Foto: Screenshot von Instagram

Wir sind süchtig nach Notifications, Likes und Follower – und jetzt?

"Der Welt deine Follower-Zahlen und Likes unmittelbar zu zeigen, ist ungefähr genauso wie, dein Bankkonto öffentlich zu machen oder deine Schwanzlänge auf ein T-Shirt zu drucken." – Kanye West.

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26 September 2018, 10:41am

Foto: Screenshot von Instagram

Im Durchschnitt schauen wir 150 Mal pro Tag auf unser Handy. 150 ist auch die Zahl, die der britische Anthropologe Robin Dunbar als maximale Anzahl an Menschen sieht, mit der wir stabile Beziehungen aufrechterhalten können. Stabil meint in diesem Kontext "die Menschen, bei der du dich nicht unwohl fühlst, an einem Tisch zu sitzen, wenn du sie zufällig in einer Bar siehst".

Wir leben im Jahr 2018 und laufen nicht zufällig jemandem in einer Bar in die Arme. Dank der sozialen Medien wissen wir, wo und mit wem sich der andere gerade ein Afterwork-Bier gönnt. Wenn wir wollen, können wir mit mehr als zwei Billionen Menschen interagieren, 150 klingt im Vergleich dazu nach unglaublich wenig. Dieser drastische Ausbau unseres virtuellen, sozialen Umfelds ist der Vorbote eines riesigen Stroms an Benachrichtigungen, die uns unermüdlich darüber informieren, was wir verpasst haben bzw. dabei sind zu verpassen.


Auch auf i-D: Instagram schadet unserer psychischen Gesundheit


In den 30er Jahren hat der amerikanische Psychologe B. F. Skinner festgestellt, dass Mäuse am häufigsten auf Reize reagieren, wenn sie willkürlich ausgesendet werden. So können sie weder vorhergesagt, noch darauf vorbereiten werden. Skinner argumentierte, dass Menschen auf die gleiche Art und Weise funktionieren. Wie Skinners Mäuse sind wir von der Zufälligkeit der Benachrichtigungen berauscht, die auf unseren Bildschirmen erscheinen. Sie geben uns ein kurzes, aber intensives Gefühl sozialer Bestätigung.

"Wie Skinners Mäuse sind wir von der Zufälligkeit der Benachrichtigungen berauscht, die auf unseren Bildschirmen erscheinen. Sie geben uns ein kurzes, aber intensives Gefühl sozialer Bestätigung."

Natürlich wurde dieses soziale Phänomen kapitalisiert: Hallo, Instagram. Durch den neuen Algorithmus werden Likes erst einbehalten, um sie dann zufällig auszuschütten. Dadurch fühlen die Nutzer eine bedrückende Form von Enttäuschung, weil ihre Beiträge nicht so gut angekommen sind, wie erhofft. Die verspäteten Likes, die nach und nach eintrudeln erhöhen dagegen unseren Dopaminspiegel und lassen das anfängliche, flaue Gefühl im Magen verfliegen.

Auch Kanye West, Philosoph unserer Zeit, hat vor einigen Tagen den Sinn von Instagram hinterfragt. Das ständige Begehren nach Likes verglich er damit, "dein Bankkonto öffentlich zu machen oder deine Schwanzlänge auf ein T-Shirt zu drucken". Mit dieser Meinung steht der Rapper und Modedesigner nicht alleine da.

Es ist mittlerweile bewiesen, dass soziale Medien unserer psychischen Gesundheit schaden. Als Antwort darauf veröffentliche Apple im Juni ein iOS 12 Update, das Nutzern erlaubt, "die Zeit nach zu verfolgen, die wir auf sozialen Medien und anderen Apps verbringen". Das Update beinhaltete Activity Reports, App Limits und eine neue "Do Not Disturb"-Funktion, mit der du deine Benachrichtigungen selbst kontrollieren kannst. So können sich Nutzer ein eigenes Bild von ihrem Social-Media-Konsum machen.

Interessant war dabei die "Turn Off"-Funktion, mit der du alle Benachrichtigungen auf einmal deaktivieren kannst. Anstatt dich ablenken zu lassen, kannst du dich plötzlich länger als 15 Minuten konzentrieren, einen Artikel auf deinem Handy wirklich zu Ende lesen und ein ganzes Abendessen lang den Gesprächen deiner Freunde lauschen. Kein endloses Scrollen und keine ungewöhnlich langen Aufenthalte auf dem Klo mehr. Eine Zukunft, die sich um es kurz zu machen, verdächtig nach unserer jüngsten Vergangenheit anfühlt. Wie dankbar wir wären!

"Eine Zukunft, die sich um es kurz zu machen, verdächtig nach unserer jüngsten Vergangenheit anfühlt. Wie dankbar wir wären!"

Tristan Harris gehört zu einer neuen Generation Silicon Valley, nennt sich selbst fragwürdiger Weise Philosoph und wird von großen Tech-Unternehmen wie Google und Apple als "Design Ethicist" und "Product Philosopher" betitelt. The Atlantic machte ihn zu "dem, was einem Gewissen des Internets am nächsten kommt". In seinem Essay aus dem Jahr 2016 erklärt Harris, wie Technologie Menschen seines Verstandes beraubt. "Wenn du einmal weißt, welche Knöpfe du drücken musst, kannst du Menschen wie ein Klavier spielen", heißt es darin. "Die höchste Freiheit besteht in einem freien Geist", schreibt Harris weiter. "Wir brauchen Technologie, die uns dabei hilft, wie wir leben, fühlen, denken und uns frei bewegen. Wir brauchen unsere Smartphones und Web Browser als Skelett für unseren Geist und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, die unserer Werte vor unsere Impulse stellen." Gemeinsam können wir die soziale Medien für unsere Zwecke nutzen, ohne dabei Gefahr zu laufen, uns selbst zu verlieren.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.