Photography Adraint Bereal

Wie fühlt es sich an, auf einer mehrheitlich weißen Uni schwarz zu sein?

Auf dem Campus der University of Texas, der 52.000 Studierende zählt, sind nur 4% schwarz. Der Fotograf Adraint Bereal hat darum beschlossen, sein eigenes, afroamerikanisches Jahrbuch zu gestalten.

von Zoe Whitfield
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10 März 2020, 7:30am

Photography Adraint Bereal

Die Fahrt von Waco nach Austin dauert ungefähr zwei Stunden, aber für Adraint Bereal, der in einer überwiegend schwarzen und hispanischen Community in Waco aufgewachsen ist und dort eine Highschool besuchte mit “Menschen, die wie ich aussahen, und sich mit denselben Dingen identifizierten wie ich”, war die Ankunft an der University of Texas in Austin ein Erlebnis “wie Tag und Nacht”. Von insgesamt 52.000 Studierenden auf dem Campus sind nur 4% schwarz.

Als Adraint im Rahmen seines Wahlfachs Fotografie für ein Projekt, das schwarze Männer und Femininität erkunden sollte, statistische Daten heranzog, brachte das den heute zweiundzwanzigjährigen auf den Titel 1.7—1,7% ist der Anteil schwarzer Männer an der University of Texas. In der Folge begann er, quer über den Campus Männer für eine Ausstellung im George Washington Carver Museum zu fotografieren und interviewen.

Erst in seinem letzten Schuljahr, nachdem er an einem Fotowettbewerb teilgenommen hatte, begann der fachübergreifende Künstler, Fotografie einigermaßen ernst zu nehmen. “Meine Mutter kaufte mir eine Kamera und ich fing an, hier und da Aufnahmen zu machen”, sagt er. “Ich mochte es am Anfang gar nicht, aber an der Uni habe ich meine Begeisterung wiedergefunden.”

Unbeeindruckt—jedenfalls nicht bewusst—von etablierten Fotografen, lässt er sich stattdessen durch Musik und Farbe beeinflussen: Erstere dient ihm als Hilfsmittel, um Landschaften zu visualisieren, letztere als Werkzeug, um Emotionen zu kommunizieren. “Ich erinnere mich an den ersten Todesfall in der Familie und wie die ganze Familie zum Begräbnis lila trug. Wenn ich an die Farbe Lila denke, hallen die Dinge, die ich damals fühlte, bis heute in mir nach.”

Der Nachfolger von 1.7, The Black Yearbook, ist von ähnlichen Einflüssen geprägt. In über 200 Bildern und 100 Interviews beleuchtet es die Erfahrungen der schwarzen Studentenschaft der Universität—Bereal definiert es als ein Kunstprojekt, das Nuancen vermitteln soll, die Jahrbüchern herkömmlich verschlossen bleiben. Adraint spricht mit uns über seine Projekte, wie es sich anfühlt, seine Studienkollegen zu fotografieren, und seine Ziele nach dem Studienabschluss.

the black yearbook

Wie fing 1.7 an?
Ich wusste nicht, woran ich da eigentlich arbeitete, bis ich die Arbeit aufgenommen hatte. Am Ende des ersten Studienjahres habe ich mich in einen Fotografiekurs für Fortgeschrittene eingeschrieben. Ich war komplett ahnungslos—normalerweise sind da nur spätere Semester, die an ihren Abschlussarbeiten sitzen—es war also eine große Lernkurve. Ich wollte über schwarze Männer und Weiblichkeit sprechen, aber die Arbeit entwickelte sich in eine andere Richtung. Mir wurde klar, dass ich mich auf die Erfahrung schwarzer Männer konzentrierte, und das führte mich zur Frage, ‘Wie viele schwarze Männer studieren eigentlich an der University of Texas?’ Davon ausgehend fing ich an, ganz verschiedene schwarze Männer zu porträtieren—im letzten Frühjahr dann habe ich 1.7 der Öffentlichkeit präsentiert.

Was in weiterer Folge zu The Black Yearbook führte…
Ich sah die Wirkung, die 1.7 auf andere Studierende hatte. Als ich die Zahlen nannte, wollten viele wissen ‘Wo hast du diese Information her, das kann nicht sein’, worauf ich erwiderte, ‘Doch, es ist wahr. Die Zahlen sind öffentlich zugänglich.” Es hat die Leute schockiert, sogar in der Community, weshalb ich das Bedürfnis spürte, diese Erfahrung weiter zu öffnen und mit allen schwarzen Studierenden zu teilen. The Black Yearbook ist ein Versuch, einen ganzheitlichen Blick auf unsere Erfahrung zu bieten.

the black yearbook

Wie bist du auf den Titel gekommen?
Er ist mir eher zufällig zugefallen, aber im Lauf der Zeit habe ich Wege gefunden, seine Bedeutung zu präzisieren. Wenn du dir herkömmliche Jahrbücher anschaust, dann merkst du, dass da eine Erfahrung repräsentiert wird, die aufregend ist und vielfältig. Jahrbücher zeigen etwas von dieser Wahrheit, aber eben nur einen Teil davon. Ich wollte, indem ich das Projekt so nenne, diesen Kontrast herstellen.

Wie lief der Casting-Prozess für diese beiden Projekte?
Meine Freundin Simona half mir dabei und ich muss sagen, sie hat echt ganze Arbeit geleistet. Sie half mir, Geschichten zu finden, die ich noch nicht kannte, Menschen, denen ich nie begegnet war, Teile des Campus, die ich nie erkundet hatte. Das Casting war wichtig: Es gibt diese äußerliche Vorstellung davon, wie schwarze Menschen aussehen, was sie tun, wie sie klingen, in der Öffentlichkeit auftreten. Von den Massenmedien werden solche Ideen noch verstärkt; dieses Projekt zielt darauf, das auseinanderzunehmen—Blackness ist nicht aus einem Guss.

the black yearbook

Wie hat dein Umfeld auf deine Arbeit reagiert?
Positiv. Es war mein oberstes Anliegen sicherzustellen, dass ich eine Vielfalt von Interviews und Bildern erhalte, die für die gesamte Studentenschaft sprechen können. Ich bemühte mich, eine sichere Umgebung zu schaffen, was glaube ich dazu beigetragen hat, dass ich ehrliche Antworten bekommen habe. Hin und wieder veröffentlicht die Studierendenzeitung einen Artikel über die Erfahrung von schwarzen Studenten, aber viele dieser Interviews sind nur darauf aus, was die Zeitung hören will. Ich hingegen suche nach nichts Bestimmtem, ich höre den Leuten einfach zu.

Die größten Überraschungen bis jetzt?
Einfach die Unterstützung durch meine Kollegen und Familie—und durch Leute, die ich nicht einmal kenne: Alumni, denen daran lag, dass ich das Projekt zu Ende führen konnte. Oft wenn Projekte wie dieses angegangen werden, heißt es, ‘Oh, die Minderheiten machen wieder ihr Minderheiten-Ding, lasst uns ihnen dafür ein wenig auf die Schulter klopfen.’ Es ist echt schwierig, in diesem Bereich Anerkennung zu finden, aber die Unterstützung, die ich erfahren habe, war bis jetzt die größte Überraschung—und dass ich überhaupt imstande war, das Projekt in Gang zu bringen.

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Wer ist dein Publikum?
Es ist ziemlich vielfältig, aber mein unmittelbares Publikum sind schwarze Studierende—mein Arbeit ist für uns, für sie. Ich möchte, dass schwarze Studenten wissen, andere auf dem Campus machen ähnliche Erfahrungen. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass keine Community perfekt ist, es schafft also auch eine Gelegenheit für Verständigung unter schwarzen Studierenden, die sich in bestimmten Belangen uneins sind.

Und dein Traumpublikum?
Oh Mann, James Baldwin. I wüsste liebend gern, was er zu all dem sagen würde, was seine Reaktion wäre. Ich hab eben The Fire Next Time gelesen, das Buch hat mich umgehaut und ich versuche immer noch, es zu verstehen. Ja, also wenn ich ihm ein Exemplar geben könnte, das wäre schon toll. Und unter den Lebenden, Jay-Z. Er hat jüngst etwas in einem Interview gesagt, das bei mir hängengeblieben ist: Er möchte jeden Raum als er selbst betreten. Ich finde, das hat etwas für sich. Ich habe mich manchmal als Hochstapler gefühlt, oder hatte das Gefühl, meine Sprechweise anpassen zu müssen. Vielen schwarzen Studierenden geht es ähnlich.

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Im Mai machst du deinen Abschluss, was hast du danach vor?
Ich will nach New York ziehen und eine Karriere als Fotograf verfolgen. Was sonst noch sein wird, muss ich noch herausfinden. Ich würde gerne ein Kreativlab starten, weil ich immer ein bisschen querbeet gearbeitet habe in meinen kreativen Unternehmungen. Mir gefällt die Idee, dass du reichlich experimentieren kannst, Ideen erkunden, mit Marken zusammenarbeiten.

Warum ausgerechnet Marken?
Die Idee der Marke hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Alle denken nur an Walmart, Disney etc., heute aber werden sogar Personen zu Marken. Fenty ist ein Paradebeispiel und—in einer anderen Liga—Jalaiah Harmon. Popkultur—Memes, Schlagworte, Mode—wird von schwarzen Menschen ungemein beeinflusst, und ich frage mich, wie es wäre, wenn wir aus all diesen Dingen Kapital schlagen könnten. Wir sehen das ständig, aber es ist etwas, was ich gerne mal machen würde: Leuten dabei helfen, ihre persönliche Marke zu entwickeln.

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Fotos Adraint Bereal

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