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wie das black cinema mit "moonlight" sein coming-out erlebt

Das schwarze Coming-of-Drama ist ein Meilenstein für das Black und Gay Cinema. Der Einfluss und die Bedeutung dürfen nicht unterschätzt werden. Wir erklären euch, warum das so ist.

von Colin Crummy
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28 Februar 2017, 11:10am

Der Hype um Moonlight kennt kein Ende — und das zu Recht. Erst gewinnt der Film in einer historischen Oscar-Nacht den Preis als Bester Film und das als erster LGBT-Film überhaupt, der die höchsten Weihen der Filmindustrie erhalten hat. Im Interview hat uns Regisseur Barry Jenkins erklärt, warum ihn, ein heterosexueller schwarzer Mann, diese Geschichte überhaupt interessiert hat: „Solche Charaktere gibt es nicht oft". Er wolle die Black Community ohne Klischees zeigen und seinem Publikum einen Eindruck von der Welt vermitteln, die sie noch nie davor gesehen haben. Die guten Nachrichten für diesen wichtigen Film reißen derweil nicht ab, denn der Cast hinterlässt auch in der Modebranche seine Spuren. Der Fotograf Willy Vanderperre hat Ashston Sanders, Mahershala Ali, Trevante Rhodes und Alex Hibbert für die neueste Calvin-Klein-Kampagne in Szene gesetzt. Dass schwarze Männer sichtbarer in der Modelbranche werden, ist genauso richtig und wichtig wie der Oscar-Gewinn des Films.

Das Historical Dictionary of African American Cinema bietet einen umfassenden Überblick über die Filme von Spike Lee, Blaxploitation und die Barbershop-Comedys und deren Fortsetzungen. Wenn man eine romantische Comedy sucht, in der ein Basketballspieler als Frau lebt, um seine Herzensdame zu erobern, dann ist man dort richtig aufgehoben. Lil Kim spielt übrigens die Freundin. Neugierig geworden? Der Film heißt Juwanna Mann. Das Buch ist so eine Art Black Cinema for Dummies, in dem in alphabetischer Reihenfolge die Filme aufgelistet werden, in denen es um Fragen der afroamerikanischen Kultur und Identität geht, oder kurz gesagt alle Filme, die für das afroamerikanische Kino wichtig waren oder sind. Auch wenn darin auch eher trashige Comedys ihren Platz gefunden haben, schmälert es nichts an der Bedeutung für das Black Cinema, nach Jahrzehnten der Unsichtbarkeit und Unterrepräsentation von schwarzen Menschen auf der Kinoleinwand. Ähnlich geht es dem Gay Cinema. Queere Charaktere und Themen fehlten im Mainstream entweder ganz oder sie wurden als Klischees genutzt. Hier bietet das wichtige Buch und die Verfilmung The Celluloid Closet einen Einstieg in die Kinogeschichte der LGBT-Community.

Auch wenn Menschen aus diesen Communitys oft als Pointe oder als Monster porträtiert werden, treffen afroamerikanische und LGBT-Charaktere im Kino kaum aufeinander. In dem A bis Z das afroamerikanischen Kinos findet man kaum LGBT-Charakteren und Themen. Und auch umgekehrt gilt das gleiche: das Gay Cinema geht nur langsam über die Perspektive weißer, schwuler Männer hinaus. Wenn sich beide dann doch mal überschneiden, ist das Ergebnis nicht immer hübsch. Als afroamerikanische Filmemacher in den 70ern mit den Blaxploitation-Filmen einen Weg gefunden hatten, schwarze Filme für ein schwarzes Publikum zu drehen, waren die queeren Charakter selten mehr als die Spaßvögel oder Bösewichte. Das waren Rollen, die schwarze Schauspieler nur allzu gut kannten, spielten sie doch oft genug selbst die Verkörperung des Albtraums für das weiße Amerika.

Das New Black Cinema der 80ern hat Klischees über Schwarze erfolgreich umgekehrt, was aber kaum die Vorurteile gegenüber der LGBT-Community verändert hat. In einem der Filme dieser Schule, House Party, werden zwar gleich mehrere Klischees über Schwarze infrage gestellt (Eltern, Lebensbedingungen, das Leben von schwarzen Teenagern), aber die Plätze im Gefängnis blieben nach wie vor Drogenabhängigen und Homosexuellen vorbehalten. Das Black Cinema hat selten direkt das Thema Homosexualität angesprochen. Ausnahmen wie Brother to Brother aus dem Jahr 2004 oder Pariah 7 Jahre später haben sich zwar gut auf den Festivals geschlagen, aber haben darüber hinaus kaum Anklang gefunden. Dokumentationen haben sich als geeignetes Format erwiesen, um über die Identität von schwarzen Schwulen zu sprechen. Bestes Beispiel dafür ist die Kultdoku Paris is Burning. Der schwarze, schwule Dokumentarfilmer und Journalist Marlon Riggs hat sich 1988 in seinem Film Tongues Untied die Identität schwuler Schwarzer genauer unter die Lupe genommen, um „das brutale Schweigen in Bezug auf sexuelle und ethnische Unterschiede aufmerksam zu machen."

Die Stille, die seitdem wieder eingekehrt ist, spricht davon, wie sehr afroamerikanische und LGBT-Identität Themen geblieben sind, an die sich nur wenige für das Mainstreamkino wagen. Es ist genau das, was Moonlight — das schwarze und schwule Coming-of-Age-Drama — so spannend macht. Der Film kommt Anfang März in die deutschen Kinos und ist einer der wenigen Leinwandmomente, in denen afroamerikanische und schwule Identität aufeinandertreffen und die von Herkunft, Sexualität, Maskulinität und Identität handeln.

In Moonlight geht es um die Geschichte von Chiron, einem jungen schwarzen Jungen aus dem Liberty City Housing Project in Miami, ein Viertel aus staatlich geförderten Wohnungen für die sozial Schwächeren. Wir treffen anfangs auf den Jungen Little. Seine Mutter ist crackabhängig, aber der lokale Drogendealer Juan (Mahershala Ali) bietet dem Jungen einen Safe Space. Bei ihm findet er Zuflucht und einen Ort zum Schlafen, bekommt Essen und kann einfach seinem Alltag entkommen. In einer der wichtigsten Szenen in dem Film sitzt Chiron am Abendbrottisch mit Juan und dessen Freundin Teresa und fragt was „Schwuchtel" heißt. Die Antwort seines Ersatzvaters wird die Zukunft dieses Jungen beeinflussen.

Der Film wird in drei Kapiteln erzählt und wir werden Chiron noch bei zwei weiteren wichtigen Momenten in dem Leben dieses schwulen, schwarzen Mannes begleiten. Der Drehbuchautor und Regisseur Barry Jenkins hat das Theaterstück vom Autor Tarell Alvin McCraney verfilmt. Beide Afroamerikaner sind selbst in Miami geboren und haben in Liberty City gelebt. Jenkins schafft Momente, die Chirons Identität prägen und über sein Schicksal entscheiden. Im zweiten Teil sehen wir Chiron, nun nicht mehr Little, erwachsener und wie er in der Highschool gemobbt wird, hier wird er von Ashton Sanders gespielt. Insgesamt wird die Figur Chiron von drei Schauspielern verkörpert, die alle sein Anderssein darstellen. Im dritten Kapitel porträtiert Trevante Rhodes Chiron als jungen Mann in einem emotionalen Gefängnis.

Dass Moonlight anders ist als die bisherigen Versuche, afroamerikanische und schwule Identität einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, zeigt der Fakt, dass das Film am Eröffnungswochenende in den USA über sagenhafte 500.000 Dollar eingespielt. Forbes nannte das „einen echten Durchbruch für einen Independent-Film", für einen Film ohne große Namen als Regisseur oder als Schauspieler.

Der Film stellt einen großen Moment für die Identität von queeren Schwarzen dar. Man muss sich vor Augen halten, dass es solche Filme bisher gar nicht auf die große Leinwand und ins Rampenlicht geschafft haben. „Ich weiß immer noch nicht, wie Jenkins diesen Film zustande gebracht hat", sagt der Filmkritiker des New Yorker Hilton Als: „Aber er hat es geschafft. Und alles verändert."

In seiner Einleitung zu dem Überblick über das afroamerikanische Kino, erschienen 2015, schreibt der Herausgeber Jon Woronoff darüber, wie im Black Cinema fast jedes Thema abgedeckt wird. Fast jedes, aber nicht alle. Das Wörterbuch braucht jetzt ein Update. „Die Afroamerikaner mussten sich erst das Bild, das von ihnen in Filmen gezeichnet wird, zu eigen machen und es ins positive wenden, bevor sie die Filme als Mittel der Repräsentation und zu etwas Schönem entwickeln konnten", schreibt der Herausgeber in der Einleitung. Moonlight, dieses scharfsichtige Porträt über die Identität von schwarzen Schwulen, ist genauso so ein Film.

Moonlight startet am 9. März in den deutschen Kinos.

Credits


Einleitung: Michael Sader
Text: Colin Crummy
Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „Moonlight | Official Trailer HD | A24" von A24
Historical Dictionary of African American Cinema ist bei Rowman & Littlefield Publishers erschienen.
The Celluoid Closet ist bei Harper Perennial erschienen.