dass der „tomboy“ im mainstream angekommen ist, ist das beste und schlimmste zugleich

Lasst uns den Tomboy rühmen und dann endlich ein für allemal mit dem Begriff abschließen. Immerhin wurden damit seit Jahrhunderten starke Frauen bezeichnet, die großartige Dinge erreicht haben: Von der Wild-West-Heldin Calamity Jane bis hin zur...

von Courtney Eldridge
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30 September 2016, 7:59am

Skateboarder Magazine

Viel zu lange wurde der Begriff „Tomboy" unzureichend definiert und grob vereinfacht als Beschreibung für Mädchen benutzt, die nie im Leben auch nur ein Kleid von weitem anschauen würden und lieber zusammen mit Jungs spielten. Eigentlich ging es aber nie wirklich darum, mit den Jungs zu spielen; es ging ums Spielen allgemein, darum, seinen Instinkten zu folgen und zu springen, zu rennen, zu klettern, zu tauchen und sich einfach nach Lust und Laune auszutoben. Man kann sich also darüber streiten, ob ein Tomboy als solcher geboren wird oder ob Mädchen durch die Erziehung zu Tomboys werden—der springende Punkt ist, dass Tomboy-Mädchen immer in Bewegung sind, und genau diese angeborene Beziehung zu ihren Körpern ist es, was ihren Stil ausmacht, und nicht umgekehrt.

Was uns zu der Frau bringt, die als erste mit alten Traditionen gebrochen hat—niemand geringeres als die ursprüngliche Tomboy-Modeikone Coco Chanel. Die revolutionäre Modedesignerin machte das Crossdressing salonfähig, dennoch war sie alles andere als androgyn. In traditionell männlichen Kleidern wie Hosen, Anzügen und Krawatten hat sie ihre Weiblichkeit eher betont, als darin Männlichkeit auszustrahlen. Aus rein praktischen Gründen wie der Bequemlichkeit und Notwendigkeit wurde Chanel zur Erfinderin der sportlich angehauchten, legeren Damenbekleidung.

Durch Bewegungen wie die Suffragetten in den 1920ern, Rosie the Riveter in den 1940ern, die sexuelle Revolution und das Gleichbehandlungsgesetz, das in den 1960ern Schlag auf Schlag folgten, wurde der Style immer gängiger. Was soll man also mit einer Bezeichnung anfangen, die sich eigentlich jeglicher Kategorisierung widersetzen will? Die Autorin des Buches Tomboy Style, Lizzie Garrett Mettler, hat sich jahrelang mit dem Tomboy-Phänomen befasst und bestätigt diese Spannung: „Das Problem ist, dass Tomboy ein unvollkommenes Wort ist. Es ist doppelt maskulin. Die Etymologie ist nunmal auch nicht perfekt. Es ist wohl das beste Wort, das es für die Beschreibung solcher Frauen gibt."

Zweifellos ist es dieses doppelt maskuline Element, das Tomboy zu einem so widersprüchlichen Begriff macht. Wenig überraschend sollte es sein, dass manche Tomboys gar kein Problem mit der Bezeichnung haben, während andere sie entschieden ablehnen. Patti McGee beispielsweise, die 1964 als erste Frau die Skateboard-Meisterschaften gewann, wurde von Anfang an als Tomboy bezeichnet und erklärte öfters, dass es ein Kompliment für sie war. McGee, eine blonde Nachkriegs-Sexmbombe, verband nie zuvor gesehene Akrobatik-Elemente mit ihrem ganz persönlichen Skate-Stil und zerstreute in einer männerdominierten Welt alle Vorurteile über die Fähigkeiten einer weiblichen Sportlerin. McGee machte einfach ihr Ding und sie war ein Freigeist, wie er im Buch steht. Was uns zum nächsten Punkt führt, der auch mit der Individualität von Tomboy-Frauen zu tun hat: das Improvisationstalent.

Ein perfektes Beispiel dafür ist die Gründerin des Blogs Stop It Right Now und Designerin Jayne Min aus L.A., deren personalisierte Skateboards 2011 viral gegangen sind (und im Jahr darauf hat auch Chanel ein mit seinem Logo verziertes Skateboard herausgebracht). Min erklärt ganz sachlich, wie es zu der Idee kam: „Ich bin damals in eine neue Wohnung gezogen und wollte meine Wände dekorieren. Ich hatte zwar ein paar Skateboards, die ich hätte aufhängen können, aber die meisten davon waren mit riesigen Logos übersät. Ich dachte mir, dass es cool wäre, ein ganz schlichtes, grünes Board mit graphischem Muster zu haben. Damals hatte Celine ein Muster, das mir unglaublich gut gefallen hat. Ich dachte mir, ich versuche es einfach mal."

„Was einen Tomboy auf den ersten Blick vielleicht ausmacht, ist die Kleidung, aber was Tomboy-Mädchen und -Frauen tatsächlich auszeichnet, ist meiner Meinung nach, dass sie von Natur aus ein großes Selbstvertrauen haben, ihr eigenes Ding machen, bestehende Normen ablehnen und das Abenteuer lieben", sagt Garrett Mettler. Und genau das beweisen all die oben genannten Frauen doch: ihr gemeinsamer Nenner ist Mobilität, nicht Passivität. Egal, wie in und leicht nachzuahmen der Tomboy-Look durch unzählige Editorials geworden ist—ein wahrer Tomboy wird man nicht durch bestimmte Kleidung, sondern dadurch, dass man aktiv ist, etwas macht, etwas bewegt. Das beste Beispiel ist Patti McGee: Ihre Legende lebt nicht auf dem Cover des LIFE-Magazins weiter, sondern darin, dass sie als Mentorin die nächsten Generationen von Skateboarderinnen unterstützt. McGee sagt, dass sich ihr Stil über all die Jahre hinweg kein bisschen verändert habe, weil „gewisse Trends doch sowieso immer wieder kommen."

All das soll bedeuten, dass die Tatsache, dass der Tomboy im Mainstream angekommen ist, zugleich das beste und schlimmste ist, was hätte passieren können. Denn je mehr Tomboys es gibt, desto überholter wird der Begriff. Und trotz all der großartigen Leistungen und des so hart erkämpften Fortschritts ist die größte Ehre, die eine Frau ihrem Tomboy-Idol erweisen kann, es richtig krachen zu lassen und an ihm vorbeizuziehen. 

Credits


Text: Courtney Eldridge
Fotos: Skateboarder Magazine. 

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