Heute ist man berühmt, weil man berühmt ist

"Wenn jemand in der Vergangenheit berühmt oder berüchtigt war, dann gab es dafür einen Grund – entweder war man ein Schriftsteller, ein Schauspieler oder ein Krimineller; man hatte ein Talent, stand für etwas Besonderes oder Abnormales."

von Dean Kissick; Übersetzt von Michael Sader
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25 November 2015, 12:15pm

Was ist Popkultur heutzutage? Für mich sind die Stars, die berühmt sind, weil sie berühmt sind, und über die jeder ständig spricht - die Kendall Jenners und Kim Kardashians dieser Welt - die neue popkulturelle Elite. Ihre Körper sind Pop. Ihre Leben sind Pop. In diesem Essay geht es um die Sorte von Prominenten, die nichts wirklich geschaffen haben, aber trotzdem berühmt sind. Wie konnten sie zum Mittelpunkt der gegenwärtigen Popkultur werden?

Ihre Körper sind Pop, weil Körperteile in jüngster Zeit selbst berühmt wurden. Es begann mit den kleinen roten Kreisen, die die Hochglanz-Illustrierten dazu verwenden, um genau die Körperstellen, die ihnen nicht gefallen, bei weniger bekannten Stars hervorzuheben. Gleichzeitig wurden andere Körperstellen verherrlicht und zu neuen Must-Haves ausgerufen: Hüftknochen, der demonstrativ hervorstehende Schenkel, die Thigh Gap (Anmerkung; Cara Delevingnes Thigh Gap hat einen eigenen Twitter-Account) und der neueste Schrei: Thigh Brow (die Spalte zwischen Oberschenkel und Hüfte). Sogar falsche Körperteile können ihren eigenen Promistatus erreichen, wie zum Beispiel Donald Trumps berühmtes Toupet.


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In der Aufzählung fehlt natürlich das wichtigste Körperteil eines jeden Prominenten, der für sein Promi-Sein berühmt ist: der Po. Viele Beobachter der Popkultur erklärten 2014 zum Jahr des Pos, besonders zum Jahr des Pos von Kim Kardashian. In der Geschichte gibt es wahrscheinlich keinen anderen Hintern, der für ähnliche Faszination gesorgt hätte. Um Gerüchten entgegenzutreten, dass sie sich Implantate in ihren Po einsetzen ließ, ließ sie ihren Allerwertesten in ihrer Reality-Fernsehserie von einem Arzt röntgen. Dennoch weist ihr Hintern eine erstaunlich unglaubwürdige Formung auf. Bei einer Dinnerparty im Rahmen der Miami Art Basel wurde Kim Kardashian dabei gehört, wie sie über ihren Po gesagt haben soll, dass er einem Kunstwerk gleiche.

Promi-Hintern sind allgegenwärtig geworden. Die Rundungen haben sogar die Aufmerksamkeit der viel gepriesenen französischen Gegenwarts-Künstlerin Camille Henrot - Gewinnerin des Silbernen Bären der Biennale in Venedig 2013 - auf sich gezogen. Vor Kurzem stellte sie ihren Aquarell-Zyklus aus tanzenden Aktbildern, die von Nicki Minajs Anaconda-Musikvideo inspiriert wurden, aus. Zum Guardian sagte die Künstlerin: „Minaj porträtiert die weibliche Sexualität, die wilde Frau. Der Tanz ist ziemlich schamanenhaft und bezaubernd. Sie fordert uns auf, unseren Instinkten zu vertrauen. Ich liebe die Szene, in der sie in einem Fitnessstudio im Dschungel trainiert, einfach die ganze Absurdität davon. Ich glaube, sie vergleicht sich bewusst mit einer Barbie und achtet penibel darauf, künstlich zu erscheinen. Sie wird zur Karikatur der Erwartungen der anderen." Dasselbe könnte wahrscheinlich auch über Kim Kardashian gesagt werden. Sie verwandelt sich in eine übertriebene physischen Manifestation unserer zeitgenössischen Sitten und fleischlichen Gelüste. Gleichzeitig verkörpert sie aber ein gesünderes und ein realistischeres Body-Image als das, woran wir uns in den Mode-, Film- und Musikindustrien gewöhnt haben.

Momentan ist sie aufgrund ihres schwangeren Körpers in den Klatschspalten - ein Kreislauf schließt sich. Ihre Bekanntheit steigerte sich durch die Veröffentlichung des Sextapes 2007 schlagartig und im Laufe der Jahre wurde aus dem Sexsymbol ein Fruchtbarkeitssymbol: der Körper, der weltweit am meisten kommentiert wird. Vielleicht ist ihr Po wirklich ein Kunstwerkt, auf jeden Fall gehört er mit Sicherheit in jedes zukünftige Museum über das 21. Jahrhundert. Schon lange propagieren Künstler die Idee, dass der Körper ein popkulturelles Objekt sei. Darum ging es, als Andy Warhol seine berühmten Siebdruckporträts von Michael Jackson anfertigte und als Jeff Koons später seine absurden Sexskulpturen mit seiner Ehefrau, der italo-ungarischen Pornodarstellerin Cicciolina, schuf.

Wenn Instagram ein Land wäre, würde es mit seinen 300 Millionen Usern zum viertgrößten der Erde gehören und vier von zehn der beliebtesten Accounts wurden zu ein und derselben Familie gehören: den Jenner-Kardashians. Sie sind die bekanntesten Prominenten, die fürs Prominent-Sein berühmt sind. Ihre Geschichten scheinen den gegenwärtigen American Dream in all seiner Schönheit und seinem Horror zu umfassen. Man muss sich nur die beiden Patriarchen der Familie anschauen. Geschäftsmann und Anwalt Robert Kardashian verdiente einen Großteil es Familienreichtums durch seine Tätigkeit als Verteidiger von O.J. Simpson im berühmten Mordprozess, durch den so viel vom unterschwelligen Rassismus und den Spaltungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft sichtbar wurden. Und Olympionik Bruce Jenner, jetzt Caitlyn Jenner, die zur Ikone der LGBTQ-Community wurde. Aber das ist längst noch nicht alles. Da gäbe es noch die Millionen Dollar, die Schwangerschaften, die Drogen und natürlich die Scheidungen. Ihre Leben sind Popkultur in Reinform. Deshalb sind sie berühmt: Sie leben ein Leben, das uns gefangen nimmt und fasziniert.

Die gegenwärtige Faszination mit dem Alltäglichen beschränkt sich aber nicht nur auf die Welt der Normalos. Sogar Kunstkritiker Jerry Saltz lobte in höchsten Tönen Kims Selfie-Bildband Selfish und verglich ihn in einem Interview mit einen anderen großen Werk der Literatur: „Selfish ist eine Art amerikanischer Version von Mein Kampf, Karl Ove Knausgaards, nicht Hitlers. Damit meine ich eine persönliche Schilderung, geschrieben in einer eigenen Sprache und geprägt von Mitgefühl, unendlichem Theater, Bühnenbildern, Requisiten, einer Zeremonie, Oberflächlichkeit, Verzweiflung, Selbstbezogenheit, Sexualität und der Unfähigkeit, seine Besessenheit am eigenen Bild zu verbergen. Statisten kommen auf die Bühne und verlassen sie wieder. Statt das Wort wird hier das Bild genutzt, um das Unbehagen auszudrücken und loszulassen." Falls du die letzten zwei Jahre hinterm Mond gelebt hast: Karl Ove Knausgaard ist ein norwegischer Autor und momentan der Schriftsteller schlechthin. Grund dafür ist seine Bücherreihe Min Kamp, die zum internationalen Bestseller avancierte. Über sechs Bände wird eine autobiografisch inspirierte Geschichte erzählt, in der des Alltäglichen über mehrere Hundert Seiten beschrieben wird. Er schreibt unspektakulär über Unspektakuläres. Der Alltag ist so banal wie bei den Kardashians. Der zweite Band in der Reihe beginnt mit einer detailversessenen Beschreibung eines Kindergeburtstags, bei dem ihm der Kuchen der hochnäsigen schwedischen Gastgeben nicht schmeck, weil das Icing nicht genug Zucker enthält. Außerdem erklärt er, was er im Supermarkt kaufen wird oder was er in den Mülleimer wirft. Und doch ist es nie langweilig, sondern im Gegenteil immer spannend.

Durch Selfish und die „Min Kamp"-Reihe, durch unsere Facebook- und Instagram-Accounts wurde das ereignisarme Alltägliche zur Popkultur der Gegenwart. Popkultur setzte sich schon immer mit dem Alltag auseinander, jetzt ist sie Alltag, in Form von Fotos unserer Mahlzeiten - banaler geht es nicht.

Denn was machen die Jenner-Kardashians sonst? Wenn man ihre Fernsehserien zur Grundlage nehmen kann, dann scheinen sie nur den ganzen Tag Besorgungen machen zu müssen. Ihre Leben werden selbst zur Performance. Jeder will so sein wie sie, oder mit ihnen schlafen, oder über sie lachen. Sie wurden zu Avataren unserer eigenen Fantasien und sie sind omnipräsent: sie haben ihre eigenen Fernsehserien, Computerspiele wie Hollywood, die surrealistischen Absurditäten der Boulevardzeitungen mit reißerischen Überschriften wie „My Butt Won't Stop Growing", Coffee-Table-Bücher, Modekampagnen, sie sind auf den Laufstegen, sie sind neben den Laufstegen, auf After-Partys, sie spielen in selbstgedrehten Pornos mit und kommen in Artikeln wie diesem vor, sie sind auf Motorrädern in Musikvideos wie Bound 2 und auf Essen auf der Miami Art Basel zu sehen. Die Familie scheint jede Form von popkulturellem Entertainment aufzusaugen und stößt in jeden Bereich von Kultur vor. Hans-Ulrich Obrist sah noch nie so glücklich aus wie auf dem Selfie mit Kim Kardashian.

Aber wie sind sie entstehen? Khloe Kardashian? Alle Kardashians? Kylie Jenner? Alle Jenners? Paris und Nicky Hilton? Jack und Kelly Osbourne? Heidi Montag und Spencer Pratt? Uns interessiert schon eine ganze Weile lang mehr das Leben der Promis, als das, wofür sie einmal ursprünglich berühmt wurden. Wer liest nicht gerne über Skandälchen oder die tägliche Dosis Gossip? Früher war es schwieriger, ohne jegliches Talent berühmt zu werden. Das war einmal. Zuerst waren es Reality-Fernsehserien und Sextapes, jetzt reicht ein Instagram-Account. Dem britischen Journalisten, Schriftsteller und Spion im Zweiten Weltkrieg Malcolm Muggeridge wird der Spruch famous for being famous zugeschrieben, als der 1967 in der Einleitung zu einem seiner Werke schrieb: „Wenn jemand in der Vergangenheit berühmt oder berüchtigt war, dann gab es dafür einen Grund - entweder war man ein Schriftsteller, ein Schauspieler oder ein Krimineller; man hatte ein Talent, stand für etwas Besonderes oder Abnormales. Heute ist man berühmt, weil man berühmt ist. Die Leute, die mich auf der Straße ansprechen, sagen fast immer: ‚Ich habe sie im Fernsehen gesehen!'."

Seitdem hat sich an dieser Beschreibung nicht wirklich etwas geändert. Die Leute, die berühmt sind, weil sie berühmt sind, traten in Reality-Fernsehserien auf. Diese Fernsehprogramme haben alles verändert. Big Brother verschaffte Otto Normalverbrauchern die Möglichkeit, ins Fernsehen zu kommen, jeder erhielt seine Chance auf 15 Minuten Ruhm. Anders ist Jürgen Milskis Aufstieg vom Fabrikarbeiter zum Allround-Spaßverderber nicht zu erklären. Er hat nichts geschaffen, ist aber trotzdem bekannt. 2004 erschien das Paris-Hilton-Sextape One Night in Paris, das ist alles gerade einmal zehn Jahr her. Der Aufstieg der Leute, die berühmt sind, weil sie berühmt sind, begann. Und bis jetzt ist kein Ende absehbar.

Ein trauriges Beispiel für so eine Medienpersönlichkeit ist Donald Trump und sein goldenes Toupet. Erst durch die amerikanische Fernsehsendung The Apprentice wurde er zu der Karikatur seiner selbst, die er jetzt ist und die ihn so tief ins Bewusstsein der Amerikaner katapultierte. Aus ihm wurde so die lächerliche und verrückte politische Gestalt, die zum Präsidenten gewählt werden könnte und im Jahr 2020 gegen Kanye um den Wiedereinzug ins Weiße Haus kämpft.

Donald Trump war Geschäftsmann, aber was machen die Jenners und Kardashians tatsächlich? Sie haben nicht nur Besorgungen zu machen und einfach in ihrer Welt zu existieren, sondern sie denken sich auch immer wieder neue popkulturelle Ausdrucksmöglichkeiten aus. Um noch einmal auf Jerry Saltz zurückzukommen: „Als ich letztes Jahr über Kim und Kanye geschrieben habe, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie betreiben kollektives, kulturelles Fracking und tun dies mit einem Prunk, einer Ernsthaftigkeit, Kitsch, Ironie, Theater, Spektakel im weitesten Sinn, Einblicken ins Privatleben, mit Fakten und Fiktion. All das formt sich zu einer Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, wie sie einst Andy Warhol geformt hat." Der Kunstkritiker ernennt sie zu den Pop-Art-Künstlern unserer Zeit, und er hat Recht.

Denn unabhängig davon, weshalb sie nun berühmt sind, sie finden immer neue Wege, Ruhm für uns zu performen. Diese Aufgabe gehen sie mit einer manischen, ja fast schon verrückt innovativen Theatralität, bei der alles ungewöhnlich wirkt, an. Man denke dabei nur an den Spaziergang durch die Ländereien des Chateau d'Ambleville mit Juergen Teller, letztlich nur ein bizarres Shooting, für das sich Kim im Schmutz suhlte und in hautfarbener Unterwäsche auf Traktoren abhing. Oder ihre beeindruckend pompöse und dekadente Hochzeitsparty in Versailles. Oder der Name ihrer Tochter North West und dass sie das kleine Mädchen mit in die erste Reihe bei Balenciaga nahmen. Oder als Kim ein Selfie mit einem Elefant machen wollte und wegrannte, als er nicht mitspielte. Oder als sie sein Blood Facial hatte und ein Bild von ihrem blutgetränkten Gesicht postete. Das sind letztlich immer magische, an Rituale erinnernde, jedoch dabei immer komische Performances. Auf dem Zenit der Bekanntheit von Leuten, die fürs Berühmt-Sein berühmt sind, performen sie für uns Ruhm, wie noch niemand vor ihnen. Sie verstecken sich nicht hinter verschlossenen Türen, sondern tun es in aller Öffentlichkeit, damit es auch jeder sehen kann. Es sind die perfekten Popstars für das Zeitalter des Over-Sharings.

@deankissick

Credits


Text: Dean Kissick und Michael Sader
Foto: Jon Rawlinson

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