pedro almodóvar spricht über schlechten geschmack, trauer und wie viel barock in ihm steckt

Und erklärt, welche seiner Filme du dir anschauen solltest, um etwas zu lernen.

von Colin Crummy
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02 September 2016, 11:10am

Für Pedro Almodóvar sind seine Filme wie seine Babys. Für ihn sind Pressetermine wie die unvermeidliche Kinderbetreuung. „Ich muss mich um mein Baby kümmern", sagt er uns über seine Promo-Verpflichtungen zu seinem neuesten Film Julieta. Sein mittlerweile 20. Film in seiner über vier Jahrzehnten umspannenden Karriere.

Der mittlerweile 66-jährige Filmemacher war in den 80ern das Enfant terrible des spanischen Kinos, der mit seinen witzigen, extravaganten und melodramatischen Filmen dem angestaubten und grauen Genre Arthouse ein neues Image verpasst hat. Heute gilt er als Gallionsfigur der Movida madrilena—die Untergrundszene, die sich nach dem Ende der 40-jährigen faschistischen Franco-Diktatur entwickelt hat. Das Thema Freiheit wurde zu Almodóvars Markenzeichen. Ins Zentrum seiner Filme stellt er die Marginalisierten, wie Transgender, die Drogendealer. Er bedient sich bei den Klischees und Erzählstrukturen der Telenovela und Klatschmagazinen spanischer Hausfrauen. Seine Hauptfiguren sind meistens Frauen wie Carmen Maura, Rossy De Palma und später Penelope Cruz, die durch seine Filme zu Ikonen wurden. Seine frühen Filme waren wild: Nonnen auf Acid in Das Kloster zum heiligen Wahnsinn, ein sympathischer Psychopath in Fessle mich! und die Trans-Geschichte der Schwester, die eine Affäre mit ihrem Vater in Das Gesetz der Begierde hat.

Genauso wie Almodóvar erwachsen wurde, wurden auch seine eigenen Filme erwachsener. Nach seinen Meisterwerken Alles über meine Mutter, Sprich mit ihr und Schlechte Erziehung, der Film mit den meisten autobiografischen Bezügen, folgten sein internationaler Durchbruch, Oscar-Nominierungen und Angebote aus Hollywood. Zwar ist er Rufen Hollywoods nie gefolgt, aber die Versuchung ist doch nach wie vor da. Sein neuester Film Julieta sollte eigentlich sein erster Film in Englisch werden, aber wurde dann doch in seinem geliebten Madrid gedreht. Mit Julieta stellt er auch wieder Frauen in den Mittelpunkt der Geschichte und schlägt relativ spät in seiner Karriere einen neuen Ton an. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die von ihrer Tochter ohne Vorwarnung verlassen wird. In dem Film geht es um Trauer und Verlust. Es ist keine Komödie, es gibt keine spontanen Gesangseinlagen und keine Extravaganz. Sogar Rossy de Palma, eine von Almodóvars Musen, spielt ihre Rolle nüchtern. 

War es schwierig, einen leiseren Ton anzuschlagen?
Ich bin ein Barockmensch. Ich liebe Melodrama, aber ich hatte das Gefühl, dass ich bei diesem Film einen leiseren und zurückhaltenderen Ton anschlagen muss. Das war eine neue Möglichkeit für mich, die ich gerne genutzt und angenommen habe. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis: es gibt keine Gesangseinlagen im Film, nichts von der typischen Opulenz.

Die Zurückhaltung wird auf mehrere Arten im Film sichtbar. Für einen Film über Trauer wird in Julieta wenig geweint.
Der Film ist sehr nah dran am Schmerz, aber ich wollte nicht, dass man die Figuren beim Weinen sieht. Ich wollte, dass der Schmerz bei ihnen im Gesicht zu sehen ist. Sie weinen in den Szenen, die der Zuschauer nicht sieht. Wenn wir die ältere Julieta sehen, dann sieht man den Schmerz in ihrem Gesicht. Sie lebt mit diesem Schmerz, es gibt kein Geweine und kein Gewimmer. Als wir die Szene mit der jungen Julieta gedreht haben, die einen Körper identifiziert, habe ich der Schauspielerin Adriana Ugarte gesagt: Wenn du weinen musst, dann weine, aber versuche, das zu unterdrücken, weil dieser innere Kampf sehr kinotauglich ist. Die Kamera mag das nicht: [Almodóvar verzieht das Gesicht und deutet ein weinendes Gesicht an.]. Das ist hässlich.

Es gibt eine lange Sexszene in einem Zug, die in den 80ern spielt. Du hast vor geraumer Zeit darüber gesprochen, dass junge Frauen heutzutage solch eine Befreiung nicht mehr empfinden könnten. Kannst du das genauer ausführen?
Die Mentalität ist heutzutage ganz anders. Eine junge Frau, die einen Mann im Zug kennenlernt und mit ihm dann gleich Sex hat, würde heute als Schlampe gelten, eine Abenteurerin im schlechten Sinn. Aber in den 80ern war das Teil vom Frausein, es war Teil der Befreiung und der Freiheit in dem Jahrzehnt. Man darf nicht vergessen, dass es in Spanien in den 80ern um die neue Demokratie nach 40 Jahren Diktatur ging. Nach 40 Jahren hatten Männer und Frauen dieses große Bedürfnis nach Freiheit. Für Julieta liegt die Freiheit in den Freuden des Körpers: Sie hat das Haar (wasserstoffblond, stachlige Frisur, nicht unähnlich zu der von Almodóvar) und sie trägt das Outfit. Aber sie auch Lehrerin. Ich habe solche Frauen in den 80ern gekannt. Der Kontext des Films ist sehr 80er und Madrid. Heutzutage wäre der Charakter sehr anders aussehen. Sie hätte ein bürgerlicheres Leben. Sie würde ihre Freiheit auf andere Art und Weise ausdrücken. Aber wir leben jetzt in einer anderen Zeit.

Frühere Versuche, dein Werk einzuordnen, nannten es: „das Gegenteil von zurückhaltendem guten Geschmack". Julieta hat wahnsinnig guten Geschmack.
Als Das Kloster zum heiligen Wahnsinn in die Kinos kam, wurde der Film als „oft geschmacklos aber nie langweilig" beschrieben. Und ich habe das geliebt.

Was hätte der junge Almodóvar aus so viel gutem Geschmack gemacht?
Damals habe ich meinen Geschmack auch als guten Geschmack empfunden. Ich komme aus dem Underground Ende der 70er und diese Trash-Kultur hat mich und meine Arbeiten geprägt. Das ist die Kultur, die ich in meiner Jugend aufgesogen habe. Aber Ingrid Bergman hat mich auch inspiriert. Auf der einen Seite gibt es John Waters und Andy Warhol und auf der anderen Seite [Michelangelo] Antonioni und Bergman. Es sind sehr unterschiedliche Filme, aber sie bilden eine Art Gleichgewicht. Die 80er-Ästhetik scheint uns heutzutage sehr aggressiv, aber ich komme eben aus dieser Zeit. Meine ersten Filme sind sehr Underground. Sie waren organisiertes Chaos. Ich habe mich aber weiterentwickelt und heute sind meine Filme braver und ruhiger. Ich mag die beiden Extreme.

Mit welchem Film sollen junge Leute anfangen, die sich mit dir näher beschäftigen wollen?
Fangt mit Das Gesetz der Begierde an. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Film. Das war der erste Film, bei dem ich selbst und mein Bruder [Augstin] als Produzenten fungiert haben. Es geht um körperliche Begierde. Das Thema findet sich in vielen meiner Filme wieder. Das ist sehr wichtig im Leben und wichtig für junge Leute, die mit ihren eigenen Wünschen und Trieben konfrontiert sind und damit zurechtkommen müssen.

Julieta kannst du dir jetzt im Kino anschauen.

Credits


Text: Colin Crummy

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