fünf bücher, die uns beeinflussen

Weil heute die Leipziger Buchmesse und somit das Buchmessenjahr 2016 beginnt, haben wir dir eine Liste aus Büchern zusammengestellt, die wir dir sehr ans Herz legen!

von i-D Staff
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17 März 2016, 11:25am

Petra Collins

Men Explain Things To Me, Rebecca Solnit
„Ich bin zufällig vor ein paar Monaten über Men Explain Things To Me von Rebecca Solnit gestoßen und habe es an einem Wochenende verschlungen. In kurzen Essays beschreibt die Autorin, wie wir Frauen uns immer noch gegen Männer behaupten müssen und warum im Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter noch einiges zu tun ist. In einem der Texte—der laut Autorin auch der Auslöser dieses Buches war—beschreibt sie eine Situation bei einer Dinnerparty, bei der ein Mann ihr nicht glauben will, dass sie ein Buch, über das er zuvor noch geschwärmt hat, geschrieben hat. Dieser Essay ging im Erscheinungsjahr 2008 viral und begründete den Begriff des Mansplaining. Ohne in Klischees zu verfallen und mit witziger und doch scharfer Zunge beschreibt Solnit genau das, was so oft in Gesprächen zwischen Männern und Frauen schief läuft. Ideales Buch für jeden, der sich in feministische Literatur vertiefen will, aber nicht genau weiß, wo er anfangen soll." - Alexandra Bondi de Antoni, Head of i-D Germany

The Doors & Dostojewski, Susan Sontag
„Interviews sind seit vielen Jahren Bestandteil meines Lebens. Ich lese Interviews leidenschaftlich gerne und in den letzten paar Jahren habe ich sicherlich an die hundert selbst geführt. Ich mag gute Gespräche und bin nach jedem klug geführten (und redigierten) Interview immer etwas traurig, dass es vorbei ist. Umso mehr genieße ich The Doors & Dostojewski von Jonathan Scott, der in diesem Werk sein insgesamt 12-stündiges Interview mit der Schriftstellerin, Essayistin und einfach nur undenkbar talentierten Denkerin Susan Sontag geführt hat. Das Buch ist hervorragend aufgebaut und liest sich fast wie eine Biografie, wobei die an- und ausgesprochenen Themen wenig zeitkritisch sind. Von ihrer Krebserkrankung über Film, Musik und Feminismus, spricht Scott mit Sontag auf einer hautnah-persönlichen, verletzlichen Ebene, die beim Lesen gleichzeitig das Gefühl vermittelt, man wäre mit einer entspannten Tasse Kaffee mitdenkend und -fühlend dabei." - Zsuzsanna Toth, Freelance Editor i-D Germany

Der Alchimist, Paulo Coelho
„In dem Klassiker von Paulo Coelho begibt sich der junge, andalusische Hirte Santiago auf die Suche nach einem Schatz, nachdem er einen wiederkehrenden Traum hat. Auf seiner Reise nach Ägypten findet der Jüngling zu sich selbst und erkennt, das der Weg das Ziel ist. Santiago auf seiner Reise durch die Wüste zu begleiten, lässt einen das eigene Leben reflektieren. Ein tolles Buch mit philosophischer Tiefe, welches sich auch noch zur späten Stunde super lesen lässt." - Naomie Chokoago, Praktikantin i-D Germany

Vincent, Joey Goebbel
„Die These dieses Romans ist einfach zusammengefasst: Je depressiver ein Künstler ist, desto genialer wird sein Werk, an dem er arbeitet. Ewiger Mythos oder traurige Wahrheit? Foster Lipowitz ist ein im Sterben liegender Medienmogul, dem auf seinen letzten Tagen bewusst wird, dass er die Menschheit mit zu inhaltslosen Filmen und anspruchsloser Musik überschüttet hat. Um all das wiedergutzumachen, um die Hochkultur wieder in der Gesellschaft zu etablieren, gründet er ein Institut, eine Art Internat für begabte, junge Künstler. Diese werden—ohne ihr Wissen—von den Mentoren und Organisatoren, unzähligen Schicksalsschlägen ausgesetzt. Von kleinen Alltagsenttäuschungen bis hin zu lebensverändernden Maßnahmen. Die Idee scheint aufzugehen, vor allem bei dem Wunderkind Vincent, dessen Texte immer tiefer und schöner werden, je mehr er sich in der Melancholie verliert. Aber kann Unglück künstlich erschaffen werden? Und wie weit geht man für die Kunst? Im Original lautet der Titel des Buches übrigens Torture the Artist. Eine Freundin hat mir das Buch vor vielen, vielen Jahren geschenkt, in einer Zeit, wo zu viele Selbstzweifel mir ein bisschen die Kraft für das Wesentliche und für das Kreative genommen haben. Ich hab das Buch seitdem immer wieder gelesen und immer wieder verschenkt. Ich könnte Stunden darüber reden, über diese Symbiose aus Traurigkeit und Genialität, aber das mache ich vielleicht mal an anderer Stelle." - Lisa Leinen, Staff-Writer i-D Germany

Das andere Berlin, Robert Beachy
„Es ist kein neues Phänomen, dass Berlin ein Mekka für Schwule ist. Das war auch schon vor über 100 Jahren so: In Das andere Berlin, aus dem Englischen von Hans Freundl und Thomas Pfeiffer, beschreibt der amerikanische Historiker Robert Beachy die Entstehung der homosexuellen Subkultur in Berlin, die mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten 1933 ein jähes Ende fand. Serien wie Transparent und Filme wie The Danish Girl haben diesen Aspekt deutscher Geschichte vor Kurzem wieder in den internationalen Fokus gerückt, der selbst hier in den letzten Jahren kaum beachtet wurde: die lange Geschichte Deutschlands—und vor allem seiner Hauptstadt Berlin—als Hort homosexueller Emanzipation. Wir von i-D haben uns die Förderung junger Talente auf die Fahnen geschrieben und freuen uns über den Erfolg von Models wie Hari Nef, Pari Roehi und dass die junge LGBTQi-Generation nicht mehr die Schlachten früherer Tage schlagen muss, um sie selbst sein zu dürfen. Was die Popkultur nur oberflächlich darstellen kann, hat Robert Beachy mit Das andere Berlin auf exzellente und reich dokumentierte Weise vertieft: Auf über 400 Seiten zeichnet er die Geschichte der homosexuellen Subkultur in Deutschland von 1867 bis 1933 nach. Von der reichen Geschichte zeugen Namen wie der zu Unrecht in Vergessenheit geratene Karl Heinrich Ulrichs oder der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld mit seinem Wissenschaftlich-humanitären Komitee und dem Institut für Sexualwissenschaft. Sie gehörten zu den frühen Pionieren, die die Homosexualität zu einer deutschen Erfindung gemacht hätten, so eines der zentralen Argumente des Buches. Erfindung natürlich nicht im Sinne von etwas Greifbarem, sondern sie bereiteten mit ihren Schriften und ihrer Lobbyarbeit den Weg für die Herausbildung einer modernen sexuellen Identität, die homosexuell genannt wird. Ihre Arbeit etablierte Berlin als Hauptstadt des deutschen Kaiserreiches und später der Weimarer Republik als offene und tolerante Stadt, in der sich schon frühzeitig eine schwule Subkultur bilden konnte und in der im Vergleich zum schwulen (übrigens eine Berliner Wortschöpfung, wie er in der Einleitung anschaulich beschreibt) Leben in London und Paris der damaligen Zeit fast paradiesische Zustände herrschten. Schon vor 100 Jahren strömten die Leute deshalb nach Berlin, um hier ihre Freiheit zu genießen. Mit Das andere Berlin reiht sich Beachy ein in die Riege erstklassiger, englischsprachiger Historiker—wie Christopher Clark mit seinem Preußen-Buch—, die detail- und kenntnisreich, dabei aber packend und niemals langweilig deutsche Geschichte erzählen. Ein längst überfälliges Buch, was uns schmerzlich vor Augen führt, was Hass, völkisches Gedankengut und Intoleranz alles vernichten können." - Michael Sader, Übersetzer i-D Germany

Credits


Text: i-D Germany
Cover über die Verlage
Headerfoto: Petra Collins

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