hari nef ist die freundin, die wir alle haben wollen

Ob sie uns in Gucci-Outfits kleine Lebensweisheiten aufgetischt oder in ihrem klugen als auch äußerst charmanten TED-Talk Frauen dazu aufruft, die „Frau zu befreien“—Model, Schauspielerin und Aktivistin Hari Nef ist im vergangenen Jahr unaufhaltsam...

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Sep. 22 2016, 2:40pm

Hari wears corset and hat Prada. Skirt stylist's own. 

„Ich bin jetzt 23, ich habe wirklich noch nicht so viel Ahnung vom Leben", sagt Hari Nef. Man würde mit vielen unterschiedlichen Aussagen des Models, der Schauspielerin und Aktivistin rechnen, doch wahrscheinlich nicht mit solch einer Bescheidenheit und Bodenständigkeit. Sie wurde in Newton, Massachusetts geboren (ihre Mutter ist immer noch ihre größte Heldin) und ist für ihr Theaterstudium an der New Yorker Columbia University in die Millionen-Metropole gezogen. Es waren die Großstadt selbst und das offene Nachtleben, die Hari dazu ermutigt haben, mit ihrer Verwandlung zu beginnen. Seit ihrem Abschluss wird Hari von der Presse belagert, und das nicht nur wegen ihrer atemberaubenden Schönheit, sondern auch wegen ihrer Intelligenz und ihres Stils. Hari war das erste Transgender-Model, das im Mai 2015 von der Modelagentur IMG unter Vertrag genommen wurde. Seitdem war sie in i-D zu sehen, hat das Cover von Interview geschmückt und im Gespräch mit der amerikanischen Vogue erklärt, was es bedeutet, sie selbst zu sein. Außerdem ist sie eine gefeierte Schauspielerin, die unter anderem in der zweiten Staffel der Erfolgsserie Transparent in Rückblenden eine junge Transfrau in Berlin zu Beginn des Zweiten Weltkriegs spielt. Jetzt ist sie auf dem aktuellen Cover der britischen ELLE zu sehen und genießt die Mainstream-Berichterstattung, die normalerweise zu diversen Werbeverträgen führt. Hari ist nicht aufzuhalten. Jeder ihrer Tweets, jeder Post auf Instagram und jeder öffentliche Auftritt lösen eine Welle von Kommentaren zu ihrer Person aus, sie ist die erste Ansprechpartnerin, die immer einen passenden Spruch parat hat, wenn jemand sie nach der Transgender-Erfahrung fragt. Für Hari selbst hat ihre Allmacht jedoch einen Preis.

Wie könnte es auch anders sein? Hari ist ein unglaublich ehrlicher und nachdenklicher Mensch; sie gibt alles von sich preis. „Ich bin in Therapie, ich leide unter Angstzuständen und Depressionen und habe ein sehr schlechtes Selbstwertgefühl … ", gesteht sie ganz offen. Es ist diese Art der Aussagen, die Hari bei Hunderttausenden von jungen Leuten, die ihr über die Social Media auf Schritt und Tritt folgen, so beliebt gemacht hat. Wer sonst spricht schon so offen über sein Leben und die Schattenseiten? Mit Sicherheit nicht die etlichen ausdruckslosen Models oder die unablässig gefeierten Popstars. Was wirklich ermutigt, ist pure Ehrlichkeit—auch wenn es oft wehtun kann, sich den Beurteilungen anderer Leute so auszuliefern. „Manchmal ist es ziemlich überwältigend, so sehr im Scheinwerferlicht zu stehen. Ich denke, jeder, der in der Öffentlichkeit steht, wird das sagen, aber für mich ist es gerade jetzt besonders schwierig, mich überhaupt zu zeigen."  

Schürze: Maison Margiela. Weste: Gucci (Menswear). Kopftuch: Christopher Kane. 

Vielleicht hört sich das alles ein wenig hoffnungslos an, aber das ist es nicht. Hari ist eine beeindruckende und verständnisvolle Person, und ihr zartes Lachen durchdringt das Gespräch immer dann, wenn sie etwas sehr ernstes sagt. Sie weiß, worauf sie sich eingelassen hat. Sie spricht und wird gesehen. Außerdem wählt sie ihre Worte so, dass sich jede ihrer Aussagen poetisch anhören. „Mein Kampf war hart. Ich glaube, ich bin nicht ehrlich genug in meiner Schilderung darüber gewesen, wie unglaublich hart das vergangene Jahr wirklich war", sagt Hari über ihre plötzliche Berühmtheit. „Vor allem die Erwartungen der Kunden, Medien und Leute auf Partys waren bedrückend … Ich muss immer diese kleine Figur in der Spieluhr sein, die auf Abruf performt, weil man mich bucht, mit mir spricht oder mich irgendwo einlädt. Und ich muss mich stundenlang drehen und drehen und mein ewiges Lied über meinen Körper, meine Geschlechtsidentität, meine Geschichte, meine Hoffnungen und meine Träume abspielen."

Offensichtlich kann man dieses Spiel nicht lange mitspielen, also hat sie sich ein wenig aus dem Rampenlicht zurückgezogen. „Ich bin sehr stolz, mit dem National Centre for Trans Equality zusammenzuarbeiten", der größten gemeinnützigen Organisation der USA, die sich für soziale Gleichberechtigung von Transgender Leuten einsetzt, „und dass ich als Aktivistin mehr Einfluss ausüben kann", sagt sie. Wenn man sich ihren TED-Talk ansieht, merkt man sofort, dass sie in dieser Rolle voll und ganz aufgeht. Ohne ihrer üblichen LOLs und düsteren Vetement-Kapuzenpullis überzeugt sie am Rednerpult mit Argumenten dazu, warum Weiblichkeit ein mächtiges und manchmal lebensrettendes Instrument für die Trans-Community ist—und wie entscheidend es sein kann, als biologische Frau „durchzugehen", um sich vor der alltäglichen Gewalt gegen Transfrauen zu schützen. Wenn man sie schon mit jemandem vergleiche muss, erinnert sie ein wenig an die junge Angelina Jolie, die sich seit dem Beginn ihrer Karriere immer sehr stark für gemeinnützige Zwecke eingesetzt hat. „Aber gleichzeitig habe ich mich ein wenig zurückgezogen", fährt sie fort. „Vielleicht macht mich das zu einer schlechten Aktivistin, vielleicht macht mich das selbstgefällig, aber ich hatte das Gefühl, dass es im letzten Jahr einen Zeitraum von etwa sechs Monaten gegeben hat, in dem ich die ganze Zeit geredet und geredet habe. Und die Hälfte der Zeit über hatte ich keine Ahnung, was ich da eigentlich erzähle", sagt sie und bricht in ein ansteckendes, wildes Lachen aus.

BH: Barbara Casasola. Rock, Hosen, Strumpfhosen und Unterhose: Harry Pontefract. Schuhe: Christopher Kane. 

Teilweise erzählt Hari ihre Geschichte auch durch Kleidung. Seit ihrem Walk für die Autumn/Winter 16 Menswear Show ist sie mit dem Chefdesigner von Gucci, Alessandro Michele, gut befreundet. Ihr Auftritt in einem mintgrünen Tüllkleid von Gucci bei den CFDAs ist jetzt schon Geschichte. Hari erzählt, dass sie Nachrichten bekommt, in denen Leute sie davor warnen, dass Michele sie nur für den „gerade angesagten Gender-Hype" ausnutzt, wie sie lächelnd sagt. Doch darauf reagiert sie immer prompt mit der Geschichte darüber, wie der Designer offenbar keine Ahnung davon hatte, wie die italienischen Medien über ihr Erscheinen auf seinem Laufsteg reagieren würden. Hari hat auch mit der jüngeren New Yorker Fashion-Szene zu tun, beispielsweise mit Designern wie Eckhaus Latta, Hood by Air und Vejas, der vor Kurzem mit dem LVMH-Ehrenpreis ausgezeichnet wurde. „Ich habe schon immer anhand von Kleidern Geschichten über mich selbst erzählt", sagt sie. „Geschichten, die andere Leute nicht ahnen konnten, nur weil sie meinen Körper oder meine Arbeiten gesehen oder etwas über meinen kulturellen Hintergrund erfahren haben. Die Kleider der Designer haben mir nicht nur dabei geholfen, meine Geschichte zu erzählen—die Leute, die die Kleider machen, sind selbst Teil meiner Geschichte."

Dann gibt es da noch ihre Schauspiel-Karriere. Nachdem Hari in der zweiten Staffel der Amazon-Serie Transparent Gittel gespielt hat, ist sie auf vielen Castings gewesen, über die sie im Moment aber noch nichts Näheres erzählen darf. Obwohl sie angeblich vom Rednerpult zurückgetreten ist, kann sie nicht anders, als diejenigen mit Tips zu unterstützen, die auch unsicher sind und ihre Daseinsberechtigung vielleicht in Frage stellen. Fragt man sie danach, was ihr Kraft gibt, antwortet sie direkt: „Die Macht der queeren Freundschaften und der queeren Schwesternschaft—das ist eine der wichtigsten Kräfte in meinem Leben. Jeder queeren oder nicht geschlechterkonformen Person, die i-D liest und sich einsam oder ausgegrenzt fühlt, kann ich von Herzen raten, sich zu allererst Freunde zu suchen, die euch ähnlich sind. Sucht ein bisschen im Internet rum, und schaut auf die Leute, die über die gleichen Dinge sprechen, wie ihr."

Folgt man ihrem Rat, wird man früher oder später im Internet garantiert auch auf Hari treffen. Und genau deswegen macht sie, was sie macht, deswegen ist sie Hari, die ihr Lied singt—damit andere es hören und nicht mehr einsam sind. „Jedes Mal, wenn das Lied endet, sagen die Leute: Danke, ich habe so viel gelernt. Oder: Dank dir habe ich mir nicht das Leben genommen. Und dann denke ich mir immer: ‚Okay, vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht, diese Figur in einer Spieluhr zu sein.'"

Hari trägt Balenciaga.

Kleid: Prada. 

Kleid: Sportsmax. Armreifen: Céline.

Blazer, Rock, Halsband und Socken: Vetements. Shirt: Ermenegildo Zegna. Boots: 3.1 Phillip Lim. 

Credits


Fotos: Hanna Moon 
Styling: Caroline Newell
Haare: Teiji Utsumi / Bryant Artists verwendet Bumble and bumble.
Make-up: Lucy Burt / Bryant Artists verwendet Chanel autumn/winter 16 und No.5. Body Cream.
Set Design: Mariksa Lowri. 
Fotografie-Assistenz: Alessandro Tranchini.
Stylingassistenz: Philip Smith, Surgil Khan. 
Haarassistenz: Waka.