wie du dein eigenes zine startest … von ione gamble

Du willst so richtig in der Fashionwelt durchstarten, bist dir aber nicht sicher, welcher Weg der richtige ist? Wir haben ein paar Leute aus der i-D Familie gefragt— von Designern über Stylisten bis hin zu Autoren. Sie verraten dir, wie sie ihre...

von i-D Staff
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21 September 2016, 8:20am

Ione Gamble ist die Chefredakteurin von Polyester. Ein Zine, das das Trashige und das Kitschige feiert und aus einer Frustration gegenüber der medialen Darstellung von Feminismus heraus geborgen. Polyester verbindet Gesellschaftspolitik mit Mode und der Suche nach der persönlichen Identität. Momentan arbeitet die freiberufliche Autorin an der sechsten Ausgabe. Für uns hat sie sich Zeit genommen und mit uns darüber gesprochen, wie man es in die Branche schafft.

Polyester Issue Five

Was ich tue und warum ich das tue
Ich gebe das Zine Polyester heraus und fungiere auch als Chefredakteurin. Ich habe Polyester während meiner Unizeit gegründet. Ich war frustriert davon, wie die Medien die vierte Welle des Feminismus dargestellt wird und diese immer größer werdende Tendenz zum Minimalismus. Ich war von den progressiven und wunderschönen Arbeiten von einer Gruppe junger Frauen und queerer Leute regelrecht besessen. Sie hatten aber keine richtige Plattform, um diese Arbeiten anderen zu zeigen. Ich habe schon relativ früh gewusst, in welchem Bereich ich später arbeiten will, aber ich wusste nicht, welcher Beruf das genau werden würde. Ich habe wie eine Wahnsinnige alle Magazine gesammelt, die ich zwischen meine Finger bekommen konnte. Ich habe alle Videokassetten geschaut, die ich gebraucht kaufen konnte und habe mich durch Tumblr geklickt. Nachdem ich kurz Fotografie studiert habe, habe ich mich für Journalismus entschieden.

Ich glaube nicht, dass es eine spezielle Person oder Sache gibt, die mich dazu gebracht hat, das zu tun, was ich gerade tue. Die Frauen, mit denen ich aufgewachsen bin, haben schon immer die Dinge auf ihre eigene Art und Weise gemacht. Es gab da Leute, die fotografiert, geschrieben oder Zines produziert haben, und viel jünger waren als ich. Also hatte ich keinen Grund, es nicht zu tun. Es war echt schön, als wir die erste Ausgabe verkauft haben und ich sehen konnte, wie viel Freude sie manchen bereitet hat. Ich habe vor mich hingearbeitet und wusste nicht, ob es andere ansprechen würde oder wie es allgemein aufgenommen wird.

Ein Tag in meinem Leben
Besteht hauptsächlich aus E-Mails. Ich muss meine Freelancer-Tätigkeiten unter einen Hut bekommen und daneben arbeite ich bereits an der nächsten Ausgabe von Polyester. Dazu gehört auch der einfache Orgakram wie das Verschicken der Magazine, die ich in dieser Woche verkauft habe. Ich freue mich immer auf den Teil der Heftproduktion, in dem wir shooten oder ich Interviews führe. Eine Aufgabe, vor der ich mich immer versuche zu drücken, ist der Berg an unbeantworteten E-Mails. Der beste Part an meinem Job ist, wenn die Leute zu den Launchpartys oder Zine-Messen kommen oder einfach nur ein Foto vom Zine auf Instagram posten. Es ist einfach schön zu sehen, wenn sich jemand mit dem Zine identifiziert. Das größte Missverständnis über meinen Job ist, dass ich damit viel Geld verdiene. Ich verdiene mit Polyester nicht meinen Lebensunterhalt. Es gibt keine Werbung und wir haben keine Sponsoren. Das Geld, das wir einnehmen, geht in die Produktion der nächsten Ausgabe und wir bezahlen damit die Ausgaben der Leute, die am Heft mitwirken.

Polyester Issue Five

Der Moment, der mich zu der gemacht hat, die ich bin
Das ist eine schwierige Frage, weil ich zwischen meinem Job und meiner Tätigkeit für Polyester unterscheide, auch wenn natürlich manche Aspekte miteinander zu tun haben. Was meine Tätigkeit als freiberufliche Journalistin angeht: Ashleigh Kane [Arts & Culture Editor bei Dazed] war die erste, für die ich geschrieben habe. Sie unterstützt mich so sehr. Die entscheidenden Momente für Polyester waren das Meadham-Kirchhoff-Feature in der zweiten Ausgabe und dass wir Tavi Gevinson als Covergirl unserer vierten Ausgabe verpflichten konnten. Beide Features waren deshalb so unglaublich wichtig, weil sie den Ton des Zines gesetzt haben und mir die Gelegenheit gegeben haben, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ich persönlich bewundere. Die erste Geburtstagsparty von Polyester war echt cool. Hunderte Leute haben über Feminismus, Gender und Gesellschaftspolitik diskutiert, gleichzeitig waren sich die Leute auch nicht zu schade, um an lustigen und teilweise lächerlichen Workshops teilzunehmen. Sie haben sich aus Pfeifenreinigern Krönchen gebastelt und haben mit Maisie Cousins an einem Live-Photoshoot teilgenommen. An dem Abend ist das Gefühl einer echten Polyester-Community aufgekommen. Das war herrlich. 

Studieren oder nicht?
Ich habe studiert und einen Abschluss in Modejournalismus. Ich glaube aber nicht, dass es absolut notwendig ist, studiert zu haben, um eine erfolgreiche Journalistin zu sein. Die Stipendien und Studienkrediten haben es auch Arbeiterkinder ermöglicht, den Weg einzuschlagen, wie ich eben auch. Leider haben die Tories sie wieder abgeschafft. Denn wir konnten es uns eben nicht leisten, ein unbezahltes Praktikum nach dem nächsten zu absolvieren, weil Mama und Papa ja eh genug Geld haben. Ich finde, dass es oft wichtiger ist, Arbeitserfahrung zu sammeln, anstatt zu studieren. Damit meine ich nicht nur traditionelle Praktika im Rahmen des Studiums. Während der Uni habe ich für kleinere Publikationen und andere Zines geschrieben, bevor ich mein eigenes Zine gegründet habe. Ich habe dadurch gelernt, mit Redakteuren zu arbeiten und Ideenvorschläge zu liefern, war nicht so krass darauf angewiesen, umsonst die ganze Zeit für andere zu arbeiten, und hatte bereits Kontakte geknüpft, um nach meinem Uniabschluss Aufträge zu bekommen. Habe keine Angst davor, Dingen hinterherzulaufen. Die Leute haben viel zu tun und sind vergesslich. Doch damit meine ich nicht, dass du jedem fünf E-Mails am Tag schreiben sollst. Bewirb dich bei Organisationen, die dich wirklich interessieren und liefere Gründe, warum du dort arbeiten willst und warum du denkst, dass du dort gut reinpasst. Doch das Wichtigste: Nimm dir Absagen nicht zu persönlich. Irgendwas wird schon klappen! Die wichtigste Lektion, die ich in all den Jahren gelernt habe, ist durchzuhalten. Tritt für deine Rechte ein, wenn du denkst, dass du bezahlt werden solltest und lasse dich durch niemanden oder irgendwas aufhalten.

Polyester Issue Five

Was ich mir damals gewünscht hätte, das ich heute weiß
Dass sich harte Arbeit letzten Endes lohnt. So viele Leute sagen immer, wie hart es ist, einen Fuß in die Mode- oder Medienbranche zu bekommen. Wenn du wirklich motiviert bist, ist alles möglich. Aber du musst dir vorher klarmachen, worauf du dich einlässt. Ein eigenes Zine bedeutet sehr viel Arbeit, aber wenn es dann erstmal geschafft ist, ist der Lohn um so größer. Es hilft, wenn du mit Freunden und Kreativen zu tun hast und ihr zusammen an Projekten arbeitet, einfach weil es Spaß macht, aber auch in einem professionellen Kontext. Schreibe für andere Publikationen, bevor du dich selbst an deinem eigenen Zine versuchst.

Ich freue mich auf morgen, weil …
Ich stehe gerade noch ganz am Anfang der sechsten Ausgabe von Polyester. Wir schauen uns auch gerade an, ob wir unseren Onlineauftritt anders gestalten und ob wir bis zum Launch mehr Events organisieren sollten. Worauf ich mich immer bei jeder Ausgabe am meisten freue, ist die Chance, mit inspirierenden Leuten zusammenzuarbeiten oder Leute zu interviewen, die ich schon sehr lange bewundere. Das ist doch das Tolle an dem Job im Kreativbereich: Dass wir gemeinsam an Dingen arbeiten und allmählich zu sehen, wie die Bilder und die Texte von Leuten aus der ganzen Welt in einer Printpublikation zusammenfinden. Mich inspirieren meine Kollegen und kreative Frauen. Und die Visual Artists und Aktivisten, die für die Sachen kämpfen, an die sie glauben. Durch die Sprachkünstlerin Liv Wynter habe ich meinen eigenen Schreibstil noch mal neu überdacht. Für unsere aktuelle Ausgabe hat sie ein brillantes Profil über die Performance Artist Liv Fontaine geschrieben. Meine Freundin Maria Cabrerea, die bei Reel Good Film Club aushilft und Grace Miceli von Art Baby Gallery arbeiten so hart an ihren individuellen Projekten und inspirieren mich täglich.

polyesterzine.com

Bisher sind der Reihe erschienen:

Credits


Fotos: Polyester

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