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Ai Weiwei: "Ich habe kein Zuhause"

Der chinesische Künstler und Aktivist erklärt uns, warum er noch nie das Gefühl hatte, nach Hause zu kommen – und wie sich das in seinem neuen Film "Human Flow" widerspiegelt.

Juule Kay

Juule Kay

Foto: imago / Beowulf Sheehai

"Wenn du nirgendwo hingehen kannst, ist nirgendwo Heimat" heißt es auf dem Filmplakat zu Human Flow, dem neuen Film von Ai Weiwei, der am 16. November in die deutschen Kinos kommt. Dieses Zitat trifft nicht nur auf die derzeitige Flüchtlingssituation zu, die er als Human Crisis bezeichnet, sondern auch auf ihn selbst. Spätestens seit der Dokumentation Ai Weiwei: Never Sorry wird deutlich, dass der Künstler selbst Flüchtling ist. Regisseur Alison Klayman begleitet Ai Weiwei darin unter anderem bei seiner Entlassung aus der chinesischen Gefangenschaft, seiner Verhaftung am Flughafen in Tokio und während der Zerstörung seines Studios in Shanghai.

In dieser Zeit sah sich Ai aus politischen Gründen dazu gezwungen, sein Heimatland China zu verlassen. Im Interview erklärt er mit ruhiger und langsamer Stimme, dass er kein Zuhause hat – so wie 65 Millionen andere Menschen auch, die gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben wurden. "Das ist die höchste Zahl seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs", heißt es in Human Flow. Mit einer Mischung aus Fakten, bewegenden Aufnahmen einer Reise rund um die Welt und Zitaten von Poeten aus dem Mittleren Osten versucht Ai, mit seiner Dokumentation auf etwas hinzuweisen, das oft untergeht: die Einzelschicksale der Menschen auf der Flucht.

"Man kann sich dem Ganzen nicht nähern, indem man nur den Zustand in Syrien abzeichnet. Man muss sich die gesamte, menschliche Natur dafür ansehen, wo alles herkommt und wie es hier enden konnte." Deswegen ist der chinesische Künstler und Aktivist mit seinem Team in 23 Länder gereist, darunter Syrien, Griechenland und Mexiko, um sich einer Situation auszusetzen, von der er anfangs nur wenig wusste – bis sich die Tragödie der Menschheit vor seinen eigenen Augen abgespielt hat. Wir haben Ai Weiwei in seinem Studio in Berlin getroffen, um zum Filmstart von Human Flow zu erfahren, was jeder von uns dazu beitragen kann, um diese gesellschaftliche Krise zu überwinden.


Aus dem VICE-Netzwerk: Moon by Olafur Eliasson und Ai Weiwei


Du bist für den Film durch 23 verschiedene Länder gereist, um diese Human Crisis mit deinen eigenen Augen zu sehen. Was war die größte Herausforderung für dich auf der Reise?
Natürlich wirst du mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert, weil du für jedes Land ein spezielles Team brauchst. Alles muss vorbereitet werden, weil wir die Zeit sehr präzise festlegen mussten, um zu jedem Ort zu gelangen und die Leute zu integrieren – seien es jetzt Offiziere, Schmuggler oder die Flüchtlinge in den Camps. Das kann manchmal durchaus gefährlich sein, aber das Schwierigste war es, tatsächlich nach den ganzen Interviews die Camps wieder zu verlassen, und genau zu wissen, dass du ihnen damit nicht wirklich geholfen hast. Du musst einfach daran glauben, dass der Film später seinen Zweck erfüllt und das nötige Bewusstsein hervorbringt.

Du wolltest den Flüchtlings-Statistiken ein Gesicht geben und individuelle Geschichten erzählen. Welche Botschaft möchtest du mit dem Film transportieren?
Der Film ist die Botschaft. Zuallererst muss man sich fragen, warum wir diesen Film überhaupt machen müssen. Über dieses Thema wird schließlich viel in den Medien gesprochen. Human Flow versucht aber zu verstehen, anstatt fragmentarische Beschreibungen der Situation wiederzugeben. Und das ist auch notwendig, weil du diese Ereignisse sehen musst, um diesen menschlichen Kampf zu verstehen. All die Bilder sind so fragmentarisch, was es schwierig macht, zu erkennen, was wirklich hinter diesen Situationen steckt. Über diese wird vor allem in den Mainstream-Medien nämlich sehr wenig erzählt. Viele der Leute sind seit drei Generationen in den Camps, im Grunde verbringen sie ihr ganzes Leben als Flüchtling. Sie leiden, das wissen wir alle, aber wir öffnen ihnen nicht die Tür. Die Welt sollte eins sein, aber sie benimmt sich nicht so, sondern ist einfach nur kaputt.

Still aus Human Flow 2017 über FilmPressKit

Auf dem Filmplakat liest man folgendes Zitat: "Wenn du nirgends hingehen kannst, ist nirgendwo Heimat". Du wurdest auch aus politischen Gründen dazu gezwungen, China zu verlassen. Kannst du dich also mit diesem Satz identifizieren?
Ja, ich denke, dass er die Idee von Zuhause reflektiert. Es ist ein Ort, an dem es mehr Toleranz gibt und du als Ganzes akzeptiert und nicht zurückgewiesen wirst. Wenn ein Zuhause sich gegen dich richtet, ist es keines mehr. Mein Heimatland war noch nie ein Ort, an dem ich akzeptiert wurde. Sie haben mich ins Gefängnis gesperrt, mich geschlagen und ausgestoßen. Und jetzt bin ich in Deutschland und habe mich für die Freiheit entschieden – auch wenn es gleichzeitig eine sehr limitierte ist, wenn du der Sprache nicht mächtig bist.

Was bedeutet Zuhause für dich?
Ich habe kein Zuhause. Ich hatte noch nie das Gefühl, nach Hause gehen zu können – nicht einmal in den privatesten Situationen als ich meine Mutter und meinen Vater besucht habe. Sie leben aus politischen Gründen ihr Leben lang in Gefahr, deswegen können sie mir auch keinen Schutz bieten.

Du warst für mehr als 80 Tage im Gefängnis und wurdest mit nichts zurückgelassen als deinen eigenen Gedanken. Was wurde dir in dieser Extremsituation bewusst?

Ich habe verstanden, dass die schlimmste Situation nicht die ist, geschlagen zu werden, Einschränkungen zu haben oder dass dich jemand als Feind ansieht, sondern von jeglicher Kommunikation abgeschnitten zu sein. Der komplett Wortschatz geht in dieser Art von Inhaftierung verloren, weil es keine Möglichkeit gibt, mit jemandem zu kommunizieren – noch nicht einmal mit den Wachen. Also musst du ein völlig neues Vokabular lernen: jede Bewegung und jeder Blick werden so anders. Das ist am schwierigsten zu akzeptieren – und genau das, was alle Flüchtlinge auch erfahren, wenn sie in ein fremdes Land kommen.

Was kann jeder einzelne von uns tun, um diese Human Crisis, wie du sie selbst nennst, zu stoppen?
Im 21. Jahrhundert haben wir immer gehofft und geglaubt, dass wir durch die Globalisierung und durch mehr Toleranz in Bezug auf politische Situationen, bessere Bedingungen haben werden. Trotzdem gibt es mehr Grenzen als jemals zuvor und es scheint, als würde sich unsere Nation mehr und mehr spalten. Wir müssen mit dieser Situation auch wirklich umgehen, anstatt sie von uns wegzuschieben.

Ich glaube auch, dass all diese Krisen von Menschen geschaffen werden, also müssen wir Menschen sie auch wieder verändern. Jeder von uns muss daran glauben, dass wir die Macht haben, etwas zu verändern. Wenn wir diesen Glauben verlieren, verlieren wir auch unsere Hoffnung, unser Vertrauen und unsere Menschlichkeit.

Human Flow startet am 16. November in den deutschen Kinos.

@aiww