35 Wahrheiten über das Arbeiten in der Modeindustrie

Zerbrochene Freundschaften wegen verlorener Samples, sich wichtiger fühlen, als man tatsächlich ist, weil man Mietwagen auf Firmenkosten nutzen kann, und zu erfahren, dass der Teufel tatsächlich Prada trägt.

von Bertie Brandes; Fotos von Piczo
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25 Juni 2015, 12:25pm

1. Es kann tatsächlich Spaß machen.
Schockierend, nicht wahr? Klar kann dir der Teufel in Prada begegnen, aber die meisten tragen Jeans und ein T-Shirt und wollen aus dir keinen fransen- und perlentragenden persönlichen Sklaven machen.

2. Nicht alle sind schrecklich
...und die schrecklichen Leute haben keine echten Freunde und werden wahrscheinlich alleine in ihrer überteuerten Boutique-Kleidung sterben.

3. Ein paar der kostenlosen Sachen, die man bekommt, sind tatsächlich ziemlich brauchbar. Sicher, der prätentiöse, große Müll ist die ganzen Kommentare in der S-Bahn auf dem Weg nach Hause nicht wert, aber Gesichtscremes, Bücher und Kerzen versüßen den Tag und sind nicht so unbrauchbar. Versprich aber nie, dass du darüber einen Artikel schreiben wirst, denn bevor du dich versiehst, wirst du deinem Chef einen Artikel über mintgrüne, gelartige Hybride aus Handtaschen und Flipflops vorschlagen, nachdem dir die PR-Agentur 24 E-Mails mit stetig steigendem Hasslevel geschickt hat.


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4. Das bringt mich zu den unzähligen E-Mail-Adressen, die du brauchen wirst
...und die du wie ein Familienmitglied lieben wirst. Leute, die in der Modeindustrie arbeiten, sammeln E-Mail-Adressen wie andere Leute Pokémon-Karten. Warum? Weil du niemals die Macht von einer gut platzierten Signatur und einem Logo unterschätzen solltest, auch wenn du noch keine sechs Jahre dort gearbeitet hast. Ein Chef, der deine E-Mail-Adresse löscht, gehört zu den brutalsten Formen der Ablehnung in der Modewelt.

5. Du findest ziemlich schnell heraus, mit wem du dich gut verstehst.
Einige Redakteure hören sich deinen Scheiß nicht an, andere werden es. Genauso werden einige deine experimentelle, verzerrte Herangehensweise an ein Full-Look-Editorial, bei dem man keine Kleidung sieht, toll finden und einige (die meisten) werden dich sofort stoppen, weil die Werbekunden sonst abspringen und die Ausgabe floppen würde. Finde heraus, mit wem du am besten zusammenarbeiten kannst und stress dich nicht immer damit, für Publikationen zu fotografieren oder zu schreiben, zu denen du nicht passt.

6. Vitamin B, Vitamin B, Vitamin B.
Leute werden immer zuerst ihren Freunden Jobs verschaffen. Wenn du eine Redakteurin findest, mit der du dich verstehst, liegt es wahrscheinlich daran, dass ihr euch ähnlich seid und deshalb ist es nicht lame oder unterwürfig, wenn ihr auch privat Freunde werdet. Der Bonus davon ist, dass du in der Liste nach oben rutscht, wenn es um Jobs mit Bezahlung geht. Was aber noch wichtiger ist: du hast eine neue Freundin!

7. Du lernst, dir bedingungslos zu vertrauen.
Wenn du diese Jobs mit Bezahlung hast, dann liegt es an dir, wie weit du gehst. Letztlich läuft in der Mode alles auf diese fürchterlichen Advertorials hinaus, wenn du tatsächlich Geld verdienen willst, also finde für dich Grenze, die du moralisch und künstlerisch nicht überschreiten willst und dann überschreite sie so viele Male, dass du nicht mehr mitzählen kannst. Das ist OK, richtig?

8. Mentor.
Es ist gar nicht so schwierig, einen guten Mentor zu finden. Zwar ist der Begriff "unbezahlter Praktikant" jetzt nicht mehr en vogue, aber erfolgreiche Leute brauchen trotzdem noch Sklaven, die ihre Briefe und ihre E-Mails umsonst sortieren. Einen guten, fairen Mentor zu haben, kann ein absolutes Geschenk Gottes sein, halte den guten Draht und sie werden dir den Rücken freihalten, auch wenn dich jeder andere meidet, weil du auf ShowStudio schlecht über eine Margiela-Kollektion geredet hast.

9. Partys.
Dein Mentor nimmt dich vielleicht auch mit auf Partys, die dich gleich auf den Geschmack bringen werden, weil es kostenlosen Wodka und eine Fülle von hübschen Menschen, bei denen die Wahrscheinlichkeit unglaublich hoch ist, dass du mit denen in einer Toilettenkabine rummachen kannst, gibt.

10. An einem guten Tag bist du die beste Stylistin der Welt.
Das Tolle an Mode ist, dass man nicht entscheiden kann, was gut oder schlecht ist. Glaube daran, dass du toll bist und dann wirst du das auch sein. Das ist das ganze Geheimnis.

11. Glaube daran, dass ein Bild die Welt verändern kann.
Glaube daran, dass du großartig bist, aber sei nicht selbstgefällig. Mache gute Sachen, sei kreativ und bedacht, andernfalls wirst du zu einem Roboter, der wahllos E-Mails schreibt, die sich dann so lesen: "Hi, wie geht's dir, Schätzchen?".

12. Technische Beschreibungen zählen als Arbeit.
Deine neuen Lieblingswörter: "fantastisch" und "strukturiert".

13. Der Konkurrenzkampf ist extrem hart.
Stell dich darauf an, Freunde wegen verloren gegangener Samples zu verlieren und nehme es Leuten übel, wenn sie dir 6 Euro für eine Taxifahrt abknöpfen, aber keinen Beleg schicken. Es hilft, wenn in dir ein Soziopath steckt, dann macht dir das alles nicht so viel aus. Nicht besonders überraschend ist der Fakt, dass es von denen viele in der Modebranche gibt.

14. Geschmack ist unendlich wertvoller als die teuerste Mode.
Das sollte nicht mal mehr erwähnt, oder?

15. Taxis sind glamourös. Lass dir von keinem etwas Anderes sagen!
Egal wie oft du auf dem Rücksitz von einem Taxi darüber geheult hast, wie spät und wie anstrengend das alles ist, du wirst dich nie nicht insgeheim fabelhaft und wie ein VIP fühlen.

16. Computer-Skills sind das A und O.
Die Realität besteht aus Tabellen, vielen Taschentüchern und sehr vielen E-Mails. Wenn du kein gutes WLAN zu Hause hast, zieh um.

17. Du musst keine Designersachen tragen, um die am besten angezogene Person im Raum zu sein.
Auch wieder selbstredend, kann man aber manchmal vergessen, wenn alle anderen im Raum Acne-Overalls und Raf Simons-Jacken tragen.

18. Fashionshows sind einfach nur stressig und wohl überflüssig.
Falls du doch gehen solltest, nimm einen Notizblock, eine Flasche Wasser und dein unerschütterliches Selbstvertrauen mit. Setz dich hin und konzentriere dich!

19. Die meisten Personen können tatsächlich nichts
...was hilft, wenn du tatsächlich etwas kannst. Wenn nicht, auch kein Problem.

20. Modeleute essen die ganze Zeit. Alles, was sie (gratis) kriegen können.

21. Es sind die Frauenzeitschriften, die dir makrobiotische Diät am Montag und Fasten-Freitag empfehlen.
Vermeide sie.

22. Marken haben Budgets dafür, Leute wie dich zu Brunch-Meetings einzuladen.

23. Bestelle alles. Jedes Mal.
Wenn nicht mindestens vier verschiedene, kaltgepresste Säfte vor dir stehen, machst du irgendwas falsch.

24. Stell dich drauf ein wegen einer verspäteten Hutlieferung an ein Londoner Büro im Zentrum zu heulen.
Das Leben hast du dir ausgesucht.

25. Titel bedeuten gar nichts.
Die Modehierarchie ist bizarr und fußt auf keiner Logik. Du kannst im Impressum eines Magazins erscheinen, von dem du noch nie etwas gehört hast, während du ebenso 10 Jahre bei einem Magazin malochen kannst, in der Hoffnung auf den Titel als Junior Fashion Editor, den du nie erhalten wirst.

26. eBay ist deine neue, zusätzliche Einkommensquelle.
In der Mode ist es ein ungeschriebenes Gesetz: Jeder hat einen anonymen eBay-Account, über den Freebies und alte Samples vertickt werden. Ich habe mal die Accounts der Vogue Fashion Directors gefunden, und nein, ich werde dir den Usernamen nicht verraten. Ja, man fühlt sich dabei leicht eklig, aber wenn du nur fünf Euro Ausgaben am Tag haben kannst, dann kannst du dir den moralisch sauberen Weg nicht leisten.

27. Niemand will dich bezahlen.
Und wenn du sie nicht ständig daran erinnerst, „vergessen" sie es einfach. Ein guter Ausweg dafür: entwirf ein Fake-Logo einer Anwaltskanzlei und schicke mehrere Briefe an die Leute aus der Buchhaltung und drohe sofortige juristische Schritte an. Schicke solche Briefe NIEMALS an deine Redakteure oder du kannst dich davon verabschieden, jemals wieder einen Auftrag zu erhalten.

28. Einsame Leute werden versuchen, dein Leben zu zerstören, damit du so einsam wie sie endest.
Einer guten Freundin wurde mal geraten, sich von ihrem langjährigen Freund zu trennen, weil er ihrer Karriere vermutlich im Weg stehen würde. Sie kündigte, sie sind immer noch zusammen und sie ist so viel erfolgreicher. Opfere nie deinen Verstand oder dein Glück.

29. Es gibt definitiv so etwas wie gute und schlechte Mode.
Schlechte Mode ist langweilig, kommerziell und wird sonst wo produziert. Gute Mode ist genial, politisch und inspirierend. Entscheide dich.

30. Mode geht über Instagram hinaus.
Vergiss das nie.

31. Du wirst den Fahrdienst großer Unternehmen nutzen.
Und zwar oft. Und dich nicht schlecht dabei fühlen.

32. Du wirst wahrscheinlich nicht für immer in der Modeindustrie arbeiten.
Aber du wirst stolz darauf sein, dass du a) es mal getan hast und b) dass du es nicht mehr tust.

33. Es geht nur um Kleidung.

34. Es geht nur um Kleidung.

35. Es geht nur um Kleidung.

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