xiuhtezcatl martinez kämpft für eine bessere zukunft – gegen die us regierung und eine mächtige lobby

„Der Unterschied zwischen meiner und früheren Generationen liegt in unserem Verständnis von Macht. Wir haben eine neue, frische Perspektive.“ – Der 16-jährige Xiuhtezcatl Martinez hat die US-Regierung und die Erdölwirtschaft wegen ihres Versagens beim...

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Juli 18 2016, 2:08pm

Oberteil: Roark Revival.

Was hast du mit 16 gemacht? Mit Freunden im Park abgehangen und Zigaretten geraucht? Oder Computerspiele in deinem Zimmer gespielt? Oder zu den politischen Führern dieser Welt am UN-Hauptsitz in New York gesprochen? Xiuhtezcatl (ausgesprochen Shu-Tez-Cat) Martinez ist kein gewöhnlicher 16-Jähriger. Aufgewachsen ist er mit den Atztekentraditionen seines Vaters und der Leidenschaft seiner Aktivistenmutter, die 1992 eine auf Umweltfragen spezialisierte Schule in Hawaii gegründet hat. Aus der Schule wurde eine Bewegung, die sich mittlerweile zu einer Non-Profit-Organisation mit 900 „Crews" auf der ganzen Welt entwickelt hat. Und Xiuhtezcatl ist der Vorsitzende der Jugendabteilung. „Sie hat so einen großen Einfluss", erklärt er mir bei unserem Skype-Interview. „Sie sorgt für Positivität und Hoffnung auf der Welt und sorgt unter meiner Generation für Leidenschaft, etwas zu hinterlassen, auf das wir stolz sein können." Er sitzt in der Bibliothek in seinem Elternhaus in einer der schönsten Gegenden in Boulder, Colorado. Seine langen, dunklen Haare füllen den ganzen Bildschirm aus. Die Presse nennt ihn den „Anti-Bieber". Er ist charmant und überaus selbstbewusst. Voller Begeisterung spricht er darüber, was ihn motiviert: wie dringlich es ist. Xiuhtezcatl hat in den letzten Monaten für Schlagzeilen gesorgt, weil er die US-Regierung für deren Nichterreichen der Klimaschutzziele verklagt hat. Zusammen mit 20 jungen Leuten aus ganz Amerika fordert der Teenager die Multimilliarden-Erdölwirtschaft und eine der mächtigsten Regierungen auf der Erde heraus—und er gewinnt. Während er auf die Fortsetzung des Prozesses wartet, vertreibt er sich die Zeit mit Reden, einem Gastauftritt in Leo DiCaprios Umweltdoku und mit der Schule.

Ob er einen TED-Talk gibt oder mit Schülern spricht, Xiuhtezcatl wirkt nie nervös. Er hat bisher nur eine Rede geschrieben, seine Rede vor den UN, die er aber in letzter Minute fallen ließ und stattdessen lieber improvisierte, weil das „hundert Mal bewegender sei als eine Rede". Für diejenigen, die in Sachen Klimaschutz nicht auf dem neuesten Stand sind: Am 22. April 2016 haben fast 200 Staaten in Paris die neue Klimaschutzvereinbarung unterzeichnet und vereinbart, den Treibhausausstoß zu reduzieren. Die Vereinbarung gilt als ein vielversprechender, aber nicht ausreichender Anfang. Xiuhtezcatl hat mit den Staats- und Regierungschef in New York zusammengesessen und laut seinen Aussagen hätten die Weltenlenker es verstehen, sie hätten das begriffen. „Die Leute handeln, um die Lücken zu füllen, die in der Vereinbarung selbst nicht geregelt wurden. Nämlich die Regierungen haftbar für das Erreichen der Klimaschutzziele zu machen." In New York traf er Leonardo DiCaprio: „Er ist echt cool und bodenständig", sagt er lächelnd. „Wir haben uns endlich getroffen. Ich habe seine Dokumentation The 11th Hour gesehen und wollte auch dabei sein."

Seit seinem ersten öffentlichen Auftritt im Alter von sechs bei einem Klimaschutzevent ist viel passiert. Zum Beispiel wurde er mit dem Youth Change Maker of the Year Award von Obama ausgezeichnet, der ihn danach in seinen Youth Council berief. „Oh Mann! Obama hat uns im Stich gelassen. Aber Präsident zu sein, ist nicht einfach", sagt er. Die Idee des Jugendbeirats ist, dass er seine Ideen dem POTUS (President of the United States) präsentiert. Die Jugendlichen warten immer noch darauf. Man könnte fast vergessen, dass er so jung ist. Nächste Woche feiert Xiuhtezcatl seinen 16. Geburtstag, aber es wird keine Geburtstagparty geben. Stattdessen fliegt er nach Peru. Dort wird er eine Reformschule besuchen. Er und seine Mitschüler helfen der lokalen Community und lernen dabei mehr über die Entwicklung Perus nach der Eroberung durch die Spanier, unter anderem über die Kultur und die Religion. „Durch das Reisen verliebe ich mich immer mehr in den Planeten, den ich zu schützen versuche, und natürlich in die Menschen, für die ich eine bessere Welt schaffen will. Das erdet mich. Mir wird bewusst, wie groß die Erde ist; in welch großer Krise wir stecken; und dass ich nur einer von vielen bin, die für Veränderungen kämpfen."

„Itzcuauhtli! Lebst du immer noch vegan?!", schreit er plötzlich zu seinem jüngeren Bruder (ausgesprochen Eat-Squat-Lee). „Legit, ich auch, Bro!" Seit ihrer Geburt sind die Brüder Vegetarier und haben sich erst gestern dazu entschlossen, vegan zu leben. Daraus ist ein Wettbewerb zwischen den beiden entstanden, wer am längsten durchhält. Xiuhtezcatl ist sich über sein privilegiertes Leben und Kindheit sehr bewusst und möchte mit seiner Organisation Earth Guardians seine Generation durch ein politisches System navigieren, das nicht für sie entworfen wurde. „Ich glaube, damit sich mehr junge Leute politisch engagieren, müssen wir eine neue Sprache finden." Er weiß, dass die meisten Kids keine Hippies sein wollen und dass sie apathisch geworden sind. „Wie inspirieren wir eine hoffnungslose Generation?", fragt er. „Wir werden systematisch kleingehalten. Schon von Geburt an wird uns gesagt, dass wir erst etwas tun können, wenn wir älter sind. Der Unterschied zwischen meiner und früheren Generationen liegt in unserem Verständnis von Macht. Wir haben eine neue, frische Perspektive."

Xiuhtezcatl ist kein Anhänger der amerikanischen Regierung. „Wir verschließen die Augen vor der Unterdrückung meiner Leute, der Ureinwohner und der People of Color, weil es einfacher ist wegzuschauen, besonders wenn es reiche Leute gibt, die davon profitieren." Auch wenn er zu jung ist, um zu wählen, weiß er genau, wem er seine Stimme geben würde. „Bernie!", erklärt er Freude strahlend. „Bernie ist der erste Präsidentschaftskandidat, der sich wirklich mal für die einfachen Leute einsetzt. Er spricht über eine politische Revolution. Bernie und ich sind der gleichen Meinung." Hillary sei für ihn genauso schlimm wie jeder Republikaner. Für den jungen Aktivisten ist klar, wer wirklich Geschichte schreibt, und das sind auf keinen Fall die Menschen in Anzügen: „Es sind die Revolutionen und Aufstände, die zu der Welt geführt, in der wir heute leben." Und um die größte Herausforderung, vor der die Menschheit steht—der Klimawandel—, zu meistern, nutzt er die einzige Sprache, die die Leute in Anzügen verstehen: die Sprache des Rechts in einem Gerichtssaal. So Xiuhtezcatl sorgt dafür, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln. Die US-Regierung missbraucht ihre Macht, weil sie von der amerikanischen Verfassung garantierte Rechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Recht auf Freiheit und das Recht am Eigentum verletzt; weil sie fossile Brennstoffe, die den Planeten für kommende Generationen irreparabel beschädigen, erlaubt und deren Verarbeitung ermöglicht. Die erste Instanz ist der Argumentation Xiuhtezcatls gefolgt und hat die Einsprüche der Vertreter der Erdölwirtschaft abgewiesen. Der Klage von Xiuhtezcatl und seinen Mitstreitern wurde stattgegeben. Beim zweiten Gerichtstermin sollen Klimawissenschaftler Beweise vorlegen und die Regierung soll angewiesen werden, die Zukunft der Menschheit nicht mehr zu gefährden. „Wir haben bereits Geschichte geschrieben, weil wir so weit gekommen sind. Wir sind gespannt darauf, wie viel wir tatsächlich beeinflussen können. Wir wollen einen Präzedenzfall schaffen, um zu zeigen, was junge Leute erreichen können und wie mächtig unsere Stimme sein kann", sagt er zum Abschluss. „Wir zeigen der Welt, dass unser Alter nichts darüber aussagt, ob wir etwas bewirken können oder nicht."

Hier findest du alles aus unserer The Futurewise Issue.

Credits


Text: Francesca Dunn
Fotos: Dan Martensen
Fotoassistenz: Alux Austin und Jason Acton
Xiuhtezcatl trägt Jeans, Gürtel und Armbänder (durchweg getragen): Model's own.