say what? wie das internet die entstehung von slang verändert

Seitdem es das Internet gibt, hat sich die Art, wie Sprache dokumentiert, verstanden und analysiert wird, dramatisch verändert. Stichwort Neologismus: Selfie, Shelfie, App-Zocke, Konsolero, Boreout – wie kommen diese Wörter zustande und werden Teil...

von Sam Wolfson
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04 November 2014, 10:10am

Der Effekt, den das Internet auf Kultur, Kommunikation und Nachrichten hat, ist so umfassend und permanent, dass die bloße Feststellung schon Klischee ist. In einem Bereich müssen wir den Einfluss des Internets allerdings erst noch richtig begreifen: auf die Sprache. Nehmen wir zum Beispiel den Kult-Teeniefilm Girls Club von 2004 mit der armen Gretchen Wiener, die das Wort ‚fesch' als cool etablieren wollte.  

Die Anführerin der Plastics genannten Mädchengruppe, Regina George, sagt zu Gretchen nicht ganz zu Unrecht, dass Gretchen das lassen soll. Was Regina damit meinte: Du kannst keine Leute dazu bringen, aufgrund deiner Beliebtheit ein neues Wort zu übernehmen. Sprache ist renitent. Viel mächtigere Kräfte als Gretchen Wiener versuchten bereits Einfluss auf die Sprache zu nehmen. 

IIm 19. und 20. Jahrhundert haben westliche Regierungen verzweifelt versucht, ihre jeweilige Sprache zu standardisieren, um Widerstandsgruppe zu brechen. Die Franzosen versuchen durch die Académie Française die französische Sprache vor fremden Einflüssen zu schützen, also Wörter fremdsprachiger Herkunft aus dem Französischen zu verbannen. Die britische Regierung versuchte eine Form von Standardenglisch, Estuary Englisch, sowohl den Briten als auch den britischen Kolonien aufzuzwingen. Kontrolle über Sprache war ein zentrales Element von Unterdrückung. Der Gedanke dahinter war, dass mit korrektem Englisch Widerspruch marginalisiert werden kann. Wörterbücher wurden zu politischen Instrumenten, mit deren Hilfe subversive Wörter aus der Sprache herausgehalten wurden.

Seitdem es das Internet gibt, hat sich die Art, wie Sprache dokumentiert, verstanden und analysiert wird, dramatisch geändert.

Die Versuche scheiterten. In den französischen Banlieues haben vernachlässigte Communitys Französisch und Arabisch mit den Regeln des sogenannten Pig Latin gemischt und heraus kam Verlan. Ursprünglich von Straßengangs genutzt, um ihre konspirativen Absichten vor der Polizei geheimzuhalten, wurde es mittlerweile zur Sprache des jugendlichen Widerstands gegen die Politik der französischen Regierung. In Großbritannien schossen Piratenradiosender aus dem Boden, um alternative Dialekte zu verbreiten. 

Die Eliten jedoch behielten die Kontrolle über die Standardsprache, gegen die sich Slang richtet. Slang, lokale Dialekte und postkoloniale Literatur haben jedoch zur Identitätsbildung beigetragen. Das Oxford English Dictionary (OED) ist weiterhin das Maß aller Dinge in der englischen Sprache. BBC-Englisch gab den Ton in den Medien an. Wenn die Eliten Leute nicht davon abhalten konnten, ihre eigene Sprache zu sprechen, dann haben sie die eben dafür bestraft. Von Pierre Bourdieu bis Jeremy Clarkson sind sich alle einig, dass jeder, besonders junge Leute, seine soziale Stellung beschädigt, wenn er es ablehnt das Englisch der Queen zu besprechen. Zumindest war es mal so.

Seitdem es das Internet gibt, hat sich die Art, wie Sprache dokumentiert, verstanden und analysiert wird, dramatisch geändert. Wo früher Slang benutzt wurde, um nicht für jeden sofort zugänglich zu sein, ermöglichen Online-Slang-Wörterbücher, diese Grenzen zu überwinden. Während des Arabischen Frühlings wurde „Ash-shab yurid isqat an-nizam" auf Häuserwände gesprüht und auf den Straßen gerufen, was tausende Meilen voneinander getrennte Aufstände vereint hat. Es war der Slogan, von ein paar Hundert getwittert, von Hunderttausenden gebrüllt, der den Willen nach Selbstbestimmung neu definieren konnte.

Auf Rapgenius.com analysieren und diskutieren User Songtexte und teilen mit anderen ihre Interpretationen, was noch vor ein paar Jahren nur ein paar Eingeweihten vorbehalten gewesen wäre. Für den Laien erscheinen die ersten Worte von Frank Ozeans Song Pyramids - „Set the cheetahs on the loose" - solange inkonsequent, bis man weiß, dass es Referenzen an Kleopatras Haustiere, Untreue und die Stripklubkette Cheetahs sind, die im Song später thematisiert werden. Mittlerweile werden mit demselben Enthusiasmus Reden des U.S.-Präsidenten sowie Reden des amerikanischen Linguisten und Philosophen Noam Chomsky dechiffriert. 

Diskussionen über die Bedeutungen von Sätzen wie „God bless ya when the semi wet ya" von Joey Bada$$, Schießerei oder Sex, oder „And I see orange stars, green clovers and blue diamonds" von Saga Free, Ecstasy oder Lucky Charms, mögen unwichtig erscheinen. Auf Rapgenius.com werden aber Bedeutungen, die sonst nur von einer kleinen Gruppe verstanden worden wären, einer breiteren ?-ffentlichkeit erklärt.

Die alten Institutionen, die über den offiziellen Wortschatz wachen, sind an Belanglosigkeit nicht mehr zu übertreffen. Die vom OED ausgewählten Wörter des Jahres 2013 „Dumbphone" (Telefone, die außer telefonieren und Simsen nichts können) und „flexitarian" (Teilzeitvegetarier) stehen dafür exemplarisch. Das OED denkt, dass es immer noch darüber entscheiden kann, welche Wörter Teil der englischen Sprache sind und welche nicht. Das ist okay, aber „flexitarian" tauchte das erste Mal 2003 in Ernährungsbüchern und Artikeln auf, wurde 2004 auf Urban Dictionary hinzugefügt und hatte 2007 bereits einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Zu der Zeit, als das OED den Begriff aufgenommen hat, hatte sich der Begriff wieder abgenutzt und war Schnee von gestern. Überhaupt sprechen Veganer jetzt von „tofuify".

Tofuify: passiert unbeabsichtigerweise, wenn man kalte Sojamilch in heißen Kaffee gießt, die dann gerinnt und zu kleinen Tofu-Flocken im Kaffee führt. (Urban Dictionary)

Im Zentrum der sprachlichen Revolution steht Urban Dictionary (UD). Die Website wurde 1999 vom damaligen College-Studenten Aaron Pecker gegründet, der wie hunderte Leute vor ihm die Wörter dokumentieren wollte, die er und seine Freunde benutzen.

Die Website wurde zum Instant-Hit und ist im Laufe der Zeit um Millionen Wörter gewachsen. In englischsprachigen Ländern gehört sie zu den Top 500 der meistbesuchten Seiten, was erstaunlich ist für eine Website, die keine Waren, Dienste, Suche, Social Media oder Pornos anbietet. In den 12 Jahren ihres Bestehens hat UD die Art, wie Wörter dokumentiert und benutzt werden, unwiederbringlich verändert. User tragen ihre eigenen Wörter und Definitionen ein, die dann von anderen Usern als gut oder schlecht bewertet werden und die am besten bewerteten Einträge erscheinen ganz oben. Über 100 Millionen Bewertungen sind es bereits.

Diese demokratische Quelle hat großen Einfluss auf Slang. Wörter und Neologismen, die nur ein paar Freunde benutzen, werden zu international verstandenen Begriffen. War Slang früher etwas, was deine Herkunft definiert hat, kann es heute geteilt und darüber debattiert werden. Wörter haben mehrere Bedeutungen und im Laufe der Zeit werden neue Definitionen und Bedeutungen hinzugefügt, die am häufigsten gewählte Definition ändert sich nach Trendlage. Mit neuen Leuten, die auf UD nach der Bedeutung eines Wortes suchen, ändert sich auch das Empfinden und andere Bedeutungen können die Ursprungsbedeutung verdrängen. Wortbedeutungen sind ständig im Fluss.

Gretchen Wiener könnte jetzt fragen: „Was hat das alles mit ‚fesch' zu tun?" Ganz einfach: Du kannst „fesch" etablieren. Du darfst nur nicht so sehr auf die Bedeutung fixiert sein. Ein Beispiel ist die Meep-Kontroverse an der amerikanischen Danvers High School. Der Schulleiter hatte den Eltern schriftlich mitgeteilt, dass das Wort „meep" verboten worden sei. Dagegen rebellierten die Schüler und haben auf UD neue Bedeutungen eingetragen. Letztlich kann „meep" alles und nichts bedeuten. Als sich die Medien auf das Thema stürzten, kamen neue Meep-Wörter und Phrasen wie „Jesus mept" und „Meepover" auf.

Aus dem lokalen Nicht-Ereignis wurde ein globaler Shitstorm. Sympathisanten haben die clevere Merchandise-Funktion auf UD genutzt und T-Shirts, Kaffeebecher und Unterwäsche mit dem Wort „meep" gekauft. Die Schüler auf der Danvers High School haben das Wort etabliert - aber so richtig. Sie waren aber nicht auf eine bestimmte Bedeutung fixiert, sondern waren offen für neue Leute und deren Bedeutungen.

Ähnlich lief es bei den Protesten des Arabischen Frühlings. Palästinenser in der West Bank haben "Ash-sha?b yur?d inh?? al-inqis?m" als Graffiti genutzt (Wir wollen das Ende der Teilung). In Syrien haben loyale Assad-Anhänger Ash-sha?b yur?d Bash?r al-Asad (Wir wollen Assad) gerufen. Die Worte haben ihre Anfangsbedeutung verloren. Ihre Macht aber blieb.

Etabliere „fesch", Gretchen Wiener. Druck es auf ein T-Shirt. Mach ein Hashtag daraus. Brüll es auf der Straße. Aber nimm dich davor in Acht, was du dir wünscht, weil nicht nur die beliebten Mädchen „fesch" sagen werden. Sobald das Internet Wind davon bekommt, ist die Bedeutung zum Abschuss freigegeben.

Credits


Text: Sam Wolfson
[Aus der Alphabetical-Ausgabe, No. 313, Frühjahr 2013]

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