seit wann bestimmt social media über unseren freien willen?

Wir haben uns gefragt, seit wann es so eine große Sache ist, einen Gruppenchat zu verlassen und eine Nachricht nicht zu beantworten.

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Dez. 1 2016, 10:01am

Hast du schon mal eine WhatsApp-Gruppe verlassen? Bis vor drei Wochen konnte ich sagen: Nein. Das hat sich aber schlagartig geändert, als ich einen typischen Anfall von Ich-muss-Speicherplatz-freimachen hatte. Ein Freund hat mir geraten, die Gruppen zu verlassen und die Chats zu löschen, um meinen Ziel näher zu kommen. Ich habe mich durch Chatverläufe aus dem Jahr 2011 gescrollt und dabei alte Pläne für die erste Woche an der Uni, Schwanzpics von einem Priester, mit dem ich fast geschlafen hätte, und eine elendig lange Debatte mit einem guten Freund darüber, warum Christina Aguilera besser ist als Britney, entdeckt.


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Ich war wie besessen: Ich habe jeden Chat gelöscht, in dem ich in den letzten sechs Wochen nicht geschrieben habe. Ich habe mich von jedem auf Instagram und Twitter verabschiedet, der entweder zu viel oder zu wenig gepostet hat; ich habe Leute aus meiner Facebook-Freundesliste geschmissen, mit denen ich nur ein Mal eine Nacht im Club verbracht habe; es sind auch Leute dem Wahn zum Opfer gefallen, die ich hinzugefügt hatte, weil ich zu viel Alkohol getrunken, gestalkt und auf einen Late-Night-Flirt gehofft hatte. Das war der ultimative Social-Media-Detox—und der war längst überfällig.

Halloweenparty bei einem Freund, ein Schulterklopfen: „Warum hast du den Klettern-Chat verlassen?" Da stand ich also, hielt mich an meinem Drink fest und durfte mir von einem Fremden eine Standpauke darüber anhören, warum ich die Gruppe verlassen hatte. Er hatte mich irgendwann mal zu der WhatsApp-Gruppe hinzugefügt, nachdem ich mich ein paar Mal an einer Kletterwand versucht hatte. Warum hat er mich überhaupt hinzugefügt? Der Grund war mir nicht wirklich ersichtlich. Das letzte Mal, dass ich mit diesem Chat interagiert hatte, war im Mai. Also fiel er natürlich unter den oben erwähnten Social-Media-Detox. Aber nichts hat ihn davon abhalten können; die Unterhaltung hat sage und schreibe 30 Minuten gedauert. Ich konnte es nicht fassen. Ich hatte eine Nachricht an die ganze Gruppe geschrieben und die Gründe für meinen Abgang dargelegt, dabei wollte ich überhaupt nicht Teil dieser Gruppe sein.

Das ist das Leben im Jahr 2016: Unsere Wahlen werden von Algorithmen beeinflusst und Maschinen ordnen Gleichgesinnte in identische Gruppen ein und sorgen für Meldungen und Target Content an diese Menschen, um ihr Interesse zu wecken und noch wichtiger: ihre Klicks. Und das alles während unsere ohnehin schon festgezurrten Ansichten noch weiter zementiert werden. Unsere Social-Media-Apps sorgen dafür, dass wir zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar sind, auf jeder Plattform. Lesebestätigungen sorgen für unkontrollierbare Nervenanspannung beim Sender und beim Empfänger für permanente Schuldgefühle, weil man die Nachrichten zwar gelesen, aber (noch) nicht darauf reagiert hat.

Wann hat die Technologie über unseren freien Willen gesiegt? Wann, und warum, wurde es zur gefühlten Pflicht, seine Social-Media-Accounts dafür einzusetzen, um seine eigene Brand zu füttern, und eben nicht einfach nur persönliches Zeug zu posten? Und ja, es ist ein Problem: Warum ist es so verpönt, wenn man eine Facebook- oder WhatsApp-Gruppe verlässt? Warum werden wir dafür angegriffen, wenn wir nicht sofort auf eine Nachricht antworten?

Mehrere Studien aus den letzten Jahren haben bewiesen, dass unser inniges Verhältnis zu unseren Telekommunikationsgeräten und den Social-Media-Apps, die mit ihnen zusammenhängen, zu einem Anstieg der Angstzustände, von emotionalen Problemen und ADHS geführt hat. Eine Antwort könnte sein, wie es in den Studien nahegelegt wird, dass Social Media abhängiger macht als Zigaretten.

Man muss doch nur daran denken, wie man mit dem Rauchen angefangen hat. Die ersten zehn bis fünfzehn Zigaretten sind noch ziemlich harmlos. Aber zehn Jahre später und du kannst nicht mehr einen Abend durchschlafen, weil dich um zwei Uhr morgens ein Hustenanfall aus dem Schlaf reißt. Ins Theater oder ins Restaurant zu gehen, versetzt dich in Panik, weil du nur daran denken kannst, wann du den Saal oder den Tisch wieder verlassen kannst, um eine zu rauchen. Das muss man nur auf Instagram übertragen: Du meldest dich an, weil jeder in deiner Umgebung darüber spricht. Du kümmerst dich auch nicht drum, es ist einfach nur zum Spaß. Aber die Zeit vergeht und du gewinnst immer mehr Follower und du erkennst ein Muster darin, was deine Follower mögen und was nicht, und was dir mehr Follower verschafft. Fünf Jahre später und du hast fünf verschiedene Instagram-Accounts. Bei jedem bist du ein Pro, was Community Management angeht. Jeder der Feeds ist ein fein justiertes Gesamtkunstwerk. Du möchtest ein Foto posten, wie du einen Döner isst, weil deine Augenbrauen einfach fantastisch aussehen, aber tust es nicht, weil es nicht zu deiner Brand Identity passt. Du begreifst, dass du viel zu viel Zeit mit etwas verschwendest, was keinem wirklich wichtig ist, und du siehst dich eigentlich als Person, die sich nicht um die Meinungen der anderen schert, aber du postest dieses Foto trotzdem nicht.

Das führt uns direkt zu einem neuen Phänomen, den trap accounts, the next big thing der Insta-famous. Ein Freund von mir hat viele Follower und ist ständig mit seinem Feed beschäftigt, um sie bei Laune zu halten. Er hat jetzt einen persönlichen und privaten Account—oder Trap, wie diese neue Art von Accounts genannt werden—, wo er, und ich zitiere, „frei sein kann".

So ein Account kann sicherlich hilfreich sein, aber ist es nicht auch ironisch, dass man ein soziales Netzwerk braucht, um die Freiheit zu finden? Gleichlautend ist es irritierend, wenn lange Traktate von Otto Normalbürger oder von Prominenten darüber verfasst werden, wie toll eine handyfreie Zeit ist. Es ist nicht zu leugnen, dass Social Media seine Stärken hat: Man kann sich weltweit auszutauschen, sich informieren, sich organisieren. Mann kann innerhalb weniger Minuten Debatten loszutreten, die sonst Jahrzehnte gebraucht hätten. Ja, das Internet ist schon toll.

Aber es bricht eben auch permanent unsere Zustimmung. Als wir uns für Instagram angemeldet hatten, ging es um Witze zwischen uns und unseren langweiligen Schuldfreunden. Als wir uns auf Twitter angemeldet haben, ging es darum, mit unserem Schwarm über private Nachrichten zu sexten, ohne dass unsere Eltern das herausfinden. Sie können zwar SMS leben, aber kennen sich nicht mit Twitter aus. Es ging nicht darum, Follower aufzubauen oder sich zu connecten. Es hat Spaß gemacht, es war blöd und man konnte sich eben auch ein bisschen informieren.

Keiner hat darum gebeten, ständig auf jeder Plattform erreichbar zu sein. Das wurde uns durch das iPhone aufgezwungen, dass es so einfach gemacht hat, dass wir alle fünf Minuten unseren Status aktualisieren. Das klingt alles wie ein riesiges Problem der Privilegierten, zugegeben. Aber das ist es nicht. Wenn 62 Prozent der Amerikaner ihre Nachrichten hauptsächlich oder auch nur zum Teil durch Social Media beziehen; wenn die zunehmende virtuelle Verbundenheit zu einem Anstieg von Angstzuständen, Depressionen und ADHS führt; oder der Fakt, wie sehr Social Media abhängig macht, dann ist es eine berechtigte Frage. Mal ganz abgesehen von der Frage, wem die Sachen gehören, die man postest. Wem gehören die persönlichen Informationen? Was passiert damit, wenn man das Netz verlässt? Oder anders gefragt: Kannst man das Netz jemals wirklich verlassen? Auch wenn man sich von seiner Lieblingsplattform verabschiedet, braucht man nur auf einen Button zu klicken und alles ist wieder da, kein Bild und kein Tweet ist verloren. Um diese Fragen zu beantworten, müsste man die AGB jeder App, die man benutzt, bis ins Kleinste studieren—und wer hat Zeit dafür? Schließlich muss man ein neues Foto posten.

Damit will ich nicht sagen, dass wir alle Social Media verlassen und uns in techfreien Communitys organisieren sollen, wo wir uns von unseren Gefühlen leiten lassen. Dass ist zwar eine verlockende Vorstellung, aber wir leben nun mal in einer kapitalistischen Welt, die jeden Cent aus uns herauspressen will. Vielleicht sollten wir uns stattdessen fragen: Was steckt dahinter? Virtuelle Verbundenheit: Ja. Informationen: Ja. Aber vergessen wir nicht, wer die Kontrolle hat. Die Shareholder all dieser börsennotierten Apps brauchen uns mehr als wir sie. Wenn du etwas nicht magst, dann like es nicht. Wenn du nicht gleich auf eine Nachricht antworten willst, dann antworte eben nicht. Wenn du nicht gleich eine Antwort auf deine Nachricht erhältst, dann nimm es nicht gleich persönlich. Wenn du dir darum Sorgen machst, dass du wegen des Dönerfotos Follower verlierst, poste es! Denn die Erfahrung lehrt uns, dass diese wankelmütigen Follower sowieso beim nächsten Social-Media-Detox weg sind.

Credits


Text: Tom Rasmussen
Foto: Justine Reyes via Flickr / CC BY 2.0