusste nicht, was das soll, weil ich bis dahin nichts mit Wölfen zu tun hatte. Aber ich wusste sofort: Das wird mein nächster Film.

Bevor ich den Film gesehen habe, dachte ich: Eigentlich ist die Geschichte schnell erzählt. Aber wenn man Wild dann sieht, merkt man, wie hochkomplex und abwegig sie ist. Hast du vor Beginn der Dreharbeiten vielen Leuten davon erzählt—und wenn ja, wem?
Ich habe es gehasst, den Film erklären zu müssen! Zwei Jahre lang habe ich keinen Produzenten gefunden, deswegen musste ich den Inhalt immer und immer wieder erzählen, oder eben das Buch hinschicken und anschließend darüber reden. Aber wenn mich sonst jemand gefragt hat, woran ich gerade arbeite, habe ich meistens mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Ach, an allem und nichts!"

Und Freunden?
Ich habe drei Freunde, die mir besonders in kreativer Hinsicht sehr wichtig sind und denen habe ich schon sehr früh anvertraut, woran ich arbeite. Vielleicht würde es den Film ohne sie auch gar nicht geben, weil mir ihr immer sehr vorsichtiger Zuspruch zu meinen Ideen die Welt bedeutet. Der eine ist der Theaterregisseur René Pollesch, die andere meine Kostümbildnerin Tabassom Charaf und der dritte der Künstler Marc Brandenburg.

In vielen Pressestimmen heißt es, der Film sei ein einzigartiges Experiment und ganz anders als alles, was man bisher gesehen hat. Woher kommt das?
Der Film bezieht sich nicht auf irgendeinen anderen Film, den es schon mal gab, er stützt sich nicht auf das Sicherheitsnetz einer üblichen Erzählweise. Und er hat eine weibliche Protagonistin, die die Handlung vorantreibt, und nicht nur reagiert oder Erwartungen spiegelt, die ein männlicher Gegenpart in ihr hervorrufen würde. Der Gegenpart ist ein Wolf und der löst natürlich andere Gefühle in ihr aus als ein Mann. In Wild bestimmt die Frau die Handlung. Ania, unsere Hauptfigur, ergründet ihre Identität, ihre Lust, ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben, nur aus sich heraus. Das habe ich so selbst noch nie in einem Film gesehen.

Ania, die Protagonistin, ist ein hochkomplexer Charakter. Man schwankt immer zwischen völliger Nähe und absoluter Distanz zu ihr. Muss sie eine so schwierige Persönlichkeit sein, damit der Film funktioniert?
Die Distanz, die man immer zur Figur behält, war natürlich Absicht. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass man mit der Hauptfigur nicht so rumkumpelt, also dass eben keine totale Identifikation stattfindet, weil man sich dann vielleicht zu sehr um sie sorgen und es zu sehr auf sich selbst beziehen würde. So bleibt es möglich, der Geschichte zuzuschauen.

Das kann gut sein. Ich konnte erst mal nicht aufhören, darüber nachzudenken. An einem gewissen Punkt war ich soweit, dass ich dachte, der Wolf existiere vielleicht nur in Anias Kopf ...
Ja, der Film kann auf mehreren Ebenen laufen und man darf da einsteigen, wo man will. Entweder man nimmt die ganze Geschichte ganz konkret oder man guckt den Film auf irgendeiner Metaebene, deutet Metaphern und so weiter, oder springt sogar hin und her. Der Platz ist da, beides geht und das ist für manche ganz gut.

Es gibt diese Szene, in der Ania ihre Periode bekommt, damit den Wolf anlockt und sich von ihm auch lecken lässt. 
Das ist eine typische Traumsequenz—beängstigend und gleichzeitig faszinierend. In dieser Szene muss man hinschauen, man kann das alles erst gar nicht fassen. Und ich glaube, dass diese Szene in Männern und Frauen sehr Unterschiedliches auslöst. Dieses Blut, das bei jeder Frau schon immer und jeden Monat da ist und dass auch jeder Mann kennt, ist trotzdem so ein Tabu, es vor allem in einem Film zu zeigen und dann auch noch auf eine Weise, die aus dem vermeintlich Ekligen etwas Schönes macht ... der Wolf findet das ja genau so. Er genießt es, sie genießt es und schon ist man dabei, eine Weiblichkeit zu zelebrieren, die sonst deformiert wird.

Ja, stimmt. Ich war mit einem Freund im Kino und wir haben diese Szenen mit, im wahrsten Sinne, ganz anderen Augen gesehen, und danach lange darüber gesprochen.
Das ist schön! Und auch das Schöne am Kino. So etwas entsteht eben nicht, wenn du alleine zu Hause vorm Laptop sitzt und dir einen Film anschaust. Das sind die spannenden Momente, wofür es sich lohnt, ins Kino zu gehen—gerade bei einem Film wie Wild. Weil man eben die ganze Zeit noch zwischen anderen sitzt, auf die bestimmte Szenen anders wirken, und man sich dazu dann auch verhalten will—in der Opposition zu demjenigen, der neben dir ganz anders reagiert, oder weil man sich schämt, anfängt zu lachen, aber vielleicht verliebt sich gerade deswegen jemand in dich.

Ihr habt mit einem echten Wolf gedreht, habe ich gelesen. Alles?
Alles, ja!

Erinnerst du dich an eine gewisse Szene, oder einen gewissen Zeitpunkt, als dir bewusst wurde, was es heißt, mit einem so wilden Tier zu drehen, das jederzeit ausbrechen kann?
Das war mir eh klar. Jeden Morgen sind wir zusammengekommen und alle Regeln für den Dreh wurden vorgelesen. Das war wichtig, denn wir hatten ja eine enorme Verantwortung für das ganze Team am Set. Bei so einem wilden Tier wie einem Wolf bleibt die Gefahr immer präsent. Du siehst ihm seine Kraft auch an. Es gibt Szenen im Film, in denen der Wolf knurren und die Zähne fletschen soll. Dazu bringt man ihn nur, wenn man ihm Futter gibt und dann so tut, als würde man es ihm wieder wegnehmen. Wir haben ein großes, gefrorenes Stück Fleisch am Boden festgenagelt-—gefroren, damit er es nicht wirklich essen kann und dann lauter Reste zwischen den Zähnen hat—und der Tiertrainer hat mit Stöcken die Illusion geschaffen, dass er da ran will. In so einem Moment, wenn der Wolf seine Beute verteidigt, kannst du ihn nicht anfassen, in solchen Momenten ist er unberechenbar und außer Kontrolle.

Hatte dies Einfluss auf das Drehbuch? Gab es Szenen, die anders realisiert wurden, als du es eigentlich vorhattest?
Nein, denn ich hatte das Verhalten der Wölfe schon vor dem Schreiben der Szenen recherchiert. Gleich nachdem ich die Idee hatte, habe ich mich auf den Weg in die Lausitz gemacht. Dort gibt es eine tolle Biologin, Gesa Kluth. Die arbeitet daran, dass Wölfe wieder hier heimisch werden. Mit ihr habe ich als erstes darüber gesprochen, wie sich ein Wolf überhaupt verhält, wenn du ihm begegnest, fangen und versorgen würdest. Der würde sich nicht ganz so schnell wie im Film mit der Situation arrangieren, aber sein Wesen habe ich schon sehr berücksichtigt. Dann habe ich etwas Zeit bei Tanja Askani und ihren Wölfen in der Lüneburger Heide verbracht, wo ich auch viel gelernt habe. Alles andere habe ich aus Büchern oder zusammen mit dem Wolf-Trainer perfektioniert.

Was hat denn der Wolf, was wir nicht haben?
Er will niemandem gefallen.

Passend dazu: Der Film beschäftigt sich ja sehr mit dem Thema Ausbrechen. Ausbrechen aus dem Alltag, dem sozialen Umfeld, den gesellschaftlichen Normenwann bist du zuletzt ausgebrochen?
Ich habe einen Vorteil gegenüber meiner Hauptfigur, weil ich in einem Beruf arbeite, in dem das sogar oft forciert wird. Als Schauspielerin muss ich ja manchmal extrem aus mir heraustreten. Das schafft Abstand und man kann sein eigenes Leben mal wieder von außen betrachten. Sein Bewusstsein dafür schärfen, wie oft man eigentlich Dinge tut, weil man denkt, dass sie erwartet werden, oder weil man einem gewissen Bild entsprechen will. Und dass es manchmal viel leichter ist, eben genau dies nicht zu machen, und auch interessante Reaktionen hervorruft bei anderen. So viel von diesem Korsett schafft man sich selbst, und das ist vielleicht gar nicht nötig. Wir sollten viel öfter unseren Impulsen folgen.

Wie wichtig ist denn die Rolle von Anias Chef Boris für den Film? Zwischendurch erscheint es fast wie eine absurde Dreiecksbeziehung.
Ja! Der Wolf ist in beiden. Ania sperrt ihn in ihr Hochhaus und der Wolf zeigt ihr den Weg in die Freiheit. Dadurch, dass sie ihn gefangen hält, kann sie sich selbst befreien. Boris symbolisiert für mich den Wolf in Gefangenschaft. Für ihn ist es fast noch schwerer, sich seinem Rollenbild zu widersetzen, vielleicht weil für ihn viel mehr auf dem Spiel steht als für sie. Er greift nach Ania, als wolle er ein Stück von ihrer Freiheit abbekommen. Opfer—Täter—Retter, in der Psychologie Drama-Pyramide genannt, das geht die ganze Zeit hin und her. Man nimmt immer eine Position ein ...

Lilith Stangenberg spielt die Rolle der Ania mit einer solchen Intensität, dass man ihr als Zuschauer alles glaubt. Wie kam die Zusammenarbeit mit ihr zustande?
Lilith hatte sofort eine ganz klare Vorstellung von dieser Rolle und dass sie diese Person sein kann. Sie selbst sagt immer, sie war infiziert. Wir wollten beide diesen Film machen und dieselbe Geschichte erzählen. Wir waren Komplizen und haben den Wolf zusammen gejagt.

Welche Szene war für dich am herausforderndsten? 
Das war der Nachtdreh im Wald, wo der Wolf auch betäubt wird. Das war nicht unser Hauptwolf, sondern ein zweiter Wolf, der zu diesem Zeitpunkt auch Impfungen bekommen musste, also kein Tier hat zu irgendeinem Zeitpunkt unnötig gelitten. Der Wolf bleibt aber nur für circa 30 bis 40 Minuten betäubt, und in dieser Zeit die komplette Szene zu drehen, war für alle eine große Herausforderung. Alles musste schnell gehen und eben ohne vorherige Probe, das war sozusagen dokumentarisch gedreht. Und Lilith war so krass. Man muss den Film gesehen haben, um zu verstehen, was ich meine.

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Credits


Text & Inteview: Lisa Leinen
Fotos: Nicolette Krebitz & Filmstills 

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