Images courtesy Universal

Warum Greta Gerwig die Gender-Revolution Hollywoods anführt

Mit "Lady Bird", ihrem Solo-Regie-Debüt, hat Greta Gerwig endlich ihr eigenes Ding durchgezogen.

von Tish Weinstock
|
23 Februar 2018, 11:22am

Images courtesy Universal

Greta Gerwig ist eine fantastische Schauspielerin und eine begnadete Drehbuchautorin. Doch in ihrer zehnjährigen Karriere wurde sie bisher entweder durch die Linse filmischer Stereotype oder als eine Art Muse und Anhängsel ihres Partners und Regisseurs Noah Baumbach betrachtet. In Lady Bird, ihrem Regie-Debüt, begleitet sie ein junges Mädchen beim Erwachsenwerden. Endlich hat Greta gezeigt, was in ihr steckt.

Lady Bird spielt im Sacramento der frühen 90er Jahre und erzählt die Geschichte einer Highschool-Schülerin auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Geboren wird sie als Christine McPherson, doch alle nennen sie Lady Bird. Angetrieben von einem unermüdlichen Optimismus ist Lady Bird eine bezaubernde Geschichte über ein mutiges junges Mädchen, das hartnäckig versucht, ihren eigenen Weg zu gehen und stellt sich die großen Fragen des Lebens: Wer bin ich? Und was will ich?

"Ich wollte eine Geschichte über das Gefühl von Zuhause erzählen", sagt Greta. "Zuhause ist etwas, das man erst richtig versteht, wenn man es verlässt. Das ist vor allem als Teenager nur schwer zu begreifen."

Im Jahr 2018 ist ein Coming-of-Age-Film über die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst zum Glück nicht selten. Historisch gesehen wurde das Genre lange Zeit von der männlichen Perspektive dominiert. In Boyhood und Sie küssten und sie schlugen ihn spielte der weibliche Charakter meist nur eine Nebenrolle als Liebhaberin oder erzählerisches Mittel, das seinem männlichen Gegenüber eine Art Selbsterfüllung ermöglicht hat. Seit neuestem gibt es aber eine ganze Reihe an Filmen wie The Diary of a Teenage Girl, Raw und Sirenengesang, in denen die weibliche Perspektive aufs Erwachsenwerden beleuchtet wird. Doch oft tappen diese Filme in die Falle, Selbstfindung mit der Entdeckung seiner Sexualität gleichzusetzen. Als Greta Lady Bird geschrieben hat, wollte sie genau das vermeiden. "In den meisten Filmen über junge Frauen geht es darum, dass sie den richtigen Mann finden und versuchen, ihn zu bekommen. Es ist immer mit dem Gedanken verbunden, dass da draußen irgendwo 'der Richtige' auf uns wartet. In diesem Film wollte ich sehen, was passiert, wenn die zentrale Frage lautet: Wer ist sie als Mensch und wie entwickelt sie sich?"


Auch auf i-D: Das sind die Schauspieltalente von morgen


Eine der emotionalsten Szenen des Films ist die zwischen Lady Bird und ihrer Mutter Marion, in der die beiden nach einem Ballkleid für Lady Bird suchen. Als sie aus der Umkleide kommt, fragt sie ihre Mutter, wie sie das Kleid findet, woraufhin diese antwortet: "Es ist sehr... pink." Während sie sich halb im Spaß, halb im Ernst, ein Wortgefecht liefern, ändert sich die Stimmung plötzlich, als Lady Bird ihre Mutter fragt, ob sie sie eigentlich mag. "Ich will einfach nur, dass du die beste Version deiner Selbst bist", antwortet ihre Mutter. "Und was, wenn genau das die beste Version meiner Selbst ist?", entgegnet Lady Bird. Es ist ein unglaublich bewegender Augenblick.

Tatsächlich ist eine der bemerkenswertesten Sachen an Lady Bird ihre Selbstsicherheit – zumindest wenn es um das andere Geschlecht geht. Sie ist komplex, einfühlsam und exzentrisch und weder das beliebteste noch das hübscheste Mädchen der Schule. Doch wenn sie einen Jungen mag, wartet sie nicht lange, sondern spricht ihn direkt an. "Sie mag, wen sie mag, und will ihn dann auch haben", sagt Greta. "Wenn es um Sexualität geht, handelt sie, statt passiv zu sein. Sie ist nie das Objekt, sondern immer das Subjekt. Sie mag sich selbst, und das liebe ich so sehr an ihr."

Es wäre aber zu einfach Lady Bird als autobiographisches Werk zu lesen. Die 34-jährige Greta findet diese Vermutung unglaublich ärgerlich. "Ich habe natürlich keinen Einfluss darauf, wie die Leute die Geschichte verstehen", sagt sie und seufzt. "Ich könnte erzählen, inwiefern ich anders bin und welche Situationen ich aus dem Film selbst nicht erlebt habe…", sie hält kurz Inne. "Ich war nicht so rebellisch wie Lady Bird, sondern habe eine Heldin kreiert, die ich niemals sein könnte."

Greta hat ihre Leidenschaft fürs Theater in der Highschool entdeckt. Mit ihrem erfrischenden Naturalismus und dem skurrilen amerikanischen Charme war Greta sofort erfolgreich. Sie ist das ultimative Mädchen von Nebenan, nur ein wenig verrückter und neurotischer. Trotzdem ist sie erst 2010 durch ihre Rolle in Noah Baumbachs Coming-of-Age-Film Greenberg dem Mainstream-Publikum bekannt geworden. Danach fing sie an, Noah zu daten und war in seinen Filmen Frances Ha und Mistress America zu sehen, für die sie auch das Drehbuch mitschrieb.

Wie Lady Bird haben auch ihre Charaktere Frances aus Frances Ha (eine sture Tänzerin, die verzweifelt an der Vorstellung festhält, ihre beste Freundin und sie würden für immer zusammen wohnen) und Brooke aus Mistress America (ein merkwürdiges Mädchen, das sich in den Kopf gesetzt hat, ein Restaurant zu besitzen, ohne wirklich einen Plan zu haben, wie das gehen soll) denselben entschlossenen Optimismus. "All diese Charaktere sind sehr verschieden, aber sie haben alle diese eine Eigenschaft. Mich interessieren Menschen, die ein bisschen verrückt sind."

Auch wenn die Rollen, die sie spielt, oft witzig, schusselig und charmant exzentrisch sind, ist Greta im echten Leben viel ernster. Ihre Entschlossenheit ist, auf ihre eigene Weise verstanden werden, ist spürbar – als eine Frau, Autorin und Regisseurin. "Man kann nicht kontrollieren, was die Leute denken, man kann nur hart weiter arbeiten", sagt Greta ganz sachlich. "Ich habe mir nie viele Gedanken über die Labels gemacht, die mir zu einem gewissen Zeitpunkt zugeschrieben werden, denn früher oder später ändern sie sich sowieso wieder."

"Die Leute sprechen jedes Jahr von Veränderungen, aber ich glaube, dass sich dieses Jahr wirklich viel verändern wird. Die Hälfte der Filme sollten meiner Meinung nach von Frauen gemacht werden. Es sollte mehr Regisseurinnen geben, aber auch mehr weibliche Tonmeister, Kamerafrauen, Cutter und ausführende Produzenten. Es sollte auf allen Ebenen Gleichberechtigung herrschen", sagt sie und nimmt einen Schluck Kaffee. "Hollywood erlebt gerade einen Wandel und ich bin sehr hoffnungsvoll, was die Zukunft angeht."

Lady Bird kommt am 19. April in die deutschen Kinos.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Tagged:
Kultur
Greta Gerwig
Lady Bird