die kontroverse geschichte von gesichtstattoos in der modewelt

Wird der neue Tinten-Trend bald wieder verblassen oder werden die Motive für immer auf der Haut bleiben?

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Okt. 12 2016, 1:50pm

Gucci spring/summer 17. Photography Mitchell Sams.

Als Gucci Mane vor Kurzem die Fashion-Show des fast gleichnamigen Modelabels analysierte, machte er keinen Hehl aus seiner Begeisterung für den Hosenanzugs eines Models. Als dann ein weiteres Model, das einen ähnlichen Look wie der Rapper trug—nämlich eine auffälliges Gesichtstattoo—, zu sehen war, interessierte sich Gucci wieder mehr für den Schnitt der Hose als für die unechte Tinte im Gesicht des jungen Manns. Alessandro Michele hatte dem lettischen Model Lorens Zeilen aus William Blakes Songs of Innocence and Experience auf das Gesicht und den Hals gemalt.

Zwar meinte Gucci Mane, dass er so ein Model noch nie gesehen hätte, aber für den Mann mit dem besten/schlechtesten Gesichtstattoo überhaupt wirkt eine solche Aussage doch überraschend zurückhaltend. Von einem Rapper mit drei Kugeln Eis auf der Wange erwartet man eigentlich, dass er sich zu solchen Fashion-Experimenten ausgiebiger äußert.

Andererseits sind Gesichtstattoos in der Modewelt nichts Neues (siehe John Gallianos Givenchy-Show aus dem Jahr 1996). Über ihre Bedeutung wird trotzdem nicht viel gesprochen. Aber warum verwendet man subkulturelle Zeichen, die häufig aus unterdrückten Teilen der Gesellschaft stammen, überhaupt so oft als Accessoire zu schweineteuren Outfits?

Gesichtstattoos sind stark in der Gefängnis- und Gang-Kultur verwurzelt und haben in diesen Bereichen eigene, oftmals komplizierte Bedeutungen. Im Kalifornien der 80er Jahre begannen Gang-Mitglieder zum Beispiel damit, mithilfe solchen Tattoos ihre Loyalität zu zeigen und den Feinden Furcht einzuflößen. Sich Gang-Zeichen auf offensichtlichsten Teil des Körpers zu tätowieren, gilt also schon länger sowohl als permanente Verpflichtung als auch als unverkennbare Drohung.

Laut der Kultur-Anthropologin Margo DeMello werden Gesichtstattoos in der westlichen Welt schon seit Tausenden Jahren „mit abtrünnigem Verhalten assoziiert". Diese Sichtweise stammt noch aus dem alten Rom und Griechenland, wo man verurteilten Verbrechern ein Zeichen ihrer Taten ins Gesicht brannte. Und obwohl Gesichtstattoos seit mehreren Jahren dank Befürworter alternativer Schönheit wie etwas Grace Neutral auch immer mehr im Mainstream ankommen, haftet ihnen DeMello zufolge „in der nicht tätowierten Welt weiterhin ein extremes Stigma an".

Genau diese vermeintliche Gefahr macht Gesichtstattoos für Fashion-Designer so interessant und immer mehr Motive mit Bezug zu Gang- und Gefängnistätowierungen tauchen auf den Laufstegen dieser Welt auf. Bei Chanels 2013er Fashion-Show trugen die Models zum Beispiel das Doppel-C-Logo am Augenrand—eine Platzierung, die an die Tränentattoos erinnerte, mit denen Gang-Mitglieder (und manchmal auch Rapper) an ihre Zeit im Gefängnis, an ihre verstorbenen Freunde oder an ihre Morde erinnern.

Die auffälligen Buchstaben bei Gucci sind währenddessen eher eine Nachahmung der Gesichtstattoos von Gangs wie etwa MS-13 oder Mara-18—vor allem das mittelalterlich anmutende LM auf der Stirn des Models erinnert (egal ob nun bewusst oder nicht) an die typischen Designs von Gesichtstattoos mit Gang-Hintergrund.

In beiden Fällen hat sich ein Fashion-Designer an einem Motiv bedient, das nicht aus dem Mainstream stammt, und es in einer Welt des extremen Luxus neu kontextualisiert. In seinem Review der Chanel-Show wies Tim Blanks auf den Kontrast zwischen der Frivolität des 18. Jahrhunderts (die Veranstaltung fand im Schloss Versailles statt) und einer HipHop-Kante. Außerdem zitiert er den Sound-Designer Michel Gaubert, der den Soundtrack der Show als „Ghetto royale" bezeichnete.

Zwar inspiriert auch High Fashion zu Gesichtstattoos, aber sich ein Gucci-Logo unter die Gesichtshaut tätowieren zu lassen, kommt weniger ethisch suspekt rüber wie eine Anspielung auf viel gescholtene Subkulturen während einer hochklassigen und kommerziellen Fashion-Show.

Es geht aber auch anders. Shanye Oliver hat für seine Hood-By-Air-Shows zum Beispiel oft Models mit echten Gesichtstattoos gecastet. Sunny und Chucky, die in Olivers Sprung/Summer 16 Show gelaufen sind, haben beide diverse Wörter und Symbole im Gesicht. Aber genau das fügte sich perfekt in Olivers vielfältige Welt ein und passte auch zum rebellischen Unterton der Veranstaltung. Der Casting-Director Walter Pierce meinte gegenüber Black Book, dass die HBA-Mitarbeiter Leilah Weinraub und Ian Isiah die Models in Los Angeles kennenlernten und dann direkt für die Show engagierten, weil sich ihr Look einfach nicht nachmachen ließ. Oliver bedient sich für seinen Laufsteg also nicht an Subkulturen, er repräsentiert sie.

„Wenn man sie richtig macht, können sie cool sein", sagte Justin Bieber Anfang 2016 in Bezug auf Gesichtstattoos. Im Mai hatte er dann selber eins, nämlich ein kleines Kreuz unter seinem rechten Auge. Und während man sich noch darüber streitet, ob Justins Tätowierung jetzt richtig gemacht wurde, steckt in seiner Aussage doch ein Fünkchen Wahrheit. Wenn eine Marke jedoch die Motive und Traditionen von Außenseiter-Kulturen nachmacht, dann fühlt sich das oft falsch und oberflächlich an.

Credits


Text: Alice Newell-Hanson