warum den jungdesigner wataru tominaga vergleiche mit issey miyake so gar nicht stören

Wir haben den Hyères-Preisträger Wataru Tominaga nach seiner Show im Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin zum Gespräch getroffen und uns erklären lassen, wie man es heutzutage als Jungdesigner in der Modewelt zu etwas bringt.

von Alexandra Bondi de Antoni
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07 Juli 2016, 9:35am

Jedes Jahr verlassen hunderte Studenten mit dem Traum, es eines Tages zu etwas Großem zu bringen, die Modeschulen dieser Welt. Sei es das eigene Label oder die Arbeit für ein etabliertes Modehaus—mit dem Diplom in der Tasche scheint einem die Welt erstmals offen zu stehen. Viele erkennen jedoch schnell, dass es nicht so einfach ist, wie sie es sich im sicheren Universitätskontext vorgestellt haben.

Einer, für den die Sterne jedoch eindeutig gut stehen, ist Wataru Tominaga. Der junge Japaner hat erst letztes Jahr sein Studium an der renommierten Londoner Kunstuniversität Central Saint Martins abgeschlossen und prompt mit seiner Abschlusskollektion einen der begehrtesten Nachwuchspreise gewonnen. Im Mai dieses Jahres wurde er mit dem Première Vision Preis beim 31. Hyères International Festival of Fashion and Photography ausgezeichnet.

Verwunderlich ist das nicht wirklich. Tominagas Entwürfe sind mutig, seine Schnitte erfrischend anders und in einer Modewelt, in der zu viele mit dem Strom schwimmen, um zu verkaufen, neu. Seine Farbwahl und die Kombination aus verschiedenen Stoffen und Silhouetten ist spielerisch leicht. Gekonnt und doch mit einer fast schon kindlich anmutenden Naivität mischt er gefärbten Kord mit übergroßen Hemden aus Baumwolle und kombiniert sie zu bedruckten Hosen und plissierten Ärmeln. Die daraus entstehenden Volumen ließen Julien Dossena, Jurymitglied in Hyères und Creative Director von Paco Rabanne, ihn mit Issey Miyake vergleichen. Inspiriert wurde er von den Entwürfen der Grande Dame des Faltenwurfs, Madame Grès, umgesetzt hat er die weiblichen Schnitte der französischen Designerin jedoch in Männerkleidung.

Im Oktober wird er nach Paris ziehen, um dort bei den Métiers der Chanel-Ateliers zu lernen und um an seiner Kollaboration mit dem französischen Label Petit Bateau zu arbeiten. Zuvor haben wir den überglücklich, jedoch ziemlich erschöpft wirkenden Japaner noch nach seiner Show im Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin zum Gespräch getroffen und uns erklären lassen, wie man es als junger Designer in der Modewelt zu etwas bringt.

Wataru Tominaga

Wenn man deine Kollektion zum ersten Mal sieht, sind es die Farben, die einem sofort ins Auge springen. Was fasziniert dich an Farben?
Ich habe schon viel darüber nachgedacht, aber weiß es nicht genau. Ich kann Vermutungen anstellen. Kräftige Farben haben mich schon immer angezogen. Als Kind habe ich mich schon mit amerikanischer Popkultur der 60er und 70er beschäftigt. Diese Bilder habe ich nie mehr aus meinem Kopf bekommen. Diese Kollektion ist vor allem von der damaligen Kleidung inspiriert und wie sich die Menschen damals gekleidet haben. Ich denke an die Hippie-Bewegung und das Folklore-Movement. Es war egal, ob du eine Frau oder ein Mann warst. Das Geschlecht gab es nicht wirklich. Heutzutage habe ich sogar das Gefühl, dass man gar nicht mehr Unisex sagen muss, die Leute interessiert es einfach nicht mehr. Sie sind Frauen, Männer, Trans—alles ist egal.

Die 60er in Amerika waren eine ganz andere Kultur, als die, in der du aufgewachsen bist, nehme ich an?
Ja, es war schon anders, obwohl Japan natürlich auch wahnsinnig viel an Kultur zu bieten hat. Als ich jung war, habe ich fast nur im Internet gelebt. Ich hatte keine wirklichen Freunde, ich war nicht viel unterwegs. Ich habe immer Comics gelesen und Tage mit Scrollen verbracht, ich habe mir immer Kleidung angeschaut.

Wo bist du genau aufgewachsen?
Ich bin in einem kleinen Dorf im Süden von Japan aufgewachsen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich nicht so oft rausgegangen bin, weil es dort einfach nicht viel zu tun gab. Ich bin eher ein Stadtkind. Die Natur interessiert mich nicht, deshalb war ich nur im Internet.

Hat sich das geändert, als du nach London gezogen bist?
Ich war zuerst in Tokio und bin dann nach London gezogen. Ich wollte immer auf die Saint Martins. Ich habe irgendwann mal einen Comic gefunden, in dem ein Mädchen in London Mode studiert. Obwohl der Comic eigentlich für Mädchen war, habe ich ihn immer und immer gelesen und wollte so sein wie sie.

Du sprichst von Popkultur, die in sich sehr schnelllebig ist, deine Kleidung wirkt jedoch sehr durchdacht, detailliert und, obwohl sie bunt und opulent ist, alles andere als schnell.
Ja, da hast du wahrscheinlich recht. Ein Designer, der etwas Neues und Einzigartiges machen will, braucht Zeit, weil er sonst nur einer von vielen ist. Das ist das Wichtigste. Heutzutage machen alle Dinge, die sehr ähnlich sind. Die Stylisten helfen den Designern. Es geht fast nur noch ums Styling. Ich mag das nicht. Klar, ist es wichtig, aber ich will, dass meine Kleidung für sich selbst steht. 

Das Handwerk ist genauso wichtig wie das Design?
Genau. Handwerk ist sehr wichtig. Ich freue mich schon auf Paris, wo ich Dank meines Sieges in Hyères in den Couture-Ateliers von Chanel arbeiten darf. Ich hoffe, ich kann noch viel lernen. Ich will unbedingt Schuhe, mehr Prints und Stickereien machen.

Du meintest, dass du dir am liebsten viel Zeit lässt. Die Modewelt ist jedoch unglaublich schnell. Wie denkst du, dass du in dieser bestehen kannst und nicht in dem Mode-Hamsterrad gefangen wirst?
Man muss sich der Geschwindigkeit nicht unbedingt hingeben. Manche Designer machen das natürlich, dann kommen die Stylisten ins Spiel, die dann das fehlende Design wettmachen. Wenn das Styling gut ist, musst du keine besondere Kleidung haben. Mir gefällt das nicht. Wenn man die Modewelt betrachtet, merkt man schon ein Umdenken. Man muss sich als junger Designer daran erinnern, wer man ist und wofür man steht, auch wenn viele Stimmen einem etwas anderes sagen.

Du hast gerade erst die Universität abgeschlossen, in der man frei in seinem Gedanken sein kann. Hast du trotzdem schon mal darüber nachgedacht, wer deine Kleidung tragen wird? Auch wenn die Outfits nach sehr viel aussehen, sind einige Teile ziemlich tragbar.
Nein, nicht wirklich, ich wollte mich nicht einschränken. Vielleicht, wenn ich irgendwann einmal ein Label aufbauen will, aber gerade konzentriere ich mich lieber auf das Wesentliche: Designen.

Wo siehst du dich in der Zukunft? 
Natürlich wäre es mein Traum, mein eigenes Ding zu machen. Aber das wird wahrscheinlich nicht so leicht sein. Man kann schließlich nicht immer das haben, was man will. Wenn man für eine Marke arbeitet, muss man sich mehr danach richten, was der Markt will. Manchen Designern macht das sicher Spaß—mir nicht so.

Was sagst du zu den Vergleichen zu Issey Miyake? 
Das ist der leichteste Vergleich, den man ziehen kann. Das ist die erste Reaktion, so auf die Art: „Miyake ist Japaner, ich bin Japaner, da muss es Parallelen geben, weil wir mit Texturen und Farben arbeiten." Aber natürlich stört es mich nicht. Er ist ein großartiger Designer. Miyakes Hauptanliegen war es, Kleidungsstücke aus einem einzigen Stück Stoff zu fertigen. Meine Schnitte sind flach und einfach, weil ich Strukturen zeigen will. Also wahrscheinlich besteht da schon eine Verbindung. Ich denke zuerst an den Stoff und dann erst an alles andere, wenn sich daraus dann spannende Strukturen entwickeln, freue ich mich und arbeite mit ihnen.

Wie sieht dieser Arbeitsprozess mit den Stoffen aus?
Wenn ich zum Beispiel mit einem Stoff arbeite, der elastisch ist, versuche ich, ihn weniger elastisch zu machen. Ich will alles anders machen. Ich experimentiere viel und gebe mir viel Zeit, verschiedene Dinge auszuprobieren. Wenn der Stoff zum Beispiel Löcher hat, denke ich darüber nach, warum er Löcher hat und was man damit machen kann. Ich liebe es, Gegensätze zu verbinden und auch verschiedene Reaktionen auf die Designs zu bekommen. Je verschiedener die Reaktionen sind, desto besser ist es. Ich verstehe, wenn jemand meine Kleidung nicht versteht, weil sie ihm zu opulent ist. Ich habe auch eine Liebe für Minimales. Vielleicht entwerfe ich bald nur noch klassische Stücke. Wer weiß. Minimalismus und Opulenz haben auch viele Verbindungen. Beide sind extrem. Ich liebe das Extreme. Ich will immer extrem sein, in die eine oder die andere Richtung. 

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Fotos: Mercedes Benz

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