66 längst verloren geglaubte Polaroids von Madonna zeigen den Star vorm Durchbruch

Für uns blickt Fotograf Richard Corman auf die Zeit mit dem charismatischen Club-Kid aus dem New Yorker East Village Anfang der 80er zurück.

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18 August 2016, 7:37am

Juni 1983: Madonna war eine ambitionierte 24-Jährige, die sich gerade in den Club Charts einen Namen machte. Als Fotograf Richard Corman die junge Sängerin getroffen hat, servierte sie ihm Kaugummi und Espresso auf einem Silbertablett in ihrer Wohnung, ein begehbarer Kleiderschrank auf der East Fourth Street. "Das war kurz vor ihrem Durchbruch." Einen Monat nach dem Shooting veröffentlichte Madonna ihr Debütalbum Madonna und landete mit "Holiday", "Lucky Star" und "Borderline" drei Top-Ten-Hits in den US-Charts. Ein Jahr später sollte sie bei den MTV VMAs ihre berühmte "Like A Virgin"-Performance geben. Als Corman die wunderschönen Polaroids mit einer SX-70 gemacht hat, war sie einfach nur die Freundin von DJ Jellybean Benitez, eine gute Tänzerin bei Funhouse und Danceteria und verdiente sich ihr Geld mit Kellnern und als Aktmodell für Kunststudenten. Madonna selbst sagt über diese Zeit: "Ich habe mich wie eine Kriegerin gefühlt, die sich ihren Weg durch die Massen bahnt, um zu überleben".


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Richard Corman war Anfang der 80er sehr gut vernetzt. Er war Assistent von Richard "Dick" Avedon und seine Mutter Cis war für das Casting bei Filmen wie Wie ein wilder Stier und Die durch die Hölle gehen verantwortlich. Zu der Zeit, als Corman Madonna fotografierte, war auch Keith Haring in SoHo und Jean-Michel Basquiat in seinem Studio in der Great Jones Street vor seiner Linse. Aber das war nichts im Vergleich zu der jungen Frau, die für ihn damals schon so aussah, als ob „sie eines Tages die Welt beherrschen würde". 30 Jahre lagerten die Polaroids in einem Lagerhaus. Bis jetzt. Im Herbst erscheint ein Bildband und es wird eine Ausstellung geben. Richard Corman hat mit i-D über die Geschichte hinter den Fotos gesprochen.

Wie kam es zu diesen Polaroids?
Die Fotos habe ich 1983 gemacht. Was sie für mich so besonders machen, ist ihre Verbindung zu meiner Mutter. Die hat mich im Frühjahr 1983 Madonna vorgestellt, als sie für den Film Die letzte Versuchung Christi von Martin Scorsese gecastet hat. Madonna sprach für den Part der Jungfrau Maria vor. Aber sie hat die Rolle nicht bekommen. Ich habe damals in den Avedon Studios gearbeitet. Ich war ständig auf der Suche nach interessante Menschen, um sie zu fotografieren. Ich hatte noch nie so jemanden wie sie getroffen. Sie war ein Original.

Der Polaroid-Shoot war ein bisschen später. Meine Mutter hat an dem Musical-Film Cindy Rella gearbeitet. Madonna war in der Wohnung ihres Bruder und ich musste Casting-Fotos so schnell wie möglich an Warner Bros schicken. Damals gab es weder digital noch iPhones, wir hatten Polaroids. Ich habe 66 Polaroids gemacht. Wir haben an einem Buch gearbeitet, mit einem Drehbuch und den Cast. Michael Jackson oder Prince sollten den Prinz spielen, Aretha Franklin sollte die böse Stiefmutter spielen. Der Film wurde nie gedreht und ich dachte 30 Jahre lang, dass das Drehbuch und die 66 Polaroids für immer verloren sind. Als ich dann kürzlich mein Lagerhaus gründlich aufgeräumt habe, fiel mir die Kinnlade herunter. Da waren die Bilder. Im perfekten Zustand.

Wenn wir heute diese Bilder machen würden, wären 30 Leute in dieser Wohnung. Aber es gab nur sie und mich. So einfach war das damals. Sie war so zugänglich, lustig und sexy. Sie war einfach cool und hatte Charisma. Wir fingen an und sie putzte als Cinderella die Wohnung und sollte sich für den Ball zurechtmachen. Sie verließ die Wohnung und, ich glaube, nach zwei Stunden kam sie zurück und hatte das Kleid dabei. Sie hatte es in einem Vintage-Laden gefunden. Damals war sie eine Art lokales Phänomen.

Ich bin nicht unbedingt ein Madonna-Fan, aber ich bin ein Fan ihrer Hingabe, ihres Geists und ihrer Energie. Die Fotos fühlen sich heute relevanter an als damals. Sie war natürlich immer relevant. Aber einfach die Art und Weise, wie sie sich angezogen hat, ihre Haare und ihr Make-up. Alles an ihrem Style war einfach 21. Jahrhundert: Denim, die roten Lippen und die Katzenaugen, der dunkle Haaransatz.

Hat sie sich selbst gestylt und ihr eigenes Haar und Make-up gemacht?
Ja, sie kontrollierte immer alles. Sie wusste genau, wie sie aussehen wollte. An diesem Abend traf sie mich, meine Mutter und meinen Vater in einem Lokal auf der Upper West Side, wo jeder Schauspieler in New York rumhing. Sie kam rein und alle wurden still. Keiner sah so aus wie sie! Sie war eine lebendige Visionärin und sie war ein Original.

Und deine Mutter, Cis Corman, war Casting Director?
Sie war Casting Director und wurde später Produzentin in der Firma von Barbra Streisand. Der Grund, warum die Fotos so eine besondere Bedeutung für mich haben, ist, dass meine Mutter heute Alzheimer hat. Sie ist 90. Das ist in Wahrheit eine Hommage an sie. Ohne unsere Zusammenarbeit würde es die Fotos geben.

Wann hast du mit dem Fotografieren angefangen?
Kurz nachdem ich 1983 bei Avedon assistiert habe. Ich habe es nicht studiert. Ich wollte Psychologie weiterstudieren. Ich habe eine Pause von einem Jahr eingelegt und ich kam zufällig zur Fotografie, weil ich eine Auszeit brauchte. Ich wollte es einfach versuchen. Dann hat sich herausgestellt, dass es das ist, was ich liebe. Die Zeit bei Avedon hat mein Leben verändert.

Wie war es, mit Richard Avedon zu arbeiten?
Es hat mein Leben verändert. Ich habe mit jemandem zusammengearbeitet, der unglaublich leidenschaftlich und klug war. Sein ganzes Leben drehte sich um seine Arbeit. Er war brillant, großzügig und selbstsüchtig. Ich habe viel Zeit mit ihm auf Reisen verbracht. Eines der Projekte, an dem wir eng zusammengearbeitet haben, war In The American West. Ich war zwei Sommer lang mit ihm da unterwegs. Es war atemberaubend. Wir haben uns über Fotografie und Kunst unterhalten.

Wie hat Avedon deine eigene Arbeit beeinflusst?
Das Wichtigste an Dicks Fotografien sind die Augen seiner Motive. Er hat hinter die Fassade geblickt. Seine Motive konnten ihre eigene Geschichte erzählen.

Was ist Madonnas Geschichte?
"Ich werde ganz oben sein. Ich werde die Welt beherrschen. Nichts wird mich aufhalten und ich werde dahinkommen, wo ich hin will." So wurde damals geredet. Sie war einfach ehrlich und natürlich. Nichts war daran prätentiös. Als ich sie das erste Mal getroffen habe und zu ihr nach Hause in die Wohnung wollte, musste sie mich erst raufbitten, weil in dem Gebäude nur Kriminelle wohnten. Die haben sie beschützt. Sie sagte: "Richard, du kannst nicht eher ins Gebäude kommen, bis du mir nicht gesagt hast, dass du da bist, damit ich den Typen unten Bescheid geben kann." Bei ihr haben sich alle getroffen. Es wurde Pizza gegessen, aufs Dach gegangen, gesungen und getanzt. Das fand sie toll. New York war damals echt gefährlich.

66 Polaroids von Richard Corman erscheint im Herbst bei NJG. Dazu wird es eine Begleitausstellung geben.

Credits


Alle Fotos: © und Courtesy of Richard Corman