Dieser Tweet über psychische Erkrankungen ging viral

Die britische Journalistin Emily Reynolds ist nach einem Suizidversuch in die Notaufnahme gegangen – und wurde mit einem Stück Papier wieder nach Hause geschickt.

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Aug. 15 2018, 9:51am

Foto: Screenshot von Twitter

Ich war 14, als ich mir zum ersten Mal wegen meiner psychischen Erkrankung aktiv Hilfe gesucht habe. Schon davor hatte ich über mehrere Monate mit Depressionen und Selbstverletzungen zu kämpfen. Bis ich endlich den Mut hatte, mich einem Lehrer anzuvertrauen.

Er versprach, meine Mutter anzurufen und einen Termin bei unserem Schulpsychologen zu organisieren. Für eine kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, dass ich nicht alleine bin. Am Ende hat er nichts davon gemacht. Er hat mir lediglich einmal dazu geraten, mit dem Ritzen aufzuhören, damit ich keine Narben am Tag meiner Hochzeit habe. Er hat weder meine Mutter angerufen, noch meldete er das Treffen dem Schulpsychologen. Eine ähnliche Erfahrung hatte ich mit einem Allgemeinarzt ("Allen Teenagern geht es so"). Erst fünf Jahre später habe ich mir wieder Hilfe gesucht.


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Seit meinem ersten Hilfeschrei sind nun fast 13 Jahre vergangen – wirklich anders waren meine Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem trotzdem nicht. Da gab es den Therapeuten, der mir erklären wollte, dass ich überhaupt nicht krank sein könne, weil ich oberflächlich betrachtet ein tolles Leben hätte. Da gab es den Hausarzt, der mich wegschickte und mir sagte, ich solle "in zwei Wochen zurückkommen", wenn ich mich immer noch umbringen will. Ein anderer Arzt fragte mich einfach nur, ob ich mal in Betracht gezogen hätte, mit dem Rauchen aufzuhören. Das aktuellste Erlebnis liegt erst eine Woche zurück: Mitarbeiter in der Notaufnahme haben mich nach Hause geschickt mit einem Informationsblatt, das den Titel "Ist Ihnen auch manchmal alles zu viel?" trägt. Und das, nachdem ich ihnen erklärt habe, dass ich gerade versucht habe, Suizid zu begehen.

Mittlerweile kann ich nur noch darüber lachen und habe mein Erlebnis mit der Twitter-Community geteilt. Eine Woche später hatte der Tweet mehr als 25.000 Likes und fast 2.000 Antworten.

Es gibt Hunderte Geschichten wie meine. Leute, die von Arzt zu Arzt geschickt werden, ohne dass ihnen geholfen wird. Leute, die in die Notaufnahme gehen, weil sie sich umbringen wollen, nur um Stunden später ohne Hilfe weggeschickt werden.

Die Geschichten, die in Twitter-Thread fehlen, sind diejenigen, die nicht mehr erzählt werden können, weil die Leute, die sie erzählen könnten, jetzt tot sind. Hunderte haben Geschichten von ihren Partnern, Freunden und Familienmitgliedern mit mir geteilt, die sich selbst umgebracht haben, weil ihnen nicht geholfen wurde. Selbst nach mehreren Suizidversuchen. Psychische Gesundheit ist heutzutage ein Thema, dem sich Medien und Marken gerne annehmen, aber nur in kleinen und leicht verdaulichen Dosen. Oft wird dabei vergessen, dass es eine Frage von Leben und Tod ist.

Psychische Erkrankungen sind kein Spielball für politische Vereinnahmung und auch kein Trend, der Marken bei der Imagepflege hilft. Es gibt Tausende von Menschen, die unter ihrer psychischen Erkrankung leiden und viele sterben sogar daran. Diese Leute brauchen Hilfe, die ihnen nicht zur Verfügung steht: Zugang zu Versorgung in Krisensituationen, Unterstützung durch eine Gemeinschaft und ausreichende Therapiemöglichkeiten. Es ist nicht genug, Patienten ein Stück Papier in die Hand zu drücken und sie wieder nach Hause zu schicken. Es genügt nicht, monatelang auf eine Warteliste für einen Therapieplatz gesetzt zu werden. Es wird Zeit für Veränderung.

Wenn du selbst – oder einer deiner Angehörigen – in einer seelischen Krisensituation stecken solltest und Hilfe brauchst: Es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die der TelefonSeelsorge unter 0800/111 0111 oder die Nummer gegen Kummer . Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der Stiftung Deutsche Depressionshilfe . Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.