anthony vaccarello ist alles andere als das klischee vom „sexy designer“

Anthony Vaccarello gibt den Kids der 90er, was sie wollen. Aber es geht um so viel mehr als nur ums Sexysein.

|
13 Oktober 2015, 12:00pm

Anthony Vaccarellos Schlafzimmer ist modern und kahl: eine schwarze Tagesdecke auf seinem King-Size-Bett, daneben ein Barcelona-Sessel, in seiner Penthouse-Wohnung im Vaccarello-Gebäude in der Rue Saint-Martin. „Das ist meine Mariah-Carey-Art, ein Interview zu geben. Wir sollten auf dem Bett liegen", strahlt er und zeigt vom Sofa aus auf sein Bett. Es ist das perfekte Setting für ein Sex-lastiges Interview. „Ich wiederhole immer dasselbe", seufzt er. „Ob ich immer schon sexy Kleider entwerfen wollte, bevor ich es wirklich gemacht habe. Ob ich weiß, wie übersexy es ist, wenn man die Kleider trägt. Ich pflege immer zusagen, wenn ich eine Kollektion entwerfe, denke ich nie an Sex - es geht um Linien und Struktur. Die Mode wird dadurch sexy, dass sie von einer Frau getragen wird. Sie sehen nur das Ergebnis, denke ich." Seine knappen und eleganten Kleider, die ihn bekannt gemacht haben, sind auf jeden Fall ziemlich sexy und wie gemacht dafür, auf der Straße zu „The way you make me feel" zu stolzieren - ganz so wie Anthony Vaccarello seine Mode auf einem modernistischem Laufsteg präsentiert. Zwar brachte der Sexappeal seinem gleichnamigen Label den Ruhm, der ihm wiederum den Designerjob bei Versus Versace verschaffte (wir berichteten hier), trotzdem ist er mit seinem leisen Auftreten und seiner Schüchternheit nicht weiter vom Klischee des „sexy Designers" - kein lautes Mundwerk und kein Fingerschnipsen - entfernt. Das beste Beispiel dafür ist sein Instagram-Account, der erfrischend antikommerziell ist. Für den 33-jährigen Designer ist der Account ein sich immer weiterentwickelndes Moodboard statt ein Bildertagebuch seines fabelhaften Fashionlebens. „Es gibt keinen Grund sein Privatleben mit zig Followern und jemanden in Taiwan zu teilen, den es interessiert, wann ich Sex habe. Das ist schräg", sagt Vaccarello knapp und merkt außerdem an, dass er auch kein Promi sei. „Ich sehe mich selbst nicht so, weil ich so nicht lebe. Ich bin nicht jeden Abend auf Partys und wenn ich keine Interviews geben könnte und mich nach einer Show nicht zeigen müsste, dann würde ich es auch nicht tun." Es folgt eine lange Pause, dann bricht er in Gelächter aus. „Aber ich freue mich, dich zu treffen!"

Wenn es um Sex geht, dann gibt es das Sprichwort: Stille Wasser sind tief. Anthony Vaccarello ist halb Belgier und halb Italiener und er könnte ein gutes Beispiel dafür sein, sollte man seine modernistischen Femmes fatales als Indikator sehen. Sie sind das Produkt einer Kindheit in den späten Denver-Clan-Achtzigern, als fabelhafte Boardroom-Feministinnen die Fernsehlandschaft dominierten. „Bei mir geht es nicht um Stickereien oder große Volumen, aber ich bin von diesen mächtigen Frauen, die keine Angst davor hatten, das zu tragen, und die keine Angst vor Männern hatten, fasziniert", sagt er. Geboren wurde er 1982 als Sohn eines Restaurantbesitzers und einer Sekretärin. Sein Interesse an Mode kam von selbst, als er in seiner Jugend durch Magazine blätterte und für Naomi Campbell und ihre Supermodel-Kolleginnen schwärmte. Seine Jugend war geprägt von Beverly Hills 90210, dem trashigeren australischen Abklatsch Heartbreak High, Melrose Place und jede Menge MTV - der amerikanische Zeitgeist der 90er mit seiner popkulturellen Teenager-Sexrevolution. Tori Spelling? „Sie war die Beste", flüstert er. „Das Fernsehen der 90er hat die Leute beeinflusst. Wir wurden alle von dem, was wir im Fernsehen sahen, inspiriert", sagt der Designer. „Ich empfinde eine gewisse Nostalgie, wenn ich daran denke, wie in den 90ern mit Sex umgegangen wurde. Sex war nicht einfach nur Sex. In den 90ern kam Madonnas SEX-Buch heraus - das ich liebe - und Tom Ford entwarf eine sexy Kollektion - der Sex-Vibe war sehr stark." Madonnas Buch hat einen prominenten Platz im Bücherregal, ein paar Meter von seinem Bett entfernt. „Heutzutage kann man mit Sex niemanden mehr schocken. Jeder versucht es, sodass es flach und langweilig wurde. Es ist nicht natürlich. Sex langweilt die Leute. Deshalb glaube ich, wenden sich die Leute einer anderen Stimmung zu, die auch langweilig ist: dieses Minimalistische, Kastenförmige. Die Leute versuchen, Sex zu verstecken. Entweder gibt man sich super sexy oder man ist total unsexuell. Es gibt keine Balance, es gibt nichts Individuelles." Seine Lösung dieses Dilemmas ist die Wertschätzung von sexy Codes - sogar Klischees - innerhalb eines strengen und manchmal sogar klinisch wirkenden, strukturalen Universums, was einen schmeichelnden Sexappeal erzeugt. Schauen ja, aber nicht anfassen - oder vielmehr: denken und dann nicht anfassen.

Seine „Americana"-AW-15-Kollektion steht beispielhaft dafür: Fransen aus Metall, Sternenformen und das alles verbunden mit einem Touch Prärie-Sexappeal. Es war die zweite Kollektion seines eigenen Labels, nachdem ihn sein größer Fan - Donatella Versace - zu Versus holte. 2006 macht er seinen Abschluss an La Cambre, gewann im selben Jahr den Hyères-Preis und bekam einen Job bei Fendi. Drei Jahre später gründete er sein eigenes Modehaus und 2011 erhielt er den ANDAM Award. „Wenn ich mit ihr über Whatsapp kommuniziere, fühlt es sich komisch an. Es erstaunt mich jedes Mal, wenn der Name ‚Donatella Versace' auf dem Display erscheint", sagt er mit strahlenden Augen. Trifft er sich mit ihr und quatscht mit ihr bei Cocktails über das Leben und die Liebe? „Nein, ich mag es, eine professionelle Beziehung zu ihr zu haben. Sie ist meine Chefin." Anthony Vaccarello teilt mit Gianni Versace ein Gespür für eine Ästhetik, die mit Starkultur verbunden wird, ohne jedoch das Verlangen, Teil selbiger zu sein. Auch wenn sein BFF Anja Rubik heißt. „Es sind Freunde und keine Promis, denen ich nachrenne, damit sie mein Produkt platzieren. Wir weisen auch jede Menge Promis ab."

Mit Donatella teilt er die Liebe für Jack Russel Terrier (beide haben einen) und ständige Frage von Journalisten, für was die sexy Elemente seiner Arbeit stehen: Gibt es eine tiefere Bedeutung seiner Ästhetik? „Nein". Interessiert er sich für Politik? „Nein." Geht er wählen? „Nein." Ist er religiös? „Nein." Hat er starke Überzeugungen? „Wie die Macht von Schmetterlingen? Ich glaube an … Mein Gott, ich glaube an nichts. Ich weiß nicht." Sein Zynismus spiegelt die unnahbare Haltung der 90er-Generation wider, deren Fernsehsucht mit mit abgedroschenen Talkshows gestillt wurde. Diese Kultur hat aber auch eine Generation erzeugt, die im Gegensatz zu den Lady-Gaga-Jüngern der Generation Y ihre Überzeugungen nicht in Neonlichter packen müssen, damit sie existieren. Unter den spärlichen Miniröcken, kultiviert Vaccarello seine eigene Spielart von Feminismus. „Diese Frau wartet nicht darauf, mit ihrem Ehemann Sex zu haben. Vielleicht hat sie gar keinen Sex und sie findet das toll. Sie befriedigt sich selbst", witzelt er. „Ich mag es, dass sie ein eigenständiges Leben führt, was nicht einfach ist, denn wir leben in Zeiten, in denen Frauen nicht gut behandelt werden. Und manchmal frage ich mich, ob die Leute, die sexy Kleidung entwerfen, nicht dafür verantwortlich sind."

Natürlich ist das nur rhetorisch gemeint. Wenn man Anthony Vaccarello nach dem Flirt der Mode mit Herrenschnitten und die Vermännlichung der weiblichen Form fragt, widerspricht er dem genauso. „Das ist auch traurig. Außerdem ist es komisch, weil Frauen immer Brüste haben werden, sie werden immer eine Vagina haben, aber vielleicht ist eine Art Selbstschutz." Wie die meisten Lost-Fashion-Kids der 90er, die mit Supermodels und Madonna aufwuchsen, ist er doch ein größerer Kommentator der Gesellschaft, als er zugeben will. „Wenn ich Kleidung entwerfe, dann objektivere ich die Frau nicht. In meiner Mode geht es um Frauen, denen es scheißegal ist, was die Leute über sie denken. Die Vaccarello-Frau ist stolz auf sich selbst, sie ist stolz auf ihren Körper. Sie muss nicht gezwungen sexuell sein", beschreibt der Designer seinen Ansatz. 

@anthony_vaccarello

Das könnte dich auch interessieren:

  • Lies hier unser Interview mit Riccardo Tisci.
  • Schau dir hier das Kollektionsvideo zur Resort-16-Kollektion von Anthony Vaccarello an. 
  • Dame Vivienne West im Interview mit i-D, hier geht's lang

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Amy Troost
Fashion Director: Alastair McKimm
Haare: Esther Langham at Art + Commerce verwendete Oribe Haircare
Make-up: Hannah Murray at Art + Commerce verwendete Topshop Beauty
Nägel: Ami Vega at Marek & Associates
Digitaltechnik: Nick Rapaz
Fotoassistenz: Henry Lopez, Darren Hall
Stylingassistenz: Lauren Davis, Katelyn Gray, Sydney Rose Thomas
Haarassistenz: David Colvin
Make-up-Assistenz: Jen Myles
Casting: Piergiorgio del Moro at DM Casting
Produktion: Matthew Youmans at M.A.P.
Model: Andreea Diaconu at IMG
Andreea trägt Anthony Vaccarello. Ohrringe: Stylist's own.