Singapurs neue Generation strebt nach einer kreativen Wiedergeburt

In the past, living a creative life within the city's rigid set of rules wasn't easy — now a new era of young people are using that as inspiration to work even harder.

von Briony Wright
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12 März 2020, 6:09am

Singapur ist eine junge Stadt, bekannt dafür, sauber, sicher und ordnungsliebend zu sein, mit guten Sozialwohnungen, funktionierendem öffentlichen Verkehr und—für eine Betonwüste—viel üppigem Grünraum. Als südostasiatischer Knotenpunkt ist die Stadt außerdem ein multikultureller Schmelztiegel. Für Bewohner, die hoffen einen kreativen Lebensweg einzuschlagen, war historisch indes nicht immer alles eitel Sonnenschein. Zunächst einmal ist es ein sehr kleiner Markt, was viel Wettbewerb bedeutet und es außerdem schwierig macht, wirtschaftlich tragfähige Zielgruppen zu bilden. Zudem ist es offiziell die teuerste Stadt der Welt. Um in Singapur zu überleben, musst du hart arbeiten; die Mieten sind hoch, und langsam ein Handwerk zu erlernen und eine erfolgreiche kreative Praxis aufzubauen, ist für die meisten ein Luxus, den sie sich buchstäblich nicht leisten können. Ein weiterer großer Faktor ist die harte Linie der Regierung mit ihrer Null-Toleranz-Drogenpolitik und Demonstrationsverboten. Außerdem ist die gesamte männliche Bevölkerung nach dem Highschool-Abschluss zu zwei Jahren Vollzeit-Militärdienst verurteilt.

Dennoch halten viele junge Kreative der Härte Singapurs zugute, ihr Arbeitsethos und ihre Motivation gefestigt zu haben. Es ist die erste Generation, der sich die Gelegenheit bietet, die vielgestaltige Mischung von Kulturen in ihrer Heimatstadt frei zu erkunden, dabei neue Orte zu schaffen und die Zukunft ihres Landes mitzubestimmen. Wir sprachen mit einigen inspirierenden Denkern und Machern darüber, wie es sich anfühlt, im Singapur des Jahres 2020 jung und kreativ zu sein.

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Manfred

Was machst du und was gefällt dir daran?
Ich bin Modedesigner und betreibe mit Freunden ein örtliches Modekollektiv namens Why Not?. Meine Mitstreiter und ich helfen Modeprojekte zu realisieren, wo die Unterstützung für solche Initiativen sonst fehlt. Es ist ein sehr rebellisches Projekt der Sorte dann-machen-wir-es-eben-selbst.

Wie war es für dich, in Singapur aufzuwachsen?
Es war sehr klaustrophobisch. Weil es immer ein Fall war von ‘Ich bin draußen und schaue hinein’, wo du dir diese Vorstellung machst, wie die Industrie aussieht, aber wenn du dann endlich drin bist, wird dir klar, dass in Wirklichkeit nicht viel los ist. Die Subventionsstruktur in Singapur ist unglaublich mangelhaft und fehlgeleitet für eine so wohlhabende Stadt, die sich eine dynamische Kreativszene wünscht. Die unerfreuliche Realität ist, dass es schwieriger ist, deine Karriere hier voranzubringen als es das in anderen Städten wäre. Aber es ist sehr singapurisch, sich über alles zu beschweren. Wie ein Freund von mir zu sagen pflegt, “Wenn du keinen Job finden kannst, dann schaff dir selbst einen, hör auf zu jammern!”

Was sind die Vorzüge und Nachteile Singapurs aus deiner Sicht?
Alles in Singapur unterliegt einem kommerziellen Impuls—es geht immer ums Geld. Darum zeichnet sich jetzt eine elitäre Bewegung innerhalb der Kreativwirtschaft ab. Zugleich bewegt es Kreative dazu, Kompromisse zu suchen. Es gibt viele von uns in Singapur, die ein Gleichgewicht gefunden haben zwischen Leidenschaft und Kommerz.

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Putri

Was machst du und was gefällt dir daran?
Ich designe Damenmode. Es ist so erfüllend, ein Ventil zu haben, das mir erlaubt schöpferisch tätig zu sein und meine malaiischen Wurzeln mit traditioneller Kleidung und Stoffen auszudrücken—ich mache zum Beispiel Korsette mit Batikstoffen. Außerdem bin ich Mitglied von Why Not?. Wir organisieren selbstfinanzierte Gruppenshows, was für Singapur sehr ungewöhnlich ist.

Was sind die Vorzüge und Nachteile Singapurs aus deiner Sicht?
Das Beste ist, dass Singapur so vielfältig und kulturell reichhaltig ist. Das Schlimmste ist, dass die Modeindustrie hier sehr klein ist, weshalb der Fokus mehr auf dem Geschäft liegt als auf der Kreativität. Plus, die Ressourcen sind hier ziemlich eingeschränkt.

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Hanya

Was machst du und was gefällt dir daran?
Ich fertige Schmuck. Ich habe ein Label namens Chez G, das individuell angepasste Schmuckstücke herstellt, einschließlich Zahnschmuck, Anhänger und Ringe. Ich liebe, dass mich die Arbeit kritisch und kreativ herausfordert.

Wie war es für dich, in Singapur aufzuwachsen?
Ich habe mich als Heranwachsende kaum je auf meine kreative Seite konzentrieren können. Wie jeder Singapurer, der das hiesige Erziehungssystem durchlaufen hat, war ich darauf gepolt, guten Noten hinterherzujagen. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, einen kreativen Beruf einzuschlagen, weil es immer hieß, dieser Karriereweg hätte keine Zukunft. Tatsächlich sind junge Kreative heute, wo Kunst zunehmend Wertschätzung erfährt, im Gegenteil zunehmend gefragt.

Was erhoffst du dir von der Zukunft?
Ich bin froh über die Anerkennung und Unterstützung, die unseren Kreativen in den letzten Jahren zuteil wurde. Es zeigt auch, dass die Hinwendung Singapurs zu den Künsten und die Anerkennung von Subkulturen zugenommen hat. Hoffentlich kann die Szene auch weiterhin wachsen und sich zu etwas entwickeln, das international einen Wiedererkennungswert hat.

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Jess

Was machst du und was gefällt dir daran?
Ich bin seit drei Jahren kreative Leiterin von 2baesick Studio, meiner eigenen bescheidenen Agentur für Branding und Content. Ich liebe es, weil es etwas ist, das mir gehört, was bedeutet, dass ich mehr kreative Kontrolle habe über meine Arbeit. Und ich habe dadurch einen sicheren Ort geschaffen, an dem ich frei atmen kann. Meine Arbeit erstreckt sich über Fotografie, Grafikdesign, Setdesign, Videos, Bewegungsgrafik, Styling und Illustration. Ehrlich, es fällt mir schwer, mich zu langweilen.

Wie war es für dich, in Singapur aufzuwachsen?
In Singapur ist es schwierig, aber die Kämpfe können nützlich sein. Im Unterschied zu manchen meiner Freunde, die von ihren Familien Druck bekommen haben, kann ich von Glück reden, dass meine Verwandten sich nie in meine Berufswahl eingemischt haben. Für mein Seelenheil lebe ich allein, aber da es in Singapur keinen Mindestlohn gibt, kann deine Bezahlung als junger Kreativer lächerlich gering und unbeständig ausfallen. Trotz mancher existenzieller Härten bin ich fest entschlossen, nicht zum Sklaven zu werden für irgendein Unternehmen nur des Geldes wegen. Ich arbeite hart und lerne von jedem Fehler, den ich mache.

Was erhoffst du dir von der Zukunft?
Ich hoffe, dass es mir auf meinem Karriereweg gelingen wird, von visuellem Design auf Tätowierung umzusatteln. Im Moment versuche ich Geld zu sparen, um das zu ermöglichen, obwohl es in einer so teuren Stadt ein ständiger Kampf ist mit der Miete und den Rechnungen.

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Wanjie

Was machst du und was gefällt dir daran?
Ich bin Fotograf und arbeite vor allem im Modebereich und im Dokumentarfilm. Seit meiner Kindheit war Fotografie ein instinktives Mittel für mich, meine Erfahrungen zu ästhetisieren und zu romantisieren: die Meilen, die ich gereist bin, und die Zimmer, in denen ich mich wiedergefunden habe.

Wie war es für dich, in Singapur aufzuwachsen?
Schwierige Frage, weil ich keinen anderen Bezugsrahmen kenne. Ich glaube nicht, dass Singapur dieselbe ansteckende, surrende Energie hat von kreativen Hauptstädten wie London oder Paris, aber ich sehe auch, dass sich das langsam ändert. Wir haben so einen dreisten Do-It-Yourself-Geist, junge Künstler sind innovativ, und gewissenhaft, ohne sich zu ernst zu nehmen. Viele von uns hinterfragen alte Verfahrensweisen und Industriestandards, weil wir nichts zu verlieren haben. Es ist aufregend meinen Freunden dabei zuzusehen, wie sie ihre eigenen Guerrilla-Modeschauen inszenieren, wilde Performance-Stücke machen und bestehende Institutionen herausfordern.

Was sind die Vorzüge und Nachteile Singapurs aus deiner Sicht?
Wir leiden an dieser Kinderkrankheit, die junge Nationen oft haben: die Abwanderung von kreativen Arbeitskräften, wobei die besten und aufgewecktesten sich in andere kreative Hauptstädte davonmachen. Es gibt wenige wirklich etablierte Fotografen, denen ich assistieren oder von denen ich lernen könnte. Ich hoffe, dass Singapur, besonders die Gatekeeper und Leute mit Einfluss, lernen größere Risiken einzugehen. Ich denke, dass wir nur dann die Weitsicht entwickeln können, um wirklich bahnbrechende Arbeit zu leisten.

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Nicolette

Was machst du und was gefällt dir daran?
Ich bin Designerin. Ich liebe, was ich tue, weil ich kreative Sachen machen kann, zu denen die Leute eine Verbindung spüren, und die sie zu einem Teil ihrer Identität machen können. Mit The Salvages, einem Label, das ich gemeinsam mit meinem Verlobten Earn Chen gegründet habe, erkunden wir verschiedene Aspekte von Kunst und Musik und rücken Geschichten in den Mittelpunkt, die wir mit anderen teilen wollen. Unsere Arbeit macht es möglich, mit so vielen unterschiedlichen Leuten auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten.

Wie war es für dich, in Singapur aufzuwachsen?
Ich musste ein Buchhalterdiplom machen, bevor ich meine Mutter überzeugen konnte, dass ich immer noch absolut Modedesign verfolgen wollte. Dennoch hatte ich nach der Designschule Schwierigkeiten, einen Job in der Modeindustrie zu finden. Ich machte also Teilzeitarbeit und jonglierte Grafikdesign-Jobs als Freischaffende. Ich habe sogar eine kleine HipHip-Disco betrieben, bevor ich in der Lage war, The Salvages zu gründen. Im Endeffekt haben mich diese Erfahrungen zu einer sehr getriebenen Person gemacht. Und ich habe wertvolle Fähigkeiten mitgenommen, die mir als Designerin und als Geschäftsfrau nutzen.

Was sind die Vorzüge und Nachteile Singapurs aus deiner Sicht?
Das Beste an unserer Kultur ist die Vielfalt von Ethnien, Religionen und Hintergründen. Der Nachteil ist, dass unsere Kultur und Lebensgewohnheiten aufgrund der Geschwindigkeit, mit der die Stadt zusammengewachsen ist, generell sehr konventionell ausfallen können. Es bestehen gewisse Vorurteile oder ein Widerwillen gegen Individualismus und Experimente, obwohl ich sagen würde, dass sich das in den letzten paar Jahren definitiv ein wenig verändert hat. Meine Generation hat mehr Gelegenheiten, tiefer zu graben, Communities zu bilden und neue, alternative Dinge für sich zu entdecken.

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Yung Raja

Was machst du und was gefällt dir daran?
Ich bin Vollzeit-Rapper und Künstler, und ich liebe was ich tue, weil es mich zum ersten Mal in meinem Leben näher an meine kulturelle Identität heranführt. Jeder Song, jede Zeile, jeder Flow—jede sich mir bietende Gelegenheit meinen Sound zu erkunden. Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt.

Wie war es für dich, in Singapur aufzuwachsen?
Es war reichhaltig und eine Entdeckungsreise, aber bis vor zwei Jahren hatte ich keine Ahnung, dass ich mal Musik machen würde. Als Jugendlicher bin ich richtig in HipHop eingetaucht, allerdings ohne meine südindische Kultur zu vergessen, was mir erlaubt hat, die beiden Kulturen zusammenzudenken. Aber als ich anfing, war Musik auf Tamil und Englisch eine ziemlich neue Idee. Es war ein Segen, Menschen um mich herum gehabt zu haben, die mich auf diesem Weg unterstützten.

Was war dein bisheriger Karrierehöhepunkt?
Von FlightSch unter Vertrag genommen zu werden und einen Deal mit Def Jam South East Asia ausgearbeitet zu haben. Und dass ich M.I.A. treffen durfte.

Was sind deine Hoffnungen für die Zukunft?
Ich will schauspielern, ich will ein Fürsprecher sein, gemeinnützige Vereine betreiben, die der jetzigen und zukünftigen Generationen helfen, und ich will meiner eigenen Community helfen und junge Menschen inspirieren, wo immer ich kann.

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Tess

Was machst du und was gefällt dir daran?
Ich tanze, bin Schauspielerin und Model, schreibe und mache Performancekunst. Ich habe das große Glück, unterschiedliche Ausdrucksformen ausprobieren zu können und das meine Arbeit nennen zu dürfen.

Was sind die Vorzüge und Nachteile Singapurs aus deiner Sicht?
Speziell im Kunstbereich würde ich sagen, dass das Beste und zugleich das Schlechteste die Abhängigkeit von staatlicher Förderung ist. Es gibt unglaublich viel Förderung für die Künste—eine Menge Events, Veröffentlichungen, Ausstellungen, Produktionen und physische Orte werden nur durch die großzügige Unterstützung von Regierungsstellen möglich gemacht, und sie fördern ein vielfältiges Programm. Aber das heißt auch, dass die kulturelle Landschaft maßgeblich davon geprägt, was die Regierung genehmigt. Ich sage nicht, dass das schrecklich ist, aber wir brauchen definitiv private Mittel, um eine Öffnung auf experimentelle und umstrittene Ideen zu erwirken.

Was erhoffst du dir für die Zukunft?
Ich hoffe, dass ich, während ich mich als Künstlerin weiterentwickle, lernen kann eine bessere Verbündete für marginalisierte und unterrepräsentierte Communities zu sein. Ich bin mir der vielen Privilegien meiner Geburt sehr bewusst. Manchmal fühle ich mich so schuldig, dass es geradezu lähmend ist, aber ich weiß, ich muss da durch und versuchen Türen zu öffnen, wo ich kann.

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Ee jin

Was machst du und was gefällt dir daran?
Ich bin einfach ein Fashion-Typ, ich liebe Kleidung und mag es Outfits zusammenzustellen.

Wie war es für dich, in Singapur aufzuwachsen?
Schulischer Erfolg spielt hier eine große Rolle in der Kindheit und ich wurde immer dazu gedrängt, in der Schule mein Bestes zu tun. Aber dieses ganze Schul-Dinge war nie meins. Als Kreativer sind alle meine Bekannten sehr offen, ich finde jedoch, dass die Leute nicht gut mit Kritik umgehen können und es fast immer als etwas Schlechtes empfinden, anstatt daran zu wachsen. Außerdem gibt es viele falsche Freunde.

Was sind die Vorzüge und Nachteile Singapurs aus deiner Sicht?
Es ist eine junge Community und das macht es einfacher, unsere Arbeit unter die Leute zu bringen und mit anderen zu teilen. Gleichzeitig sind alle super wetteifernd und ich denke, wir verlieren uns manchmal in diesem Konkurrenzdenken. Ich hoffe, dass die Szene hier wachsen wird, mehr Dinge akzeptiert und weniger Angst vor Neuerungen hat.

Credits


Fotos Stefan Khoo
Foto-Assistenz Alif

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