unzensiert: auch das war feministische kunst in den 70ern

Darf man als feministische Künstlerin einen Penis malen? Diese und andere Fragen haben in den 70ern die Debatten in der feministischen Kunstszene bestimmt. Wir stellen dir die Werke von Joan Semmel, Anita Steckel, Betty Tompkins und Cosey Fanni Tutti...

von Alice Newell-Hanson
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29 August 2016, 9:55am

Cosey Fanni Tutti, TG Promo A, photograph by Szabo

Am Ende der zweiten Staffel von Transparent stößt eine ältere Vertreterin des radikalen Feminismus mit den Worten „Auf die letzten verbliebenen Extremistinnen" an. Es ist der Hinweis auf die Unterschiede im Feminismus. Heute ist der Feminismus inklusiv. Es ist ein Feminismus, bei dem junge Schauspielerinnen auf ihrem Instagram-Account gute Essays über Intersektionalität posten können, und das OK ist. Dabei kann man leicht vergessen, dass der Feminismus—wie wir ihn heute kennen—nicht immer so inklusiv war. Die Vorstellung, dass jede und jeder sich ihren oder seinen Feminismus für sich selbst definieren kann, ist noch relativ neu. Wir stellen dir vier feministischen Künstlerinnen vor, die nicht nur von der Mainstream-Kunstwelt zensiert wurden, sondern die auch vom feministischen Mainstream marginalisiert wurden.

Joan Semmel, Anita Steckel, Betty Tompkins und Cosey Fanni Tutti waren in den 70ern künstlerisch aktiv und waren doch nur Randerscheinungen, in der von Männern dominierten Kunstwelt, weil ihre Arbeiten für das feministische Establishment zu konfrontativ waren. „Typische feministische Mainstream-Kunst bestand damals aus handgearbeiteten Sachen, die wie eine Vulva aussahen", so die Kunsthistorikerin Alison Gingeras. Die übersexualisierten Bilder, Collagen und Fotografien von Joan, Anita, Betty und Cosey entsprechen diesem Klischee ganz und gar nicht. Joan hat lebensechte Porträts von Paaren beim Sex gemalt, Bettys Fuck Paintings basieren auf Ausschnitten aus Pornomagazinen, Anita hat die Hochhäuser von New York als Penisse neu interpretiert und Cosey Fanni Tutti hat Fotos von sich selbst als Sexarbeiterin zu eigen gemacht und so die Kontrolle über ihr eigenes Bild gewonnen. Dinge, die in der feministischen Mainstreamszene gar nicht gut ankamen.

Cosey Fanni Tutti, Szabo Sessions (2010)

Vaginen sind gut, Penisse und (hetero-)sexuelles Verlangen sind schlecht, oder so ähnlich dachten die orthodoxen Feministinnen in den 70ern über Kunst. Steckels Ausstellung The Feminist Art of Sexual Politics sorgte 1972 für eine Empörungswelle. Sogar Joan Semmel meldete sich zu Wort und erklärte, dass die monumentalen Penetrationsbilder von Betty Tompkins nicht wirklich feministisch seien. Cosey Fanni Tuttis Kunstaktion Prostitution in der Londoner Galerie ICA sorgte 1976 für einen Skandal: Die Aktion wurde im britischen Unterhaus zum Thema und die Ausstellung musste vorzeitig schließen.

1973 gründete Anita Steckel das Künstlerinnen-Kollektiv „Fight Censorship", zu dem unter anderem Frauen wie Louise Bourgeois gehörten, mit dem Ziel, bewusst sexuell explizite Kunst zu produzieren. Das Manifest des Kollektivs: „Wenn ein erigierter Penis nicht gut genug ist, um in einem Museum ausgestellt zu werden, dann sollte er auch nicht für gut genug erachtet werden, um in eine Frau einzudringen".

Joan Semmel, Touch (1975)

Darf man als feministische Künstlerin einen Penis malen? Und wer war eigentlich Teil der feministischen Mainstream-Kunst in den 70ern? Wir haben mit der Kunsthistorikerin Alice Gingeras genau diese Fragen gestellt. 

Wie bist du überhaupt dazu gekommen, dich für feministische Kunst in den 70ern zu interessieren? 
Ich habe 2010 einen Essay über Jeff Koons' Made in Heaven geschrieben. Dafür habe ich nach Leuten recherchiert, durch die er überhaupt erst in der Lage war, diese Serie zu kreieren. Bei den Recherchen bin ich auf seine Vorgängerinnen wie Betty Tompkins und Cosey Fanni Tutti gestoßen, die das vor ihm gemacht haben.

Joan Semmel, Hold (1972)

Wer war Teil der feministischen Mainstream-Kunst in den 70ern?
Ein bekanntes Beispiel ist das feministische Kunstprogramm an der privaten Kunsthochschule CalArts. Unter der Leitung von Miriam Schapiro haben sich die Künstlerinnen auf Arbeiten konzentriert, die sehr vaginal orientiert waren. Sogar ein einfacher Phallus wurde als Werkzeug des Patriarchats angesehen. Der Knackpunkt war dabei, dass heterosexuelle Verlangen überhaupt anzuerkennen. Dass es so etwas überhaupt gibt, dabei strukturiert dieses Verlangen doch unsere Gesellschaft. Wer hätte gedacht, dass man als subversiv gilt, wenn man als heterosexuelle Frau ein sexuelles Verlangen hat? Aber so war das damals. Und vielleicht ist es heute immer noch so.

Anita Steckel, New York Landscape (c. 1970-1980)

Was können Feministinnen heutzutage von diesen Künstlerinnen lernen?
Die neue Generation hat ein unverkrampfteres Verhältnis zum Feminismus. Joan Semmel, Anita Steckel, Betty Tompkins und Cosey Fanni Tutti standen für das gegenwärtige Paradigma: eine libertäre, direkte und sexuell fortschrittliche Ausprägung, die in den 70ern entstand. Deshalb wurden sie damals für ihre Haltung an den Rand der Bewegung gedrängt. Diese Frauen waren nicht passiv, sie suchten die Auseinandersetzung. Sie haben aktiv für Debatten gesorgt, anstatt auf Reaktionen zu warten. Das hat auch damit zu tun, dass dieser Strang feministischer Kunst nicht sichtbar war. Betty Tompkins Kunstwerke waren bis 2002 nur in ihrer Wohnung zu sehen. Erst durch ihre Wiederentdeckung durch den Galeristen Mitchell Agus wurden sie überhaupt der Öffentlichkeit gezeigt.

Wie sichtbar waren sie?
Anita sehr wenig. Sie war damals zwar bekannt, aber sie starb unbekannt. Betty war Lehrerin und arbeitete isoliert. Joan hatte zwar so etwas wie eine Karriere, aber das Interesse an ihren Arbeiten kam auch erst in den letzten 10 bis 15 Jahren auf. Und Cosey lebte ein Doppelleben, weil sie auch Musikerin war und da eine Kultfigur. Ich habe in der Tate Modern eine Gruppenausstellung kuratiert und wir mussten richtig darauf bestehen, dass sie Teil davon ist.

Anita Steckel, New York Landscape 5 (c. 1970-1980)

Wie empfinden Joan, Betty und Cosey das neu entdeckte Interesse an ihren Arbeiten?
Ich glaube, dass es Betty gefällt, lieber spät als nie Anerkennung zu bekommen. In New York ist zu einer Kultfigur geworden. Junge Künstlerinnen verehren sie. Sie ist cool. Nate Lowman hat in seiner Galerie eine Ausstellung über ihre Arbeiten organisiert.

Diese Gruppe von Frauen ist so wichtig, weil heutzutage so viel Kunstwerke entstehen, die sich bei ihrer Ästhetik und konzeptionellen Ideen bedienen. Jede hat Vorgängerinnen und jede braucht Heldinnen. Deshalb ist es wichtig, dass wir ihren Respekt erweisen und sie feiern, egal wie spät es auch jetzt geschieht.

Betty Tompkins, Fuck Paintings #2 (1970)

Credits


Text: Alice Newell-Hanson

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