Fotos: Bec Martin

Diese Frauen verändern gerade die elektronische Musikszene in Australien

"Endlich fühlt es sich nicht mehr an wie ein Männerverein."

von John Buckley
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13 Februar 2019, 3:28pm

Fotos: Bec Martin

2018 war ein großartiges Jahr für die elektronische Musik, besonders für junge Künstlerinnen wie Coucou Chloe, Laurel Halo und Marie Davidson. Sie sind nur einige wenige Beispiele dafür, dass sich das Genre endlich von seiner von Männern dominierten Vergangenheit wegbewegt.

Durch die Einführung von Sydneys berüchtigten “lockout laws” hat sich Melbourne als Zentrum der australischen Club Kultur herauskristallisiert. Obwohl die Stadt mittlerweile als Zufluchtsort für das Nachtleben gilt, hat auch sie mit ganz spezifischen Problemen zu kämpfen – auch wenn sie versucht, sich davon nicht unterkriegen zu lassen. Mit den unnachahmlichen Bemühungen von Gruppen wie Cool Room, eine Club Nacht mit progressiven Line-ups, und Instagram-Accounts wie Melbourne Club Culture Memes wird der Weg für eine vielfältigere Zukunft der Szene geebnet.

i-D hat mit sechs DJs über ihre Erfahrungen und Zukunftsvisionen für die elektronische Musikszene in Melbourne gesprochen.

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Jennifer Loveless

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?
Ich bin House und Techno DJ. Lassen wir es dabei.

Was passiert gerade in der elektronische Musikszene in Australien?
Ich würde sagen, dass Cool Room eine Bewegung gestartet hat, die Musiklandschaft zu verändern. Alle Line-ups müssen aus mehr als 50 Prozent sich als Frauen identifizierende oder nicht-binäre Künstler bestehen. Und dabei ist es auch geblieben. Damals fand das jeder noch scheinheilig, aber jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem es fast schon lächerlich ist, irgendwo ein Line-up mit ausschließlich Männern zu sehen.

Mit welchen Problemen haben junge Künstler*innen heute besonders zu kämpfen?
Vor allem in Melbourne ist es unglaublich schwierig, auf Tour zu gehen, ohne einen guten finanziellen Puffer zu haben – vor allem international. Entweder brauchst du jemanden, der dich absichert oder du musst selbst genug Geld haben. Andererseits mag ich es aber auch, wie abgeschieden Melbourne sein kann, weil es seine eigene Sprache und seinen eigenen Sound hat. Die Szene hier ist so jung und blüht gerade erst richtig auf.

Die Zukunft der elektronischen Musik ist …
Hell, aufregend und erfrischend.

@jenniferloveless

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Toni Yotzi

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?
Ungezogen, mit vielen UK-Einflüssen wie Jungle, Bass, 90er Tech House und Rave. Von Japanese House über Trap bis hin zu Dancehall und Disco. Was auch immer sich in dem Moment richtig anfühlt.

Wenn du die elektronische Musikszene im Vergleich zu letztem Jahr betrachtest, siehst du Unterschiede?
Das Bewusstsein für eine gleichberechtigte Repräsentation ist gerade sehr stark. Die Leute sind genervt von Line-ups, die nur aus weißen Männern bestehen. Auch wenn die vielfältigeren Bookings und Safe Spaces einen unbestreitbar positiven Einfluss haben, ist der Pool an Künstlerinnen in Australien immer noch verhältnismäßig klein. Ich glaube, dass es eine kooperative Beziehung von Einsicht und musikalischer Integrität zwischen Promotern, Medien, Künstlern und dem Publikum geben muss. Viele Frauen schreiben mir, dass sie mit dem Mixen anfangen wollen, aber nicht wissen, wo sie starten sollen. Ich versuche sie dann immer mit den richtigen Menschen zu connecten oder ihnen selbst dabei zu helfen. Viele von ihnen meinten, dass sie sich davor noch nicht sicher genug gefühlt hätten – bis jetzt.

Die Zukunft der elektronischen Musik ...
Wird hoffentlich ihre Probleme kreativ lösen und aufgeschlossener sein.

@toniyotzi

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C.Frim

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?
Er ist stark von Afro geprägt. Ich spiele sehr viel Musik, die aus diesem Style entstanden ist. Viel nigerianische Musik.

Mit welchen Schwierigkeiten werden aufstrebende Künstler*innen in Melbourne konfrontiert?
Die DJ-Community ist untereinander stark vernetzt, deswegen kann es ziemlich hart sein – vor allem als Frau – in diesen Kreis zu kommen, wenn du nicht die “richtigen” Leute kennst. Ich hatte ziemliches Glück die Leute zu kennen, die ich kenne, da ich noch nicht lange in diesem Umfeld arbeite.

Die Zukunft der elektronischen Musik ist …
Weiblich.

@c.frim

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Modern Heaven

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?
Wäre ich gut genug, wäre ich John Maus. Realistisch gesehen klingt Modern Heaven eher wie das ungewollte Kind von Sia und Black Marble.

Wie ergeht es Frauen in der elektronischen Musikszene?
Wir waren schon immer da und werden auch nicht mehr weggehen. Ich könnte das Offensichtliche hervorheben und alle Frauen aufzählen, die mit ihrer Arbeit den Lauf der Musik verändert haben. Stattdessen sage ich lieber mit vollem Stolz, dass Frauen so qualitativ und performativ sind wie schon immer. Die langwährende soziale Herabsetzung von Frauen hat dazu geführt, dass wir robuster und selbstbewusster geworden sind, männlich-dominierte Branchen herauszufordern. Es gibt eine Million andere Gründe, aber im Zentrum liegt der soziale Wandel.

Die Zukunft der elektronischen Musikszene ist …
Ungewiss.

@modernheaven

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Purient

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?
Ein Freund meinte mal zu mir, meine Musik sei wie eine "warme Umarmung in einem dunklen Flur".

Wie hat sich das Gender-Verhältnis in der elektronischen Musikszene verändert?
Die Menschen realisieren langsam, dass kein Geschlecht über mehr Kompetenz verfügt oder "besser" ist. Bei dieser Entwicklung haben die sozialen Medien eine wichtige Rolle gespielt. Wir alle haben heute die Möglichkeit, unsere Talente einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die ganzen wundervollen Künstlerinnen bekommen mehr Aufmerksamkeit. Endlich fühlt es sich nicht mehr an wie ein Männerverein.

Mit welchen Schwierigkeiten werden aufstrebende Musiker*innen in Melbourne konfrontiert?
Einige Freunde von mir werden bei ihren Auftritten mit Missbrauch und Diskriminierung konfrontiert, nur weil sie sind, wer sie sind – das ist scheiße. Ich möchte nicht für andere Menschen sprechen, aber das ist mein persönlicher Eindruck.

Die Zukunft elektronischer Musik ist …
Extrem divers.

@purient

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Makeda

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?
Das Einfachste wäre wohl, ihn als Experimental Electronic zu beschreiben. Ich mag es, mit meiner Musik eine emotionale Erfahrung zu kreieren, die tiefer geht und von vielen Menschen gespürt werden kann. Sounds, die es so vorher noch nicht gab.

Wie nimmst du die Rolle von Frauen in der elektronischen Musikszene wahr?
Ich weiß nicht, Melbourne ist eine ziemlich aufgeschlossene Stadt. Die meisten Leute hier sind recht progressiv. Selbst wenn sie manchmal Vorurteile haben, werden sie sich darüber bewusst und versuchen, es zu ändern. Vor fünf Jahren war die Musikszene hier noch sehr weiß, sehr maskulin geprägt. Es gab bestimmte Archetypen: Der harte Techno-Bro oder der softe House-Produzent mit der netten Frisur und dem bunten Hut. Das wurde mit der Zeit einfach langweilig.

Mit welchen Hindernissen werden aufstrebende Musiker*innen heute konfrontiert?
Ich kam nach Melbourne, um Musik zu machen und um meine Heimatstadt zu verlassen. Das Tolle an der Stadt ist, dass es hier so viele Möglichkeiten gibt. So viele wunderbare, unterschiedliche Menschen. Alle sind unglaublich talentiert, ständig begeistert mich eine neue Person. Aber es ist schwierig, als Musiker oder DJ zu überleben – und es wird noch härter. Es gibt nicht viele finanzielle Angebote, um auch abseits von Melbourne überleben zu können. Die Balance zwischen Arbeit, Leben und Musik zu finden, ist nicht immer eindach. Es wird auch immer problematischer, auf Tour zu gehen, da viele Veranstaltungsräume schließen.

Die Zukunft elektronischer Musik ist …
Offen.

@makeda

Credits


Fotos: Bec Martin

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der australischen Redaktion.