jenseits von instagram mit amalia ulman

Indem sie fünf Monate lang das Leben und Leiden eines Neuankömmlings in L.A. darstellte und damit den Image-Wahn der Welt sezierte, hat Amalia Ulman Instagram zu der Plattform für Performancekunst gemacht. Nun will die aufregendste Künstlerin ihrer...

von Felix Petty
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29 April 2016, 10:10am

Ich weiß nicht, zu welchem Zeitpunkt mir eigentlich aufging, dass Amalia Ulmans Instagram-Account den Übergang zu einem akribisch geplanten Performancekunstwerk gemacht hatte—dass die Bilder nicht länger Amalia zeigten, sondern „Amalia".

Amalia war kurz zuvor von London, wo sie ihren Abschluss am Central Saint Martins College of Art and Design gemacht hatte, nach Los Angeles gezogen, und ich dachte mir: „Ja, das ist es, was Los Angeles mit den Leuten anstellt, oder?" Die Menschen in der Stadt der Engel werden zu Selfie-besessenen Narzissten und posten nur noch Bilder von ihrer Latte Art, banale Motivationssprüche und Videos, in denen sie sexy zu Iggy Azalea tanzen. Ich denke, als Amalia dann ins Krankenhaus ging, um sich „die Brüste vergrößern" zu lassen, fiel bei mir endgültig der Groschen.

Excellences and Perfections, so der Titel dieser Performance, wurde Mitte 2014 fünf Monate lang auf Instagram vorgetragen. Darin zieht „Amalia" nach L.A., lacht sich einen Freund an, legt sich unters Messer, erleidet einen Zusammenbruch und erholt sich wieder. The End. Amalia hat einen ungemein scharfen Blick für die Schönheit der banalen Details und eine bestechende Fähigkeit, den romantischen Idealismus zu entlarven, der dieser Banalität entspringt. Wenn die romantische Blase platzt, ist sie zur Stelle, um die Überreste zu analysieren. Excellences and Perfections mag Satire sein, doch es lässt sich nur schwer festmachen, wen oder was ihr satirischer Schlag eigentlich trifft. Er zielt ebenso auf die Performance der Kunstfigur „Amalia" ab wie auf die Betrachter/Voyeure, die sich von dem Spektakel, das sich vor ihren Augen entwickelt, nicht losreißen können. Die Bilder zeichnen sich durch eine fein geschliffene Geistlosigkeit aus, die uns alle anprangert.

„Ich war fasziniert von den Moodboards, die solche Mädchen online kuratieren, und davon, wie sie den Text dazu als eine Art Accessoire einsetzten", erklärt Amalia auf die Frage nach der Inspiration zu Excellences and Perfections. „Meine ursprüngliche Idee war es, dieselbe Strategie einzusetzen und sie auf eine fiktionale Erzählung anzuwenden, aber ich wollte die Sprache des Internets einsetzen, um im Publikum Unbehagen zu wecken, wenn es mit seinen eigenen Begierden, heimlichen Vergnügen und Vorurteilen konfrontiert wird. Wie würde ein Kunstpublikum auf eine Figur reagieren, von dem es sich unterhalten fühlt, obwohl es die Figur eigentlich kritisieren und missbilligen soll?"

Excellences and Performances ist zur Zeit in zwei sehr unterschiedlichen Ausstellungen zu sehen: In der Londoner Whitechapel Gallery gibt es eine Übersicht der digitalen Kunst der letzten 50 Jahre, die Amalia neben anderen zeitgenössischen Künstlerinnen wie Petra Cortright und Katja Novitskova einordnet, da sie alle mit neuen Technologien experimentieren, um zu erforschen, in welchen neuen Räumen die Kunst ein Zuhause finden kann. Die Ausstellung im Tate Modern stellt sie Seite an Seite mit Künstlerinnen wie Cindy Sherman, Hannah Wilke und Francesca Woodman, die Fotografie, Porträts und Performance miteinander kombinieren. Die nachhaltige Wirkung kommt nicht unbedingt von den Bildern an sich oder der Geschichte, die sie erzählen, sondern von den Reaktionen auf die Performance.

„Manche Reaktionen waren unerwartet, wie etwa Frauen, die gerne eine Empfehlung für einen Chirurgen wollten, anstatt mir zu raten, es mir mit der OP noch einmal zu überlegen. Andere Reaktionen fanden genauso statt, wie ich es vorgesehen hatte, also sexistische Angriffe, Trolling und tiefe Enttäuschung von den Leuten, die die Geschichte für wahr halten wollten ... Wie wenn ein Freier enttäuscht ist, weil ihm eine Prostituierte zu verstehen gibt, dass sie nicht wirklich in ihn verliebt ist."

Excellences and Performances hatte anscheinend einen Nerv getroffen: Amalias Perspektive auf die weibliche Instagram-Kultur machte sie zur Zielscheibe für gesamtgesellschaftliche Kritik der Marke „Ist das überhaupt noch Kunst?" sowie eine spöttische Überlegenheitshaltung aus der Kunstwelt, die keinen Unterschied zwischen ihr und ihrer Kunstfigur machte, oder die Performance nicht als Werk, sondern als bloße „Instagram-Kunst" sah. „Die Leute stellen selten infrage, was sie gesehen haben", erklärt sie. „Alle Fotos erzählen die Wahrheit, weil wir uns das so wünschen." Weil an Excellences and Performances rein gar nichts Gemeines oder Übelwollendes ist und der Humor eine so völlig ernste Maske trägt, lässt sich das Echte an Amalias künstlicher Realität nur schwer fassen.

„Wir sind alle Figuren in einem Theaterstück, aber niemand will sich selbst als Karikatur oder wandelndes Klischee sehen oder erkennen. Das Unbehagen ist dasselbe, wie wenn eine Freundin oder ein Freund dich perfekt imitiert, denn damit wird klar, wie offensichtlich deine Erkennungsmerkmale sind."

Seit Excellences and Performances hat Amalia bereits völlig unterschiedene Ausdrucksformen gewählt, um ein ähnliches Unbehagen für die Oberflächen, Ästhetik und Machtverhältnisse des heutigen Lebens zum Ausdruck zu bringen. Stock Images of War, in New York ausgestellt, enthielt Werke, die sie während ihrer Erholung von einem lebensbedrohlichen Busunfall erschaffen hatte. Mit der Reihe von Metalldrahtskulpturen verwandelte sie Kriegsgerät in zerbrechliche und empfindliche Objekte, welche ihren eigenen zerbrechlichen Zustand wiederspiegelten. International House of Cozy ist ein kurzer pornografischer Film, den sie für das MAMA in Rotterdam erschuf und der auf die Erkennungsmerkmale des Hipster-Daseins abzielt. Im Hintergrund spielt seichte Saitenmusik, während ein Pärchen über sein Leben, sein Haus in Soho, seine teure Gesichtscreme und seine Kunstkarrieren plaudert. Es handelt sich dabei um eine ziemlich humorvolle und beklemmende Auslegung des verbreiteten Irrglaubens „sex sells" und der ziemlich abartigen Verbreitung des Wortes „Porn": Lifestyle-Porn, Interior Porn, Foodporn, und so weiter und so Porn. „Ich finde Porno interessant, weil er einen riesigen Anteil der Popkultur ausmacht, ohne dass jemand wirklich darüber spricht", sagt Amalia. „Er ist eine große Decke, die über der Welt liegt wie die Ozonschicht." Zum Höhepunkt des Films ejakuliert der Schauspieler auf ein Muji-Notebook.

„Ich will Dinge verstehen lernen, so lange ich lebe", erklärt sie im Hinblick auf ihren vielseitigen Stil und die zahlreichen Medien, die sie einsetzt. „Manche Ideen funktionieren, manche nicht. Ich schätze, ich habe keine Angst davor, lächerlich gemacht zu werden, und das bewahrt mich davor, zu viel nachzudenken." Der rote Faden, der sich durch den Großteil ihrer Arbeit zieht und der ihren Ansatz so einzigartig befriedigend macht, ist die Art und Weise, wie sie ihre Stimme als Erzählerin einsetzt, um das moderne Leben zu erforschen.

Dazu gehöre, wie sie sagt, eine Beschäftigung mit dem Einsatz von Klischees. Heutzutage wird von uns allen erwartet, dass wir unsere persönliche Marke aufbauen, unser Leben neu schreiben, um als perfekt zu gelten, und unsere perfekten Jobs, Hobbys, Freunde, Mahlzeiten und Kaffeegetränke der Welt präsentieren. Wir sind alle Figuren auf einer Bühne, doch Amalias Arbeit offenbart uns oft, dass wir nichts als Karikaturen sind. Das lässt sich auch auf das Klischeehafte unserer Gesellschaftsstruktur anwenden, in der die simple Dichotomie zwischen mächtig und ohnmächtig, männlich und weiblich, so tief verankert ist.

„Ich bin fasziniert von Hochstaplern (ich bin eben im Herzen Argentinierin!) und davon, wie Leute sich als Andere ausgeben können, durch Performance, Haltung, Kleidung, etc. Oder wenn Leute sich operieren lassen, danach hübscher oder jünger aussehen und plötzlich besser behandelt werden, weil sie süßer sind als vorher."

Im Frieze New York enthüllte sie eine neue Videoinstallation mit Arcadia Missa, die auf der Geschichte des Tagebuchschreibens, den ungeschriebenen Geschichten von Frauen und Amalias Nordkorea-Urlaub basiert. Um die Videokabine zu betreten, musste man seine Schuhe ausziehen und sein Handy abgeben. Der Film nutzte niedliche Ästhetik und stereotyp „mädchenhafte" Sprache als ein Mittel, um allgemeine Fragen der medialen Repräsentation zu behandeln. Oft wurde dabei die zuckersüße Stimme genutzt, um dem Publikum energische, mächtige Aussagen unterzujubeln. „Dieser politischen und persönlichen Manipulation lässt sich nur entkommen, indem wir die Sprache erkennen", erklärt sie. „Der Großteil des Drehbuchs ist aus E-Mails entstanden, die mir Männer im Laufe der Jahre geschrieben haben."  

Credits


Text: Felix Petty
Fotos: Renata Raksha

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