Die wahre Geschichte einer jungen Massenmörderin im Prag der 70er

Michalina Olszanska ist der Star des neuen Films über die letzte Frau, die in der Tschechoslowakei hingerichtet wurde. Wir haben mit der Schauspielerin über die Schwierigkeiten und die Herausforderungen ihrer besonderen Rolle gesprochen.

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30 November 2016, 11:45am

Vielleicht kennst du die Geschichte von Olga Hepnarová, der letzten Frau, die in der Tschechoslowakei hingerichtet wurde? Im Jahr 1973, im Alter von 22 Jahren, raste sie mit einem LKW in der Prager Innenstadt in eine Menschenmenge, die sich auf dem Bürgersteig versammelt hat. tötete dabei acht und verletzte zwölf weitere davon schwer. Zwei Jahre später wurde sie sie erhängt.


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Wer war diese Massenmörderin? Und warum hat sie acht Menschen getötet? Der neue Biopic Ich, Olga Hepnarová beantwortet diese Fragen nicht. Statt Sensationsgier ist der Film eine tiefgründige Charakterstudie. Olga ist ein schlechtgelaunter Teenager und Einzelgängerin. In ihrer Vorstellung steht sie gegen den Rest der Welt: "Eines Tages werdet ihr für euer Gelächter und eure Tränen bezahlen", schrieb sie in ihr Tagebuch und deutete ihren Racheakt damit bereits an.

In der Verfilmung der Geschichte spielt die polnische Schauspielerin Michalina Olszanska die Rolle der ketterauchenden Olga, dieser Louise-Brooks-artige Tomboy. Der in schwarz-weiß gehaltene Film fängt den tschechoslowakischen Retrochic der 70er und die Einsamkeit der Antiheldin gekonnt ein. Eine Geschichte, die noch nicht so bekannt ist. Deshalb wollten wir mehr wissen und haben der Schauspielerin ein paar Fragen gestellt: Hat sie Sympathien mit Olga? Wie hat sie die Rolle persönlich beeinflusst? Warum interessieren uns junge Mörderinnen überhaupt?

Im Film beschreibt sich Olga als "aufgeklärte Psychopathin". Siehst du sie auch so?
Ich finde die Sichtweise, dass sie schlicht verrückt war, ist zu einfach. Ich halte sie für eine sehr intelligente junge Frau, die verloren, einsam und für ihre Umgebung vielleicht zu clever war. Das kann ein Problem gewesen sein, denn keiner hat sie verstanden oder wollte sie überhaupt verstehen. Vielleicht wäre es einfacher für sie gewesen, wenn sie Leute aus der kreativen Szene getroffen hätte, denn sie war nun mal diese Art von Mädchen, sie hat die ganzen Bücher gelesen. Ihre Mutter wollte einfach nur, dass sie ein normales Mädchen ist, und das hat in den 70ern schon viel bedeutet.

Wie hast du dich in die Gedankenwelt einer Massenmörderin eingefühlt?
Ich glaube, dass jeder junge Mensch – besonders Mädchen – Momente hat, in denen er denkt, dass keiner ihn versteht. Man glaubt, dass man alleine auf der Welt ist; dass man nicht dazugehört. Ich habe auch so gefühlt, wie wahrscheinlich jeder, aber nicht jeder von uns bringt deswegen Menschen um. Ich habe mich als erstes deswegen an meine Vergangenheit erinnert, an meine dunkelsten Tage, ich habe mich daran erinnert, was ich als Jugendliche gefühlt und gedacht habe. Ich habe versucht zu verstehen, was sie gefühlt haben muss. Mir ging es nicht darum, ihre Handlungen zu rechtfertigen. Denn sie hat nicht nur Leute umgebracht, sondern auch sich selbst.

Du meinst also, dass sie bereits davor wusste, dass sie gehängt wird?
Ja, sie wollte das. Das ist ein sehr komplizierter Selbstmord, weil ihre Mutter ihr am Anfang des Films sagt, dass man für Selbstmord einen starken Willen braucht und dass sie den nicht hätte. Das ist ihr immer im Gedächtnis geblieben, ihr ganzes, kurzes Leben lang.

Wie hat es sich für dich angefühlt, Olga zu spielen?
Ich spiele immer die Bösen, die Mörderinnen, die Monster, die Psychopathinnen. Ich weiß nicht, warum [Lacht|. Wenn ich solche Rollen spiele, versuche ich immer, einen letzten Funken Menschlichkeit in ihnen zu finden und mich daran festzuhalten, denn ansonsten macht es keinen Sinn, die Böse zu spielen. Als ich die Rolle der Olga gespielt habe, habe ich so etwas wie eine Erleichterung gespürt. Das war meine erste richtig böse Rolle. Dadurch habe ich mich selbst und andere Menschen besser verstanden. Ich habe durch sie vor allem gelernt, Leute nicht verurteilen.

Im Film sehen wir Olga, wie sie Tagebuch schreibt. Habt ihr mit den richtigen Textstellen gearbeitet?
Die Tagebücher waren echt und auch die Plädoyers im Gericht sind echt. Der Rest ist erfunden. Wir haben uns auch mit ihrem letzten Freund getroffen. Aber er wollte nicht viel über sie reden. Als Tomas, der Regisseur, ihn gefragt hat, ob ich Olga spielen könnte, antwortet er: "Ja, sie hat etwas in ihren Augen". Das war sehr wichtig, um der Figur Olga näherzukommen. Er fühlt sich schuldig, weil er nicht in der Lage war, sie vor sich selbst zu schützen.

Hast du Sympathien für Olga und was sie durchmachen musste?
Ja, die hatte ich. Ich bin auch schon mein ganzes Leben lang eine Außenseiterin. Einzelkind. Meine Eltern sind beide Schauspieler, das ist nicht leicht. Ich konnte sie verstehen. Wir haben noch eine weitere Sache geändert: Sie war in Wirklichkeit nicht so dünn wie ich im Film. All die jungen Mädchen wollen doch immer so dünnn, so magersüchtig aussehen. Ich habe es auch durch. Das ist unsere moderne Interpretation von Olga. In Wirklichkeit sah sie nicht so aus. Wir dachten aber, dass es den heutigen Mädchen dabei helfen würde, zu verstehen, was in ihr vorgeht.

Die echte Olga hat eine lange Geschichte mit psychischen Problemen, wollte aber auf keinen Fall als unzurechnungsfähig gelten. War sie sich wirklich darüber bewusst, was sie macht?
Das glaube ich schon. Denn was sie sagt, ist logisch, soweit es das sein kann. Als sie das getan, was sie getan hat, als sie den LKW in die Menschen steuerte, war sie bei klarem Verstand, glaube ich zumindest. Sonst würde es keinen Sinn machen, einen Film über eine Psychopathin zu drehen. Weil weder du noch ich sind Psychopathen, ich könnte mich nie mit so einer Figur sympathisieren. Aber wenn ich ein normales Mädchen sehe, dem etwas zustößt, jemand, der sie verletzt, dann denke ich mir, dass mir das auch passieren könnte.

Olgas stylischer Bob wird filmisch mit einer Zeitlupe umgesetzt. Zeigt uns das ihren anderen Charakter?
So sah sie wirklich aus, mit dem Tomboy-Look. Ihre Frisur ist ein filmisches Mittel, um ihre Entwicklung zu zeigen. Am Anfang hat sie lange Haar, sie macht alles, was ihre Mutter von ihr erwartet. Dann wird sie zu dem Menschen, der sie am Ende war. Sie wollte tougher aussehen, als sie in Wirklichkeit war. Sie wollte mehr wie ein Junge aussehen, um zu verstecken, dass sie sensibel und mädchenhaft ist, weil sie vor allem Angst hatte.

Deine Filmrolle raucht wie eine Irre, in fast jeder Szene. War das schwer für dich?
Davor war ich Gelegenheitsraucherin, mit meinen Freunden auf Partys. Aber jetzt, nach den Dreharbeiten, rauche ich so viel. Meine Mutter sagt immer, dass wir rauchen, weil wir Tiere sind und uns sicher fühlen, wenn wir an etwas saugen. Das erinnert uns daran, wie wir an der Brust unserer Mütter gesaugt werden. Olga hat auf ganz bestimmte Art und Weise geraucht—nicht so wie Greta Garbo. Immer wenn sie sich unsicher gefühlt hat, hat sie geraucht.

Interessieren sich die Leute mehr für sie, weil sie eine Frau war? So viele Massenmörderinnen gibt es ja nicht.
Ich denke schon, dass es eine Rolle spielt, weil wir das von einer Frau nie erwarten würden. Und es kommt nicht so oft vor. Es ist etwas Anderes, wenn ein schwaches, dünnes Mädchen so etwas durchführt anstelle von einem toughem Typen. Das Gleiche gilt doch auch für die Figur der Mathilda aus Léon: Der Profi. Man denkt sich doch, dass diese Figur irgendwas Interessantes haben muss.