Fotos: Maxwell Tomlinson. Von links nach rechts: Doublet aus Tokio, Pressure aus Griechenland

Wie Streetwear zur Uniform einer progressiven Jugend wurde

Von Singapur über Lagos bis nach Griechenland: Eine neue Generation Mode-Außenseiter bahnt sich ihren Weg in die High Fashion.

von Felix Petty
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19 März 2019, 11:52am

Fotos: Maxwell Tomlinson. Von links nach rechts: Doublet aus Tokio, Pressure aus Griechenland

Ursprünglich wurde die Streetwear in den 70er und 80er Jahren aus Jugendkulturen der amerikanischen Ost- und Westküste geboren. Praktisch, aber cool musste sie sein. Für Skater und Surfer von Cali bis New York City. Der Streit darüber, was genau Streetwear bedeutet, wird wohl nie enden. Wie sie sich verändert und ihre Seele verloren hat. Streetwear ist wie eine weiße Leinwand, die der Imagination absolute Freiheit lässt – ein weißes T-Shirt, das nur darauf wartet, bedruckt zu werden. In den letzten 30 Jahre hat sich Streetwear zu einem allgegenwärtigen Modestatement entwickelt. Attraktiv für eine Generation von Konsumenten, die wahrscheinlich eine der zahlreichen Malls in Seoul und Hong Kong durchforstet oder sich an Stränden und Skateparks in Amerika herumtreibt.


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Auch wenn Streetwear außerhalb der Luxury Fashion Industrie zu voller Blüte gelangte, wurde sie trotzdem schnell von den etablierten Designern adaptiert. Streetwear, ein Safe Space für Außenseiter*innen, Künstler*innen, diese seltsamen Kids in der Schule, wurde zum Luxusgut. Zu einem von vielen Modestilen, ein weltweites Kostüm im Zeitalter eines globalen Mainstream-Instagram-Geschmacks. Die generische Silhouette eines teuren Tracksuits, Logo-Hoodies und Baseball-Caps. Nur ein weiteres profitables Produkt in einem multinationalen Mode-Konglomerat.

Wafflesncream
Wafflesncream wurde von Jomi gegründet, der Skateboarding für sich entdeckte, als er in Leeds lebte. Er zog zurück nach Nigeria und entschloss sich, einen Skateshop und ein Modelabel zu gründen, um der Welt die Kreativität und Diversität von Lagos zu zeigen.

Wenn wir unseren Blick weg von den Catwalks in New York, London, Mailand und Paris bewegen und ihn auf die Straßen der Welt richten, sehen wir eine neue Welle der Streetwear auf uns zurollen. Von Singapur über Lagos bis nach Griechenland und Osteuropa: Mode, die die progressive Politik des 21. Jahrhunderts repräsentiert. Die inklusive Haltung einer Generation, die in Online-Communitys aufgewachsen ist.

Nach dem Terroranschlag im Büro von Charlie Hebdo in Paris im Jahr 2015 musste Frankreich einen Anstieg Anti-Muslimischer Hassverbrechen und Gewalt mitansehen. Als Antwort darauf gründete Theodoros Gennitsakis sein Modelabel Pressure, um den Stereotypen rund um Menschen arabischer Herkunft im Land entgegnen zu wirken. Ihr erster Drop war ein T-Shirt mit dem Wort "Pressure" in arabischem Schriftzug, "wegen des Drucks, den Araber in Frankreich zu dieser Zeit spürten", erklärt er. "Die Stücke sind vielleicht einfach, aber ihre Botschaft ist stark."

Hyein Seo
Ausgebildet worden an der Royal Academy in Antwerpen nun mit Sitz in Seoul, hat Hyein Seo ihren Mode-Background genutzt, um Kleidung mit einer wilden Street-Style-Attitüde zu kreieren. In ihren Händen liegt die Verantwortung einer neuen Generation koreanischer Modefans.

Pressure wurde zu einem Modelabel, das seine Grundidee immer beibehielt: "Das Ziel war es ein Gefühl, eine Geschichte zu kreieren, daraus kann erst das fertige Produkt entstehen." Die Reflexion einer modernen europäischen Geschichte, ein Zusammenprall kultureller Referenzen über den ganzen Kontinent verteilt. Slogans auf arabisch, griechisch und englisch. Die Symbole und Motive ausgehend von der antiken und modernen Mythologie dieser Kulturen. Pressure ist eine interkulturelle Synthese, die eine pan-europäische, positive Einstellung erschafft. Eine utopische Vereinigung. Das Mittelmeer als Ort der Integration statt einer Kluft.

GCDS
Giuliano hatte die Idee zu GCDS, als er in China lebte. Er zog nach Shanghai im Alter von 19 Jahren und begann, mit Design zu experimentieren.

Die Stücke von Pressure sind mutig, farbenfroh und lustig. Sie nutzen die Einfachheit von Streetwear, um ein großes Statement zu machen. Es steht für ein neues Gefühl in der Mode, eine Offenheit gegenüber Diversität. Streetwear bietet die Fläche, solche Emotionen tragbar zu machen – besonders, da sie Raum bietet, für Menschen, die keine klassische Mode-Ausbildung genossen haben. "Die Kinder von Immigranten, die in der Mode arbeiten, sind gerade das Spannendste, was passiert. Sie lassen ihre Wurzeln mit in die Industrie einfließen."

Das nigerianische Streetwear-Label Wafflesncream steht für einen ähnlichen kulturellen Mix. 2012 von Jomi gegründet, als er in seine Heimat Lagos zurückzog. Zuvor lebte er in Leeds und war mehr als fasziniert von der dortigen Skate-Szene. Was Wafflesncream machen, lässt sich mit Brands wie Palace und Supreme vergleichen – nur liegt der Fokus hier auf Lagos. "Unsere Designs wurden für unsere Tanten und Onkel, Mütter und Väter, Pastoren und Priester gemacht. Für unsere Homies und unsere Community", erklärt er im Interview. "Wir erzählen unsere Geschichten und haben Spaß dabei. Wir zeigen der Welt die Welt, in der wir leben."

Youths In Balaclava
Aus der strikten und unterdrückerischen Gesellschaft Singapurs geboren, rebelliert Youths In Balaclava mit Hilfe ihrer DIY-Kreativität.

Streetwear ist für eine junge Generation Designer, die eine wichtige Message haben, jedoch keine professionelle Ausbildung. Es ist ein Ort voll wunderschöner, demokratischer Offenheit. Du kannst ein Label gründen, du musst es nur wirklich wollen. Wir haben alle Photoshop und können uns T-Shirts von Fruit Of The Loom kaufen. Du kannst dich und deine Gedanken mit Hilfe von Instagram der Welt präsentieren. "Du besitzt bereits alles, was du brauchst", erklären Youths In Balaclava via Email. "Wir mussten für unsere erste Kollektion all unser Erspartes opfern, aber der Wunsch war so groß, dass es das wert war."

Was all diese Brands vereint, ist ihr Ethos, ihr DIY-Spirit. Der dringliche Wunsch, ihre Leben repräsentiert zu sehen. Streetwear ist im Herzen genauso Ideologie wie Modestil. Zwar lässt sich nur schwer erklären, was diese spannende, neu aufkommende Szene stützt, doch der Erfolg dieser Brands – die außerhalb des traditionellen Modekosmos existieren –, zeigt, wie sich die Industrie gerade verändert. Oder zumindest, dass es einen dringlichen Wunsch nach Veränderung gibt.

Come Tees
Sonya Sombreuil rief Come Tees 2009 ins Leben. Es ist Teil einer neuen Community aus Streetwear Designern aus L.A. Sie setzen sich für eine progressive Jugend im Zeitalter von Trump ein.
Online Ceramics
Online Ceramics sehen sich genauso sehr als Kunstprojekt wie als Modelabel.

Credits


Fotos: Maxwell Tomlinson
Styling: Max Clark

Grooming: Gary Gill / Streeters
Set-Design: Sophie Durham
Fotografie-Assistenz: Meshach Roberts, Kerimcan Goren und Rory Cole
Styling-Assistenz: Louis Prier Tisdall
Haar-Assistenz: Tom Wright und Chris Gatt
Handprints: Labyrinth Photographic
Casting: Gabrielle Lawrence / People File
Models: Marco und May / IMG, Fox, Skinnyman, Yasin, Narayin, Tyson, Tiago, Aljab und Jessica

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus unserer The Homegrown Issue no. 355, Spring 2019.