Die Sache mit der Solidarität

Autorin Yasmine M'Barek findet: Nichts, wirklich nichts ist ein Angriff auf "uns" alle.

von Yasmine M'Barek
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13 Dezember 2019, 9:46am

Foto: Bernardo Martins, Model: Yaminah Garcia

Solidarität ist zum Massenphänomen geworden. Solidarität ist hip, politisch korrekt und hält andere davon ab, dich als Nazi zu labeln. Klingt erstmal nicht schlecht. In der Politik werden nach grauenhaften Ereignissen Floskeln wie "Es ist ein Angriff auf uns alle" als profitables Entschuldigungsgeschäft verwendet. Und die junge Generation hat ihr Pendant in edgy Internet-Solidarität gefunden – die einfachste Methode ein moralisch beruhigtes Gewissen zu haben.

Dabei wird schnell vergessen: Niemand greift weiße, als cis und hetero gelesene Menschen einfach so an. Der Angriff auf die Synagoge in Halle greift nicht Heiko Maas an, wenn er in seinem Wintergarten erlesenen Darjeeling mit seiner Partnerin Natalia Wörner trinkt. Es ist eben kein Angriff auf uns alle. Es ist ein Angriff auf die Angegriffenen. Ich gönne Heiko seinen Tee von Herzen, wirklich. Was ich ihm nicht gönne: sich als politisch korrekt und solidarisch zu zeigen, indem er sich die tatsächliche Opferschaft aneignet.

Zur Abwechslung mal wirklich solidarische Maßnahmen zu treffen, wäre auch zu viel verlangt. Das hieße ja tätig zu werden, maßgebende Impulse und Gesetze zu initiieren, Marginalisierten zu helfen. Kommt in der Gesellschaft irgendwie nicht so gut an. Marginalisierte also über die eigene Karriere setzen? Eher selten.

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Foto: Bernardo Martins, Model: Yaminah Garcia

Man könnte meinen, dass sie es einfach nicht besser wissen. Sie können gar nichts dafür, sie sind so sozialisiert worden. Oder vielleicht doch? Denn Menschen, die über Rassismus aufklären und Bildungsarbeit leisten, gibt es unglaublich viele. Besonders in den sozialen Medien, kostenfrei. Nur noch draufklicken und lesen. Ein so genannter 'solidarischer' Tweet einer weißen Person löst mehr warmes Unbehagen aus als die wichtige Berichterstattung Marginalisierter im Internet. Da muss man sich fragen, ob das 'uns' in 'Angriff auf uns alle' wirklich so kollektiv gemeint ist? Nein. Es ist auf die weiße Mehrheitsgesellschaft bezogen. Die sich angegriffen fühlt, weil Personen aus 'den eigenen Reihen' ja auch rechts sind. Oder terroristisch. Da gehen einem einfach die Argumente aus, wenn man den Wohlfühlmodus nicht ablegen möchte.

Was ist denn nun aber wirkliche Solidarität? Solidarität heißt für mich das Erlernen von Privilegien und das Sensibilisieren gegenüber Diskriminierung. Dies kann nur passieren, wenn man den Betroffenen zuhört. Allyship ist der Schlüssel. Allyship ist auch die Erkenntnis, dass Privileg keine Schuld sondern ein Fakt ist. Diesen Fakt müssen besonders weiße Menschen in ihr Leben integrieren. Dazu gehört die hundertste Diskussion mit Opa über das N-Wort. Auf Intersektionalität im eigenen Ermessensspielraum zu achten. Das zieht natürlich Selbstreflexion und unangenehme Erkenntnisse mit sich – dass man sich dagegen sperrt, ist wahrscheinlich. In einer rassistisch sozialisierten Gesellschaft sind Marginalisierte aber unabdinglich auf Allyship angewiesen.

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Foto: Bernardo Martins, Model: Yaminah Garcia

Sobald es um muslimischen Terror geht, kommt nach dem "Je suis…" immer etwas: Mindestens vier Menschen die den Islam direkt komplett verbieten wollen, "hitzige Debatten" um Gesetzesänderungsvorschläge, verurteilende Worte von Hans und Franz. Versteht mich nicht falsch, so ist das auch alles ganz richtig – bis auf das Verbot einer Religion, die nichts für den Missbrauch ihres Namens kann. Diese gestandene Attitüde sollte auch für Angriffe auf BIPoC's gelten, für queere, muslimische und jüdische Personen. Nur kann man das leider nicht so gut für die nächste Wahlkampagne nutzen wie den all gebräuchlichen Islamhass.

Es ist als nicht-marginalisierte Person auch einfach furchtbar anstrengend, solidarisch zu sein. Also so mit wirklichem Tatendrang. Aber um das Ego zu schmücken, dafür ist Solidarität immer gut. Dieses Framing von einem nicht existierenden "Wir" sorgt für reine Ablenkung von tatsächlicher Diskriminierung und Terror. Und dann gibt es kein Weiter, keine Entwicklung, man wartet schlichtweg auf das nächste Ereignis. Mal schauen, ob es muslimischer oder rechter Terror ist. Der eine wird missbraucht für parteipolitische Interessen, der andere verharmlost. Aber die, von denen abgelenkt wird, die sehen das. Und die weiße Deutungshoheit ist den betroffenen Personen in diesen Fällen bewusst.

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Foto: Bernardo Martins, Model: Yaminah Garcia

Nichts, wirklich nichts ist ein Angriff auf 'uns' alle. Dass das Dasein der Menschheit kollektiv angegriffen wird, ist ein Märchen. Es ist ein Angriff auf Marginalisierte, der auch so benannt werden muss. Es ist ein Angriff gegen die, die in der Minderheit sind. Gegen die, die nicht das Privileg haben, sich keine Gedanken machen zu müssen über ihr Aussehen oder ihre Religion oder ihre Kultur. Das nächste Mal sollte Heiko an einem Gesetzesvorschlag schreiben, während er am Darjeeling nippt und twittert, statt von den echten Opfern abzulenken.

Yasmine M'Barek lebt in Köln, wo sie Wirtschaftsjournalismus studiert. Als freie Journalistin schreibt sie hauptsächlich über Politik und Wirtschaft. Nebenbei spricht sie über deutsche Innenpolitik auf ihrem Instagram Account @ceremonialsofasavage.

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