giorgio moroder: the godfather of dance

Wir haben die Veröffentlichung der ersten Mix Compilation des Altmeisters zum Anlass genommen, um mit dem Urgestein über Clubbing, DJs, David Bowie und sein Erbe zu sprechen.

von Matthew Whitehouse
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28 November 2016, 10:40am

In der Geschichte der Popmusik gibt es nur wenige Künstler, die wahre Innovatoren waren. Giorgio Moroder ist einer von ihnen. Er wurde 1940 in Südtirol geboren, arbeitete in den 70ern mit Donna Summer zusammen und hat den Moog Synthesizer wie kaum ein anderer beherrscht, obwohl es auf der Welt nur drei Stück davon gab. Ein Sound, den die Welt heute unter dem Namen EDM feiert. Erfunden hat ihn Giorgio Moroder.

Das wäre natürlich alleine schon Grund genug, in den Pop-Olymp aufgenommen zu werden. Doch dazu kommen noch seine diversen Soundtracks in den 80ern und 90ern (Midnight Express, Scarface und The Animals of Farthing Wood) und sein unglaubliches Comeback 2013 mit seinem Gastauftritt auf Daft Punks Bestseller-Album Random Access Memories. Giorgio Moroder ist einer der großen Songwriter und Produzenten unserer Zeit—und das Gesicht zum bekanntesten Schnurrbart des Dance.

Mit 76 würden wir es verstehen, wenn er sich von Disco-Geschäft verabschiedet und sich den Rest der Zeit auf dem Golfplatz vergnügt. Doch als wir mit ihm skypen, er wohnt mittlerweile in L.A., spricht er so begeistert über Dance wie eh und je, besonders über seine neue Single „Good For Me", die auf dem gleichen Label wie der Donna-Sommer-Klassiker „I Feel Love" aus dem Jahr 1977 erschienen ist: Casablanca Records. Mit Space Ibiza: 1989 - 2016 bringt er seine Mix-Compilation überhaupt raus. Wir haben mit dem Godfather of Dance über Clubbing, DJing und David Bowie gesprochen.

Space Ibiza hat vor Kurzem nach über 27 Jahren seine Türen geschlossen. Waren Sie häufiger da?
Oh ja. Ich war oft da. Das erste Mal vor vier Jahren und ich war wirklich beeindruckend. Es war riesig. Carl Cox hat aufgelegt, den liebe ich. Ich fand es nur ein bisschen zu laut, aber das war auch das einzige.

Im Alter von 73 haben sie zum ersten Mal als DJ aufgelegt. In den 70ern waren sie nicht wirklich an der Clubszene interessiert, oder?
Das stimmt. Ich bin in München öfter ausgegangen, als ich komponiert und aufgenommen habe. Alle zwei oder drei Wochen. Aber hauptsächlich, um mir anzuhören, was gerade angesagt war, nicht um zu tanzen. Manchmal hatte ich ein Demo dabei und habe den DJ gefragt, ob er es nicht spielen will. Ich wollte die Reaktion des Publikum testen. Das war ein ziemlich guter Ansatz. So lernt man ziemlich schnell, was funktioniert und was nicht.

Welcher Ihrer Songs funktionieren heute am besten?
Um ehrlich zu sein, sind es die alten. Am Ende ist es „Call Me". Der funktioniert am besten. Danach kommt „I Feel Love" von Donna Sommer. „Love to Love You Baby" weniger, vielleicht weil es mein erster Song war. „Hot Stuff" ist auch gut. Und jeder singt gerne zu „Flashdance" mit. Von den neueren [aus dem Deja Vu-Album aus dem Jahr 2015] ist es der Song mit Sia. Kylies ist richtig gut. Und der Song mit Charli XCX.

Welche Alben haben sie als Musikliebhaber beeinflusst?
Das war definitiv „Diana" von Paul Anka. Das war der erste Song, den ich mitsingen konnte und auch auf der Gitarre spielen konnte. Das ist ein einfacher Song. Man braucht keine gute Stimme dafür. Ich habe viel R 'n' B gehört, Musik von schwarzen Künstlern. Damals gab es diese billig gemachten Schwarz-weiß-Filme, Elvis Presley und Bill Haley. Ich habe in einer kleinen Stadt in Italien gewohnt. Sobald so ein Film rausgekommen ist, habe ich ihn mir angeschaut. Die erste Musik, mit der ich in Berührung gekommen bin, war die von Elvis Presley, Gene Vincent.

Wie kam es dazu, dass sie vom Singen und Gitarrenspielen auf die Idee gekommen sind, für andere Künstler zu produzieren?
Ich bin nach Berlin gezogen und wollte unbedingt ein erfolgreicher Sänger, Produzent und Komponist werden. Als Sänger hatte ich mit „Looky Looky" und „Son of my father" zwei passable Hits. Danach habe ich als Sänger aufgehört, weil ich nicht länger im Vordergrund stehen und singen wollte. Ich habe den Text vergessen. Ich sollte für die Hollies eröffnen, aber die Musiker waren nicht gut. Da habe ich mir gesagt: ‚Das war's. Ich bleibe im Hintergrund'.

Wie sehr hat sich die Musikindustrie verändert?
Sie ist vollkommen anders. Erstens sind heute so viele Leute daran beteiligt. Zwei oder drei Komponisten. Zwei oder drei Produzenten. Manchmal hat man mit dem Künstlerin selbst nichts zu tun. Anders bei Sia. Ich hatte die Tracks mit einem Teil der Melodie fertiggestellt und sie ihr geschickt. Sie hat gesungen, den Text geschrieben, die Topline und die Harmonien hinzugefügt. Und sie hat mir sogar einen guten Mix geliefert. Viel passiert heutzutage über E-Mail. Es ist total anders, aber so ist es nun mal. Wenn man stundenlang mit einem Sänger im selben Studio ist, fällt es manchmal schwerer, objektiv zu bleiben.

Sie haben „Call Me" erwähnt. Wie war die Zusammenarbeit mit Blondie?
Die war super. Ich habe den Song, der später zu „Call Me" werden sollte, anfangs unter dem Titel „Man Machine" komponiert. Dann habe ich ihn Deborah in New York geschickt. Sie ruft mich zurück und sagt mir, dass sie ihn gut findet. Dann bin ich nach New York geflogen und wir haben ihn aufgenommen. Es lief soweit alles gut, bis auf den Schlagzeuger Clem Burke, der war ein bisschen überwältigend. Er wollte alle zwei Takte spielen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass er alle acht Takte seine Fill Ins spielen kann. Wir haben den Song dann kaum bearbeitet, weil er war einfach perfekt war.

Mit wem hätten Sie gerne zusammengearbeitet, haben Sie aber nicht?
Mit so vielen. Ich weiß, dass es von Duran Duran Interesse gab, bevor sie ihr großes Album veröffentlicht haben. Mit Aha habe ich angefangen, aber es hat nicht gepasst. Was die Filme angeht, so wollte mich mit Alan Parker für Fame zusammentun, nachdem ich den Oscar für Midnight Express gewonnen hatte. Ich habe das Drehbuch gelesen, habe aber nicht verstanden, worum es im Film geht, und abgelehnt. Jetzt ist es ein Kultfilm. Es gibt wahrscheinlich zehn Gruppen oder Sänger, die ich nicht gemocht habe oder die mich nicht gemocht haben. Man trifft einen Musiker, man redet und entweder es passt oder es passt nicht.

Gibt es einen Trick, den Produzenten in solchen Situationen anwenden können?
Ich glaube, die Zusammenarbeit mit mir ist einfach. Ich habe so viele Songs mit Donna Summer produziert. Das hat vom ersten Tag an funktioniert. Ich glaube nicht, dass es einen besonderen Trick gibt. Man muss eben sensibel vorgehen. Man muss den Sängern sagen: ‚OK, kannst du das noch mal singen'. Man muss ihnen sagen, dass es nicht darum geht, dass sie nicht gut singen, sondern einfach um ein Backup zu haben. Das ist ein kleiner Trick. Mit Freddie Mercury war das ein Problem. Ich war nicht wirklich eingeschüchtert, aber er war so ein großer Künstler, Sänger, Schauspieler, Produzent, Komponist und Pianist. Das war mehr als schwierig. Da muss man sehr vorsichtig agieren.

Sie müssen sich mit Donna Summer richtig gut verstanden haben, offensichtlich. Wussten Sie, dass sie mit „I Feel Love" etwas Besonderes in den Händen halten?
Ja, das war uns bewusst. Als ich mit der Idee ankam, dass wir einen Song machen sollten, der nach der Zukunft klingt, habe ich gesagt, dass wir mit allem auf dem Synthesizer spielen sollten. Ich habe mit der Basslinie angefangen, die richtig schwierig war, weil wir die Töne nicht getroffen haben. Wir haben zehn Sekunden aufgenommen. Aufgehört. Dann kam ein Ton. Dann wieder. Das war mehr ein technischer Prozess als Musik. Aber als die Tracks fertig waren, habe ich ihn Donna vorgespielt und sie hat einfach angefangen zu singen. Donna war einfach unbezahlbar. Sie hat gerne alberne Sachen gemacht und gesagt: ‚Okay, das ist gut', und dann hat sie einfach angefangen zu singen: ‚Oooooh, I feel love, I feel love, I feel love, I feel love, I feel love'. Ich wusste nicht, wie tiefgründig das war, aber es hat ziemlich funktioniert.

Und wie es nach der Zukunft klang. David Bowie hat mal gesagt, als Brian Eno den Song zum ersten Mal gehört hat, ist er reingerannt gekommen und sagte, dass er den Sound der Zukunft gefunden hat. 
Ich habe ein paar Jahre später erfahren, dass Bowie und Eno in Berlin waren und aufgenommen haben. Sie waren auf der Suche nach dem neuen Sound. Berlin übte damals auf die Kreativen magische Anziehung aus, mit Drogen und all dem. Sie waren auf der Suche nach dem Neuem, dem Aufregendem. Dann kam Eno reingerannt und hat gerufen: ‚Lass uns aufhören, David! Giorgio hat den Sound gefunden!' Das ist schön. 

Denken Sie viel über ihr Erbe nach? Wie möchten Sie in Erinnerung bleiben?
Ich freue mich über die Sachen, die ich gemacht habe. Anfangs hatte Disco kein besonders tolles Image, aber heute ist es akzeptiert. Dance-Musik ist in Form von EDM erfolgreich. Ich habe Musik für tolle Filme geschrieben. Drei Olympiaden. Ich habe sogar einen religiösen Song gemacht, den höre ich mir von Zeit zu Zeit an. Außer einem Musical fällt mir nicht viel ein, was ich nicht getan hätte.

Und zum Schluss, Giorgio: Was ist das Wichtigste für einen perfekten Popsong?
Glück. Man muss einfach Glück haben.

Credits


Text: Matthew Whitehouse
Fotos: via giorgiomoroder.com

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