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dieser fotograf hinterfragt in seinen bildern die bedeutung von männlichkeit

Mit seiner Porträtserie junger Männer stellt Fotograf Tyler Udall konventionelle Darstellungen von Männlichkeit infrage. Wir haben mit ihm über Männlichkeit, die fehlende Repräsentation von Schwulensex und die Bedeutung von Verletzbarkeit gesprochen...

Lewis Firth

In den Arbeiten des Fotografen Tyler Udall werden herkömmliche Männlichkeitsvorstellungen neu verhandelt. Die Männer sind genauso verletzlich, stehen unter Druck und sind ebenso anfällig für kommerzielle und mentale Manipulation wie Frauen. Sein Bildband Auguries of Innocence ist eine Sammlung von romantischen und erotischen Fotos, angereichert mit Emotionen aus einer sehr turbulenten Zeit in seinem Leben. Die Bilder sind ehrlich, authentisch und süß. Sie sind eine Alternative zu Muskeln und Sixpacks. Die Jungs stehen für eine moderne Maskulinität. Wir haben mit Tyler Udall über Männlichkeit, die fehlende Repräsentation von Schwulensex und die Bedeutung von Verletzbarkeit gesprochen.

Wieso finden es Männer 35 Jahre nach den New Romantics immer noch schwer, sich von den Konventionen patriarchalischer Männlichkeitsvorstellungen zu lösen?
Viele können nicht begreifen und wissen gar nicht, wie weit die New Romantics ihrer Zeit voraus waren. Ich habe das Gefühl, dass Sexismus Teil der Grundstruktur unserer Gesellschaft ist. Das sorgt dafür, dass es für Männer besonders schwer ist, ihre patriarchalische Fassade abzulegen. Die Verbindungen zwischen Sexismus und Homophobie sind doch interessant. Männer—vor allem schwule Männer—werden mit Verachtung bestraft, wenn sie als feminin geltende Eigenschaften haben: kreativ, sensibel und mitfühlend. Sanft zu sein, ist verpönt. Warum? Über diese Eigenschaften verfügen nicht nur Frauen. Aus irgendeinem Grund werden sie aber als weiblich angesehen. Männer, die ebenfalls über diese Charakterzüge verfügen, werden häufig zum Gespött, sie werden lächerlich gemacht und sie werden als Schwächlinge angesehen. Das ist doch ein Schlag ins Gesicht der Frau. Wieso werden diese sogenannten weiblichen Eigenschaften bei Männern als etwas Schlechtes gesehen?

Sex und Sexualität bieten zwei mögliche Erklärungsmuster. Wenn ein Typ davon prahlt, wie er ein Mädchen knallen wird, wird er bewundert. Wenn ein Typ darüber redet, wie er einen anderen Typen knallt, erfährt er meistens eine negative Reaktion. Glaubst du, dass die schwule Community das frauenfeindliche Gift geerbt hat, worunter Frauen solange leiden mussten?
Ja! Ich glaube aber nicht, dass schwule Männer und Frauen mit denselben Problemen zu kämpfen haben. Aber ich denke schon, dass die Probleme beider Gruppen ihren Ursprung in männlicher Heterosexualität haben.

Kleinen Jungs wird beigebracht, wie sie kämpfen, wie sie erobern, wie sie dominieren und wie sie gewinnen müssen. Das führt zu einer Kultur, in der Männer für ihre sexuellen Eroberungen Bewunderung ernten. „Ich habe diese und jene geknallt" wird mit High Five quittiert, weil der heterosexuelle Mann etwas erreicht, den Jackpot geknackt, jemanden erobert hat. Kurz gesagt, er hat in den anderen Augen anderer gewonnen. Das ist echt krank.

Das unter Schwulen beliebte Slut Shaming ist nicht so brutal wie das, womit sich Frauen herumschlagen müssen. Das liegt daran, weil wir wahrscheinlich Männer sind, was auch krank ist. Aus meiner Erfahrung liegt das daran, dass schwule Promiskuität vom heterosexuellen Mann gefeiert werden kann. Das liegt daran, weil wir Schwule das Sexleben haben, das die heterosexuellen Männer gerne hätten. Ich spreche nicht davon, dass Männer andere Männer ficken, sondern dass die Art und Weise, wie wir Schwule ficken, etwas von der reinen Fleischeslust, etwas Ungezügeltes hat. Die Häufigkeit von Sex entspricht unseren Instinkten.

Glaubst du, dass die männliche Ablehnung von Verletzbarkeit mit der Abneigung vor Homosexualität zu tun hat? Schwule Sexszenen gelten im Fernsehen immer noch als risikoreich, auch wenn Serien wie Queer as Folk sie in den 2000er Jahren salonfähig gemacht haben.
Ich glaube nicht, dass die Ablehnung von Verletzbarkeit von einer Abneigung vor Homosexualität herrührt, auch wenn es natürlich dazu beiträgt. Vielmehr hat es damit zu tun, wie Männer erzogen werden. Traditionelle Männlichkeit wird Jungs überall eingeimpft, sie bekommen das nicht mal mit. Mädchen werden so konditioniert, dass äußerliche Attraktivität mit Lob und Anerkennung verbunden wird. Jungs wird beigebracht, stark zu sein und nicht zu weinen. Stark zu sein wird verstanden als wasserdichtes Gefäß zu fungieren, sowohl körperlich als auch emotional. Das ist ein bisschen viel Verantwortung für die fragile menschliche Psyche, wenn du mich fragst.

Bei vielen sorgt die Vorstellung, einen Mann komplett nackt zu sehen, noch für hysterische Anfälle. Zwei Schwänze im Fernsehen beim Sex zu sehen, scheint noch für die meisten zu viel des Guten zu sein. Sex kann auch wie ein Kampf sein und bei einem Großteil von schwulem Sex ist es auch so. Die Allgemeinheit hat noch mehr Probleme mit Anspielungen als mit einem Penis, ob es sich dabei um einen Baseballschläger oder eine Babykarotte handelt.

Helfen eigene Erfahrungen besser als jede Aufklärungskampagne dabei, um einen offenen Umgang mit Gender und männlicher Verletzlichkeit zu erreichen?
Eine offene Erziehung zu genießen, hilft sicherlich dabei, die Grundlagen zu legen. Aber wenn du dich nicht selbst in Situationen begibst und dich nicht mit Leuten umgibst, die deine bestehenden Ansichten und Weltbilder infrage stellen und erweitern, dann wirst du wahrscheinlich nie offener und verletzlicher werden.

Dadurch, dass ich mit ein paar Leuten die Grenzen austestet habe—traurigerweise habe ich in dem Prozess auch viele wieder verloren—habe ich Verletzbarkeit in seinen reinsten Formen erlebt. Ich glaube, dass das meine Fotos einfangen. Durch meine Kunst sorge ich dafür, dass die Öffentlichkeit eine neue Vorstellung davon gewinnt, was männliche Intimität bedeuten kann.

tylerudall.com

Auguries of Innocense von Tyler Udall ist ab sofort erhältlich und kann hier erworben werden.

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Credits


Text: Lewis Firth
Fotos: Tyler Udall