10 fotografie-studentinnen dokumentieren die unterschiedlichen formen der weiblichkeit

Wen sie am liebsten fotografieren und warum und welche Rolle die eigene Mutter, eine Krankheit oder Selbstliebe dabei spielen, haben sie uns im Interview verraten.

von Blair Cannon
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20 September 2016, 9:50am

photography bianca valle

Die Welt der Fotografie wird aktuell von Künstlerinnen wie Petra Collins oder Olivia Bee dominiert, und es scheint, als stammten die am heftigsten diskutierten und am häufigsten geteilten Fotos indieses Jahr von immer jüngeren Fotografinnen. Im Zeitalter von Instagram ist es für die aufstrebenden Künstler sehr einfach, ihre künstlerischen Visionen mit der Welt zu teilen, sich von anderen Künstlern inspirieren zu lassen und sich mit ihnen zu vernetzen. Die erste Generation von Frauen, die mit Social Media aufgewachsen und nun an der Uni sind, nutzen den Einfluss, den sie bekommen und lichten ihre Freunde ab, um so ein modernes Bild der jungen Weiblichkeit zu formen. Neun Studentinnen und eine Absolventin sprechen mit uns über Foto-Freundschaften, die mädchenhafte Ästhetik und den weiblichen Blick.

Bianca Valle, 20, NYU Tisch
Wer inspiriert dich? Zur Zeit bin ich ein großer Fan von Philip Lorca Dicorcias Arbeiten.
Wo fotografierst du am liebsten? Ich fotografiere immer in meinem Schlafzimmer. Oft benutze ich Kulissen, die ich während meiner Spaziergänge durch die Stadt finde. In der Vergangenheit habe ich beispielsweise eine Matratze, Duschvorhänge und diverse Decken benutzt.

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Warum ist es dir wichtig, andere Frauen zu fotografieren? In meinen Fotos geht es nicht hauptsächlich um Feminismus, aber sie sind dennoch immer sehr weiblich. Ich finde, Frauen sollten so sein können, wie sie sind und sich selbst akzeptieren. Ich versuche nicht, sie zu verändern. Sie tragen ihre eigenen Anziehsachen und machen ihr Make-up selbst. Ich gebe ihnen nur wenige bis gar keine Anweisungen; Ich positioniere sie in der Welt, die ich für sie erschaffen habe und lasse ihnen den Freiraum, zu tun, worauf sie Lust haben.
Biancavalle.com

Andrea Granera, 21, NYU Tisch
Wen kann man auf deinen Fotos sehen? Meine Freundinnen. Sie sind inspirierende, starke, kreative, künstlerisch talentierte und lebhafte Frauen.
Welche Rolle spielt Nostalgie in deiner Ästhetik? Ich sehe all die Fotografen und Künstler, die sich mit der Darstellung junger Frauen befassen, und sie alle haben einen sehr ähnlichen Ansatz. Ich glaube, das liegt daran, dass wir alle mit dem Internet und Plattformen wie Tumblr aufgewachsen sind. Es ist extrem angenehm und es macht Spaß, die unterschiedlichen Stufen unserer Erziehung als Frauen neu zu erleben, angefangen bei Stickern und Glitzer bis hin zur Deko unseres Schlafzimmers. Es ist eine neue Sichtweise, die wir als 7-jähriges Mädchen nicht hatten, und es ist jetzt eine ganz andere Erfahrung, wenn wir mit dieser Ästhetik fotografieren und Kunst machen.
Warum ist es dir als Frau wichtig, andere Frauen zu fotografieren? Es ist ein tolles, befähigendes Gefühl, die Dinge, die früher benutzt wurden, um uns als Mädchen zu sozialisieren, zurückzufordern und auf eine neue Weise einzusetzen und zu sehen, dass andere Frauen in meiner Umgebung das Gleiche tun.
Andreagranera.com

Mei Mei McComb, 18, Parsons
Wen fotografierst du? Bis vor Kurzem habe ich für diverse Skate- und Street-Marken ausschließlich Jungs und Männer fotografiert.
Wie ist es, als junge Frau Typen zu fotografieren? Wenn ich in einem Skatepark fotografiere, habe ich vor allem oft das Gefühl, dass die Typen, die dort abhängen und skaten, denken, ich sei eine der vielen „Ramp Tramps" (Mädchen, die nur in Skateparks abhängen, um einen Typen abzuschleppen), die ein paar Fotos schießen oder ihren Freund nerven will—das ist echt mies. Aber warum sollte ich ihnen erst beweisen müssen, dass ich in Ordnung bin und den Grund für meine Fotos erklären, um mich im Park wohlzufühlen?
Fotografierst du jetzt auch mehr Frauen? Im vergangenen Jahr habe ich tatsächlich auch viele Frauen fotografiert. Es macht echt Spaß, sich mit all seinen Freundinnen zu treffen und sich mit ihnen aufzustylen. Wir nennen unsere Treffen Kunst-Parties, dabei gehen wir alle richtig ab und sehen so gut (oder schlecht) wie nur möglich aus.
meimei.pictures

Maria Marrone, 20, NYU Tisch
Was inspiriert dich? Bücher, Filme und meine Mutter. Ich glaube aber, dass ich in meinem Stil am meisten von der abendländischen Malerei beeinflusst wurde.
Welche Rolle spielt die Kunstgeschichte für deine Ästhetik? Ich bin sehr beeindruckt von Darstellungen der Weiblichkeit in der Kunst und von der Idee der Muse. Ich verbinde diese Vorstellung gerne mit einer weiblichen Perspektive und fordere die Idee der Muse zurück—jede Frau sollte sich stets selbst als eine Muse sehen.
Wie würdest du deine Ästhetik beschreiben? Ich zeige Frauen gerne als Frauen. Heutzutage werden Frauen von Künstlerinnen häufig als sehr mädchenhaft und schräg dargestellt. Ich respektiere das und erkenne das ebenfalls als Teil der Weiblichkeit an, aber persönlich versuche ich immer, die Frauen auf eine Art und Weise darzustellen, die nicht ganz so stark von ihrem Charakter geprägt ist.
mariamarrone.com

Chioma Nwana, NY
Wer ist auf deinen Fotos zu sehen? Meistens versuche ich, die Schönheit schwarzer Frauen zu unterstreichen. Ich mag es, wenn meine Models nur wenig oder gar kein Make-up tragen, damit nichts von ihrer natürlichen Schönheit ablenkt.
Welche Themen sprichst du mit deinen Fotos an? Oft wird schwarzen Frauen vorgeschrieben, was sie alles nicht tun sollten, um als schön wahrgenommen zu werden: glättet eure Haare, bleicht eure Haut, kleidet und benehmt euch auf eine gewisse Weise. Mit meinen Fotos möchte ich den Leuten zu verstehen geben, dass die schwarze Frau schön ist—egal was sie tut oder sein lässt.
Warum ist es dir wichtig, andere Frauen zu fotografieren? Es ist mir wichtig, andere Frauen—vor allem schwarze Frauen—zu fotografieren, weil die Medien uns nicht immer im besten Licht darstellen. Wenn wir es den Medien überlassen würden, der Welt zu erklären, wie wir sind, würden sie uns als laut, ungebildet, arm, unhöflich, ghetto-mäßig und hässlich beschreiben. Die Fotografie ist für mich eine Plattform, über die ich diese Vorstellungen entkräften und ein wahrheitsgetreueres Bild von schwarzen Frauen entstehen lassen will.
vfiles.com

Jordan Tibero, 23, FIT (Absolventin 2015)
Wen kann man auf deinen Fotos sehen? Als ich an der FIT studiert habe, habe ich täglich so viele interessante und modebewusste junge Frauen über den Campus laufen sehen. Ich bin also oft zu den Mädels rübergegangen und habe sie gefragt, ob sie Interesse an einem Shooting hätten.
Welche Rolle spielt Feminismus in deinen Fotos? Ich glaube, dass ich mit meinen Fotos unterbewusst einen Kommentar zur Weiblichkeit abliefere. In den vergangenen Jahren habe ich viele Porträts von einer meiner Schwestern aufgenommen, die ihre Haare schon seit etwa fünf Jahren nicht mehr hat schneiden lassen.
Warum ist es dir wichtig, andere Frauen zu fotografieren? Optisch habe ich mich noch nie besonders für den männlichen Körper interessiert. Seit ich mit 15 begonnen habe, Fotos zu machen, habe ich mich immer viel wohler dabei und inspirierter gefühlt, Frauen abzulichten. Die Romantik und Weiblichkeit gehören schon seit eh und je zusammen, und ich finde, das Zusammenspiel aus verträumten Farben und geheimnisvollem Nebel in meinen Fotos stellt diese Verbindung gut dar.
jordantiberio.com

Isabella Tan, 22, NYU Tisch
Wer ist auf deinen Fotos zu sehen? Ich fotografiere unglaublich gerne Frauen. Versteht mich nicht falsch, manchmal liegt es auch daran, dass meine Kumpels einfach zu schüchtern sind, aber ich fotografiere größtenteils Frauen.
Warum ist es dir wichtig, andere Frauen zu fotografieren? Zu Hause in Malaysia gab es zu meiner Zeit nicht viele Fotografinnen. Mit dem Aufstieg des Internets gibt es langsam immer mehr, aber damals sah das noch anders aus. Das Fotografieren wurde als ein männlicher Beruf angesehen und mir ist manchmal aufgefallen, dass es Frauen unangenehm war, von Männern fotografiert zu werden—wir machen uns immer Sorgen um den männlichen Blick. Mir ist es wichtig, die Welt und die Leute auch mit einem weiblichen Blick betrachten zu können.
Wie setzt du den weiblichen Blick ein? Ich fotografiere viele Aktmodelle. Für mich geht es bei der weiblichen Nacktheit um die Rundungen und die Formen des Körpers und wie man diese am besten schön und auf eine eindringliche, geheimnisvolle Weise darstellt.
isabella-tan.com

Kristin Kempa, 21, FIT
Wer ist auf deinen Fotos zu sehen? Ich mache Selbstporträts. In den vergangenen Jahren habe ich meine Rolle als weibliche Patientin mit Endometriose (einer schmerzhaften Erkrankung, bei der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutterhöhle vorkommt) dokumentiert.
Was inspiriert dich dazu, zu fotografieren? Ich lasse mich von der Endometriose-Gemeinschaft inspirieren. Dank starker Frauen, die die gleiche Krankheit haben, wurde ich in die richtige Richtung gewiesen und konnte mich richtig behandeln lassen. Sie erzählen mir ohne eine Spur von Scham von ihren Schmerzen und von der möglichen Kinderlosigkeit. Der Mut dieser Frauen gibt mir die Kraft, mit meinen Fotos meine eigene Geschichte zu erzählen.
Inwiefern ermutigen dich diese Selbstporträts? Wir leben in einer Gesellschaft, in der niemand über die Menstruation nachdenkt, geschweige denn über Krankheiten von Geschlechtsteilen sprechen will. Die Fotografie ermöglicht es mir, meine Geschichte zu erzählen und meine Identität zu formen. Meine persönlichsten Fotos habe ich in dem Jahr aufgenommen, in dem ich auf die OP gewartet habe, die bestätigen sollte, ob ich an Endometriose leide.
kristinkempa.com

Laura Alston, 20, Columbia und Central Saint Martins
Wer ist auf deinen Fotos zu sehen? Zur Zeit fotografiere ich meine Freunde, weil sie immer zur Stelle sind, wenn ich mal wieder mit meiner Kamera herumexperimentieren will.
Inwieweit sind deine Arbeiten weiblich oder feministisch? Ich zeichne, fotografiere und spreche gerne über schwarze Frauen. Nicht nur, weil sie Teil meiner Identität sind, sondern auch, weil ich das Gefühl habe, dass sie in den Medien nicht ausreichend vertreten sind.
Mit welchen Themen beschäftigst du dich? In den vergangenen vier Jahren habe ich mich mit meinem Label Afro Baby Movement auf die Schnittstelle von natürlichen Haaren schwarzer Frauen, Kunst und Hip Hop konzentriert. Ich sehe einfach zu oft Fotos, die auf den männlichen Betrachter zugeschnitten sind. Es ist eine tolle Abwechslung, Frauen zu sehen, die Frauen für Frauen fotografieren.
afrobabymovement.com

Maya Baroody, 20, NYU Tisch
Wer ist auf deinen Fotos zu sehen? Meine Freunde. Ich mag es, sie so zu zeigen, wie ich sie kenne, und zu zeigen, wie schön sie in meinen Augen sind. Ich mache auch viele Selbstporträts im Atelier aber auch ganz einfache Selfies. Es ist mir wichtig, mir selbst die gleiche Liebe und ästhetische Anerkennung zu schenken, die ich meinen Freunden schenke.
Wo fotografierst du am liebsten? Ich liebe Fotos vom Nachtleben. Wenn ich abends unterwegs bin, kommt nie Langeweile auf. Außerdem ermöglicht es mir, die Umgebung um mich herum zu erforschen und mich in eine ästhetische Vision zu flüchten.
Welche Rolle spielt Weiblichkeit in deinen Fotos? Bei der Weiblichkeit geht es darum, die Elemente zu betonen, die einzigartig sind, denn da draußen gibt es sonst niemanden, der genauso ist wie du. Und es geht darum, andere Mädchen und Frauen zu lieben und zu unterstützen. Ich lerne durch die Fotografie oft neue Freunde kennen. Wenn mir der Stil und die Attitüde eines Mädchens gefällt, spreche ich sie an und frage, ob ich sie fotografieren darf.
mayabaroody.com

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Text: Blair Cannon

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