jill furmanovsky hat von the clash bis iggy pop alle punkgrößen fotografiert

Wir haben mit Jill Furmanovsky von Rockarchive über die wilden 1970er gesprochen, und wieso sie nie die Sex Pistols fotografiert hat.

von Tish Weinstock
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29 Februar 2016, 12:55pm

Jill Furmanovsky kam Ende 1976 zum Punk, als sie die Macher des berühmten Punkzines Sniffin Glue bei einem Konzert von Generation X traf. Inspiriert durch die Bands, die sie sah, sowie deren Anti-Establishment „Fuck you"-Haltung und Ablehnung der Mainstream-Musikindustrie, fing Jill an, das festzuhalten, was um sie herum geschah. Von gewalttätigen Pogoen über Spucken, Schreien und das Verschütten von Bier, war die Stimmung elektrisierend.

Im Laufe der nächsten Jahre war Jill überall in London unterwegs und fotografierte das Nachtleben in Clubs wie dem Roxy, 100 Club, Dingwall und Electric Ballroom. 1998 gründete sie Rockarchive, eine Website, auf der sie die Geschichte der britischen Rock 'n' Roll-Szene dokumentiert und seitdem zusammen mit über 60 weiteren Fotografen und Artdirektoren immer weiterausgebaut hat. Mittlerweile füllen ihre Aufnahmen ganze Ausstellungen. Wir haben die Fotografin getroffen und mit ihr über die Anfänge des Punk in London gesprochen. 

Wolltest du immer Fotografin werden?
Ja, schon irgendwie. Mein Vater war ein sehr guter Amateurfotograf und wir hatten zu Hause eine Dunkelkammer. Ihm beim Drucken zu sehen, gehört zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen.

Wieso interessierst du dich so sehr dafür, deine Umgebung zu fotografieren?
Die Unermesslichkeit dessen, was uns umgibt, inspiriert mich ständig. Die kleinen Details und das größere Bild. Ich kann einfach nicht anders!

Wie bist du zum Punk gekommen?
Ende 1976 hatte ich Mark P und Harry Murlowski von Sniffin Glue an der Uni in London auf einem Konzert von Generation X getroffen. Als ich neulich einen Blick in mein Archiv warf, fiel mir wieder ein, dass ich auch im Roundhouse im Juli 1976 auf einem Konzert von den Ramones war. Ich war aber nicht wegen denen da, sondern weil ich einen Auftrag hatte, Fotos von den Flamin' Groovies zu schießen, die die Headliner waren.

Welches Gefühl möchtest du mit deinen Fotografien einfangen?
Es war eine spannende Zeit. Da gab es diese sehr jungen Leute, die es ablehnten, brav und sauber zu spielen, und die lieber schlecht spielten, dafür aber mit einer Haltung. Außerdem sahen sie auch noch gut aus!

 

Die Punkszene lebt von ihrer Musik. Wie kannst du das in Fotografien, die ultimativ still sind, einfangen?
Diese Fragen beschäftigt mich bis heute und treibt mich auch immer noch an.

Wie kann man sich die Atmosphäre damals vorstellen?
Ein bisschen furchteinflößend und manchmal auch eklig, aber immer voller Energie. Es wurde viel herumgesprungen, viel gespuckt und viel Bier verschüttet. Mehrmals habe ich auf Konzerten einen Regenmantel aus Plastik getragen, um meine Haare und meine Kameras zu schützen. Ich habe mich an Mark P gehalten, der sagte, dass man,um eine Band zu gründen, drei Akkorde braucht. Ich habe es dann so abgewandelt: Um Fotograf zu sein, reichen zwei Wochen Training!

Wo bist du hingegangen, um zu fotografieren?
In London bin ich ins Roxy, in den Vortex, 100 Club, Dingwalls, Electric Ballroom, Marquee Club und in Pubs wie Nashville, Hope und Anchor gegangen. Ich habe nie die Sex Pistols fotografiert, weil sie ja fast überall Hausverbot hatten und kaum Konzerte gegeben haben. Aber die meisten anderen habe ich fotografiert: The Clash, The Jam, The Buzzcocks, Siouxsie & The Banshees, Sham 69, the Models, The Cortinas, The Damned, Blondie, Wayne County, Iggy Pop und natürlich die Ramones.

Warst du richtig Teil der Szene oder eher Beobachterin?
Ich war immer nur Beobachterin.

Erzähle uns mehr über das Rockarchive.
Das kam nach meiner Oasis - Was There Then-Ausstellung im Roundhouse 1997. Das war eine wichtige Ausstellung an einem bekannten Ort. Es war herausfordend, mit Material von nur einer Band ein Haus zu bespielen. Ich war und bin immer noch der Meinung, dass sie das Roundhouse in ein lebendiges Rock 'n' Roll-Museum hätten verwandeln sollen. Mit Livemusik von neuen Künstlern in Teilen des Gebäudes, aber letztlich dem Ziel verpflichtet, einen Ort zu haben, in dem die Geschichte von Rock 'n' Roll in Großbritannien präsentiert wird. Das gibt es bisher noch nicht. Rockarchive ist dann 1998 als Versuch entstanden, die beeindruckende visuelle Geschichte von Rock 'n' Roll zu zeigen—nicht nur durch meine Arbeiten, sondern auch die Arbeiten anderer Fotografen. Mittlerweile arbeiten mehr als 60 Fotografen und Artdirektoren mit an Rockarchive, es gehört eigentlich in öffentliche Hand.

Können Subkulturen heutzutage überhaupt noch existieren?
Es stimmt, dass alles, was auch nur annährend authentisch ist, sofort von den Medien verschlungen und kommerzialisiert wird. Mark P von Sniffin Glue war geschockt, als The Clash bei CBS—ein Majorlabel—unterschrieben haben und ich kann verstehen, wieso er das war. Aber wir müssen alle auch existieren und sind auch nur Menschen und unterliegen unserem Ego und unserer Gier. Es ist eine Frage von Visionen und der Motivation. Letztlich ist das Internet auch nur ein Werkzeug wie ein Stift oder eine Gitarre. Während er Punkära gab es kein MTV und keine Handys. Dabei zu sein, hieß wirklich vor Ort zu sein, was es intensiver machte. Es braucht schon einen Visionär, der ans Ganze denkt, anstatt in kleinen Schritten. Nenn es wie du willst, wir leben im Jetzt und nicht in der Vergangenheit. One Love! 

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Credits


Text: Tish Weinstock
Fotos: © Jill Furmanovsky und rockarchive.com

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