i-Diary: gosha rubchinskiys berlin-tagebuch

Vor der Eröffnung von Gosha Rubchinskiys Ausstellung bei 032c in Berlin haben wir das Multitalent zum Interview getroffen.

|
Nov. 23 2015, 8:20am

Gosha Rubchinskiy arbeitet gern mit klaren Referenzen. Seine kyrillischen Schriftzeichen sind nicht mehr aus der Mode wegzudenken. Dank seiner direkten Referenzen und der Ehrlichkeit seiner Fotografien, Mode und Filme lässt er uns an seiner Realität teilhaben. Einer Realität, die wir sonst selten unverfälscht erfahren. Ein unerklärter Blick auf Moskau und das Leben der Jungen in der russischen Hauptstadt.

Wir haben den jungen Designer im Rahmen seiner Ausstellung bei 032c in der Kirche Sankt Agnes in Berlin getroffen und ihm ein paar Fragen gestellt. Im Zuge seines Aufenthalts hat er für uns ein fotografisches Tagebuch angefertigt.

Zum ersten Mal außerhalb Moskaus hast du deine dritte Kollektion 2009 in London gezeigt. Für damals: ungewöhnlich echt und direkt. Erinnerst du dich an die Reaktionen?
Erst einmal war die Kollektion sehr klein. Die Einladung von Fashion East kam eine Woche vor dem Event - wir hatten kaum Zeit, etwas zu machen. Entsprechend hielt ich mich an einfache Teile: Pullover, Trainingshosen, so was. Dazu haben wir noch ein VHS-Video über einen Jungen gedreht und ein Fanzine rausgebracht. An die Reaktionen der Leute erinnere ich mich grundsätzlich nicht: Entweder sie mögen es oder nicht, das ist mir egal. Aufmerksamkeit habe ich natürlich bekommen - aber es ging mir darum, meinen Film und meine Vision zu zeigen. Aufmerksamkeit bekommst du immer, sei es nun positiv oder negativ.

Ich erinnere mich, dass mich deine Sachen verwundert haben.
Echt? Warum das?

Die meisten anderen Kollektionen dort waren laut und etwas aufdringlich. Deine nicht. Du hast eine Atmosphäre geschaffen, ohne spürbaren Aufwand.
Heute arbeiten viele Designer so.

Du hebst dich mit dieser Herangehensweise noch immer ab. Könnte das deinen Erfolg erklären?
Mir waren schon immer Moskau und die Kids am Wichtigsten - das Modeprojekt haben wir 2008 begonnen, ohne uns dabei was zu denken. Die erste Schau in Moskau war eher als Performance ausgelegt. Ich wollte ein Gefühl vermitteln. Die Kollektion diente als Medium dazu - es war nicht mein Plan, Mode überhaupt weiter zu verfolgen. Doch nach der Show wurde ich eingeladen, an Cycles and Seasons teilzunehmen, das war damals eine Art unabhängiger Fashion Week in Moskau. Eine neue Kollektion musste her. Es folgte die Einladung aus London und damit der Ansporn, eine dritte Kollektion zu machen und so weiter. Immer weiter. Irgendwie ist dieses Modeprojekt recht groß geworden.

Du hast es geschafft, die Modewelt nachhaltig für Russland zu begeistern. Wie konntest du das schaffen?
Das ist schwierig zu beurteilen. Ich tue einfach, was mir gefällt. Meine Arbeit richtet sich an niemanden. Die Menschen möchten interessante und wahre Geschichten hören, und sie wollen mehr erfahren über Russland und die Kids dort. Wie nie zuvor begeistert sich die Mode heute für junge Leute. Für ihre neuen Gedanken. Sie zeigen uns neue Blickwinkel auf Mode, Kleidung und so weiter. Natürlich spielt Energie eine große Rolle in der Mode. Die Jugend hat Energie.

Mehr denn je ist die Jugend heute auch Zielgruppe der Mode.
Natürlich. Große Marken liebäugeln heute mit Skateboarden oder befassen sich mit Streetwear.

Skateboards als billige Accessoires in Modenschauen.
Ja! Genau darum möchte ich in der nächsten Kollektion viel lieber Anzüge und klassische Kleidung haben.

Seltsam oder? Bis in die späten Neunziger waren Laufstegmode und Streetwear streng voneinander getrennt. Heute ist eine Kollektion ohne Sneaker kaum vorstellbar.
Die Mode dreht sich um Geschichten. Yves Saint Laurent erzählte eine, Lagerfeld und Jean Paul Gaultier auch. Diese Designer stehen für eine andere Welt. Mit dem Ende der Neunziger setzte eine Veränderung ein: Die Modewelt entdeckte Jugendkultur und ihre Geschichten. Designer wie Hedi und Raf erklärten sie zum Kern ihrer Arbeit. So konnten Streetwear-Brands wie Supreme erst wirklich groß werden. Mit den Zeiten ändert sich der Markt. Die Leute wollen jeden Tag neue Geschichten hören, sie suchen nach ihnen.

Jugend ist eine effiziente Inspirationsquelle. Wie hat der Dreck der Straße seinen Weg in die schillernde Welt der Mode gefunden?
Du musst Dingen eine Seele geben. Die Mode selbst ist nichts. Luxus liegt im Auge des Betrachters - er lässt sich erzeugen: Die richtige Geschichte macht selbst eine Bierflasche zum Luxusobjekt. Du willst sie besitzen, würdest für dieses Objekt sterben. Was auch immer es sein mag. Das Produkt ist austauschbar: Ein Supreme-Pullover kann so begehrenswert sein wie ein Kleid von Chanel.

Die Geschichte des Chanel-Kleids ähnelt wohl eher einem Märchen. Deine Geschichte ist die Realität.
Aber auch sie kann ein Traum sein. Für die Menschen nämlich, die keinen Bezug zu meiner Erzählung von Teenagern in Russland haben. Natürlich ist sie Wirklichkeit, aber keine unmittelbare.

Streetwear macht einen Großteil der heutigen Laufstegmode aus. Andersrum gilt es nicht nur als akzeptabel, sondern als wünschenswert, auch als heterosexueller Junge ein Verständnis von Stil und Mode zu haben. Könnte dieser Wandel unsere Gesellschaft toleranter machen?
Das bezweifle ich. Ich sehe in Moskau viele Jungs in Skinny Jeans. Vor fünf Jahren hätten dich die selben Jungs dafür eine Schwuchtel geschimpft. Das ist bloß Marketing. Sobald Adidas enge Trainingshosen verkauft, verlieren diese Jungs jeden Zweifel. Als Raf und Hedi vor fünfzehn Jahren Skinny Jeans zeigten, galt das als schwul und seltsam. Mit einem Massenprodukt hat niemand ein Problem.

Da wir von Aussehen sprechen: Du bist auf Instagram. Was hältst du von der App?
Instagram ist toll. Es bringt die Menschen näher zueinander. Die Nachrichten lehren uns nur, einander zu bekriegen: die Chinesen, die Russen, jeden. Böse Menschen überall. Auf Instagram siehst du Kids aus Korea und Russland und merkst: sie sind freundlich. Sie teilen deine Haltung. Jugendliche aus aller Welt hören heute dieselbe Musik, tragen die gleiche Kleidung. Mich begrüßen Skater in Paris und sagen, dass sie hinter Russland stehen, hinter den Kids. Sie glauben den Mist nicht, den die Medien verbreiten. Instagram zeigt ihnen, wie wir wirklich sind. Das finde ich bahnbrechend. Du kannst Leuten aus aller Welt folgen und siehst ihre Realität. Und mir persönlich hilft Instagram natürlich beim Casting für die Shows.

Das ist ein schöner Blickwinkel. Andererseits verleitet Instagram gern zum Wettbewerb - Profile stellen dann eher Wünsche dar als die Realität.
Jeder möchte ein Künstler sein. Und Instagram ist ein einfacher Weg, einer zu werden. Sicher nutzen es viele, um ein Bild zu erzeugen, aber nicht jeder. Die Realität ist genau so vertreten. Etwas zu erschaffen, ist ein menschliches Verlangen. Auf Instagram lässt es sich sogar zugänglich machen. Ich entdecke ständig talentierte junge Leute, sehe gute Zeichnungen, Fotografie, Videos. Und das ist gut.

Bei aller Zugänglichkeit gilt Russland in der westlichen Welt noch immer als ein seltsames Mysterium.
Das könnte sich ändern, würde die westliche Welt versuchen, Russland als Teil ihrer Gemeinschaft zu akzeptieren. Die Leute haben immer ein wenig Angst vor Russland. Vielleicht sollte die Westen aufhören, sich zu fürchten und lernen zu lieben. Ich helfe gern dabei.

Denkst du, dass sich mit dem Wachstum von Social Media die Motivation der Jugend verändert hat? Auf mich wirkt es ein wenig so, als habe Wettbewerb die Rebellion ersetzt.
Vielleicht. Vielleicht, weil wir bislang in einer Welt alter Menschen lebten. Für die jungen interessierte sich niemand. Bekommen sie einmal Aufmerksamkeit, haben sie keinen Grund mehr zu rebellieren. Früher fragten die Alten, was verkehrt sei mit den Jungen? Sie wollten gehört werden. Gesehen. Etwas schaffen. Das ist heute ganz einfach.

Hältst du diesen Wandel für positiv?
Wir werden sehen. Ich pflege mein positives Weltbild. Vielleicht ändert sich in zehn Jahren alles von Grund auf: Statt der Jugend fasziniert uns das Alter. Philosophie, Wissenschaft, das Weltall. Vielleicht beschließen wir, nur noch Anzüge zu tragen, vergessen die Mode und begeistern uns für Technologie und Astronomie. Vielleicht werden die Greise die Jugend der Zukunft sein.

Fährst du eigentlich noch Skateboard?
Selten. Du musst es halt jeden Tag tun: Nach einer Pause kommst du nur schwer wieder rein. In Moskau ist es eh schwierig, draußen fahren kannst du eigentlich nur drei Monate im Jahr und im Winter fehlt mir die Zeit, eine Halle zu besuchen. Manchmal nehme ich sie mir einfach trotzdem.

Was bedeutet es dir?
Skateboarden ist ein Mittel, Leute kennen zu lernen, selbst wenn du schüchtern bist. Es bringt Menschen aus verschieden Welten zusammen: Musiker, Künstler. Du triffst die unterschiedlichsten Typen in der Moskauer Skate-Community: Einer ist Fotograf, der andere macht Filme, der nächste Musik. Man kommt zusammen und schafft etwas Neues.

Neben dem sozialen Faktor, inwiefern inspiriert dich die Skate-Kultur?
Mir geht es um echte Dinge. Fange ich an, an einer Kollektion zu arbeiten, weiß ich, dass ich nichts Komisches machen möchte oder Unnatürliches. Was du beim Skaten trägst, muss bequem sein. Skater haben einen eigenen Stil, ihre Tricks, ihre Art sich zu kleiden. Das macht es interessant, darum nehme ich gern darauf Bezug. Ihre Sachen sind modisch und bequem zugleich. Und sie sind alltagstauglich.

Vorhin sagtest du, was Leute von deiner Arbeit halten, sei dir egal. Meinst du, Skateboarden hat dir diese Haltung beigebracht?
Ja! Ich meine, es ist dir egal, wie die anderen skaten. Von Anfang an lernst du, es auf deine Art zu machen. Irgendwann schaut dir vielleicht wer etwas ab. Skatemode funktioniert ähnlich: Ich kenne diese Supreme-Kids. Vor fünf Jahren etwa, lachten die anderen sie am Spot aus. Die fanden's hässlich. Inzwischen trägt jeder Supreme. Du musst an dich glauben - und Skateboarding bringt es dir bei.

Ist es das Motiv deines Schaffens, die Jugend zu stärken?
Das weiß ich nicht. Statt darüber nachzudenken, mache ich lieber und realisiere meine Ideen. Danach betrachte ich das Werk nicht mehr als mein eigenes. Ich lasse es frei. Die Leute dürfen darin sehen, was sie möchten. Bedeutungen finden. Es ist mir gleich. Ich bin recht einfach: Glücklich bin ich, wenn meine Gedanken Realität werden.

Wie kommt dann der Umschwung zustande, dass du als Nächstes Anzüge machen möchtest?
Weil es langweilig wird. Langweilig. Wieder Teenager und Skateboarding? Ich möchte Anzüge machen und Arbeitskleidung. Schlicht und einfach. Das ist der Plan für die nächste Kollektion.

Du beziehst dich meistens auf dein direktes Umfeld. Wohin schaust du, wenn du etwas anderes machen möchtest?
Ich betrachte ständig andere Menschen. Das Wichtigste ist Energie; wenn man jemanden trifft und sie spürt. Gerade habe ich einfach das Gefühl, dass dies der richtige Weg ist - mich inspirieren verschiedene Jungs, die aus verschiedenen Teilen der Welt kommen. Trotzdem denken sie auf dieselbe Art. Meine Kollektion vereint sie schließlich.

In einem Interview vor dem Hintergrund seines Abgangs von Dior sagte Raf kürzlich, dass Mode zu Pop geworden sei und dass die Zeit schöner war, als sie sich elitärer gab. Was denkst du darüber?
Ich stimme schon zu. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern war die Mode eine Art Traumwelt, war zeitgenössischer Kunst nicht gerade fern. Designer wie Rei Kawakubo und Martin Margiela waren so etwas wie Künstler. Sie erschufen wirklich etwas. Sicher haben sie Raf und andere Designer inspiriert, wenn nicht gar ihr Interesse an Mode überhaupt geweckt. Wir leben heute in anderen Zeiten. Streetwear ist überall, die Mode ist sehr kommerziell ausgerichtet. Vielleicht wäre es besser, wieder Verrücktes zu machen, wie damals Alexander McQueen oder Rei Kawakubo noch heute. Jede ihrer Kollektionen ist verrückt. Hardcore und nochmal hardcore. Eher Kunstobjekte als Kleidungsstücke. Ich glaube, ähnlich wie Raf, möchte sie mitteilen, wie wichtig es ist, in der Mode etwas Falsches zu tun. Widersprüchliches.

Du hast ein Chanel-Kleid mit einem Hoodie von Supreme gleichgesetzt. Hype kann jeden objektiven Mangel ausgleichen.
Das stimmt. Einst zählten Qualität und Gefühle, heute genügt ein Bild und eine zugängliche Vision. Stoff oder Verarbeitung sind den Leuten egal. Wollen sie etwas haben, nehmen sie alles in Kauf. Wie es dann an ihnen aussieht, ist ihnen gleich. Social Media zählt und Image. Eine schlechte Entwicklung.

Ohne das Drumherum fehlt vielen Teilen jegliche Aussage.
Das sehe ich auch so. Dahin müssen wir zurück.

Andererseits; wie könnten wir darüber urteilen? Auch aus dieser Entwicklung mag Gutes entstehen.
Ich glaube, alles kann funktionieren, egal zu welcher Zeit. Alles ist möglich. Wenn du etwas tun möchtest, musst du es tun. Seien es nun verrückte Kleider oder einfachste T-Shirts, zieh' es durch. Schau dir Raf an: Er macht, was er will, wann immer er will. Er wird Designer bei Dior. Als er dann aufhören wollte, tat er es und blickte nicht zurück. Nur so kann es klappen. Du musst dich bloß entscheiden, was du tun willst. Das ist alles.

Du etwa hast dich entschieden, in Moskau zu leben und zu arbeiten. Kannst du dir vorstellen, jemals zu gehen?
Ich habe keinen Grund dazu. So etwas tut, wer sich ändern möchte, wer etwas Interessantes sehen will, oder etwas vermisst. Das ist bei mir nicht der Fall. Ich kann von Moskau aus arbeiten, dort leben und es bleibt immer interessant. Hier bin ich inspiriert und habe doch eigentlich alles. Außerdem gibt es das Internet und Instagram, ich weiß, was in der Welt passiert. Der Standort ist nicht so wichtig. Solange es das Internet gibt, kannst du im Wald leben und trotzdem arbeiten.

Siehst du Parallelen zwischen Berlin und Moskau?
Zwischen Berlin und Moskau gibt es viele Parallelen: die Architektur, Kunst, vieles wirkt gleich. Doch in Moskau stimmt die Haltung nicht: Da geht es ums große Kapital, um Geld, um Macht. Berlin ist so ziemlich das Gegenteil.

Oft sind doch gerade solche Missstände auch Motivation: Wege zu finden, sie zu umgehen oder zu beheben.
Richtig. Aber auf der anderen Seite ist Russland sehr ehrlich. Wir lachen, hassen, lieben. Weil wir daran glauben. Innere Widersprüche kennen wir kaum; Dinge sind, was sie sind. Es passiert ständig etwas, was niemand erwartet. Darum bleibe ich gern: Die Ungewissheit macht es spannend. Die ständige Veränderung, die sie mit sich bringt. 

@gosharubchinskiy

Hier geht's zu weiteren Fototagebüchern aus unserer Rubrik „i-Diary".

Credits


Text und Interview: Tim Neugebauer
Bilder: Gosha Rubchinskiy